Der Teufel reitet Galliano

von David Baum3.03.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Unser Kolumnist bedauert das tragische Ende des Modeschöpfers, der sich völlig zugebumst als Hitler-Fan geoutet hat und nun von seinem Arbeitgeber Dior für out erklärt worden ist.

HÖREN SIE – dieser Mann war einmal herrlich. Diejenigen, die es mit dem Ersten Gebot nicht so genau nehmen, bezeichneten ihn gerne als Gott seines Metiers. Zumindest den Begriff des Genies darf man gelten lassen. Ich stand John Galliano einmal gegenüber, als er auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen war. Das war 1997 und er seit einigen Monaten Chefdesigner des großen Pariser Modehauses Dior. Die schöne Teresa, eine Freundin aus Hamburg, durfte auf seiner Haute-Couture-Schau neben den Stars ihrer Zunft, Nadja Auermann, Trish Goff, Naomi Campbell und Stella Tennant, seine Kreationen unter enthusiastischem Applaus im Jardin du Luxembourg präsentieren. Teresa hatte mich entzückenderweise in die Garderobe eingeschleust und ich konnte im “Kreise dieser Grazien”:http://www.theeuropean.de/jennifer-dixon/1771-modejournalismus den Mann bei seiner Arbeit beobachten. Er wirkte sophisticated, hintergründig, klug, irgendwie erhaben. Es war allen klar, dass seine Mode auch Kunst war und er mehr als nur ein schillerndes “Schneiderlein”:http://www.theeuropean.de/christoph-tophinke/1667-chelsea-farmers-club. Dass zuletzt davon nach Dienstschluss nicht viel übrig geblieben ist, zeigt ein wackeliges Video, in dem er als ziemlich zerstört, auf welchen Rauschmitteln auch immer, Hitler preist und lallend sein Gegenüber in den Gastod empfiehlt. Ausgerechnet er, der in Gibraltar geborene andalusische Brite, der sich stets als „stolzer Zigeuner“ definierte und dessen Arbeit den Duft des Multikulturellen verströmte. Dior trennte sich unverzüglich von seinem Chefkreativen. Offenbar keine Sekunde zu früh, wollte doch Dior-Gesicht Natalie Portman, nach eigenem Bekunden „stolze Jüdin“, nichts mehr mit dem Mann zu tun haben.

Kunst gegen Produktplanung

Justament sind es “Designer”:http://www.theeuropean.de/juergen-bruckmeier/662-die-macht-der-mode, die dem alternativen Milieu entstammen und als Kreateure tragbarer Konzeptkunst gefeiert werden, die ins Taumeln geraten sind. Schließlich lastet es auf ihren Schultern, das Prinzip Modedesign vor der völligen Verflachung durch die Produktmanager der Konzerne zu bewahren. Sie sind es, die im Zirkus der Mode mit immer neuen Schwindel erregenden und grotesken Nummern um Aufmerksamkeit buhlten, bis sie schließlich selbst in die Tiefe stürzten. Nicht nur Modestar Galliano ist so an dem von ihm eingeführten Hang zum Extremen zerschellt. Kollege Alexander McQueen, der sich parallel an der Spitze von Givenchy immer wieder neuen stets beklatschten Schocktherapien unterzog, nahm sich vor einem Jahr unter der Zuhilfenahme von Drogencocktails und Strang das Leben. Andere Modestars aus den Neunziger- und Nullerjahren fanden rechtzeitig den Absprung. Helmut Lang hält sich seitdem mit sehr speziellen Kunstprojekten und der Zucht von exotischem Geflügel auf Long Island bei Laune, Hedi Slimane verdingt sich als Fotograf (übrigens als brillanter, wie – Achtung Werbeeinschaltung – in der aktuellen GQ Style zu bewundern ist), Stella McCartney verließ Chloé, um sich allein ihren eigenen tierfreundlichen Erzeugnissen zu widmen. Glücklich, wer auf dem Sunset Boulevard rechtzeitig die Ausfahrt genommen hat. Der Begriff des „edgy“ bekommt eine andere Deutung im Sinne Nietzsches, der wusste, dass dem, der lange in einen Abgrund blickt, der Abgrund auch einmal einen tiefen Blick zurückwerfen wird. Zum Jahresende saß ich in der Potsdamer Küche von Wolfgang Joop und hörte an einem langen Abend viel, das sich auch als Kommentar zu den aktuellen Ereignissen in Paris eignen würde. Er schaute etwas melancholisch auf das verschneite Marmorpalais auf der anderen Seite des zugefrorenen Heiligen Sees und sprach in seltener Offenheit über das Dilemma der Branche. „Die Fachwelt muss endlich feststellen, dass der Typus Gutverdiener, der sich über ein Label definiert, um dabei zu sein, ausgestorben ist“, sagte er. „Das habe ich, das hat Jil Sander, das hat Helmut Lang, das haben wir alle bitter lernen müssen. Die Couturiers sind auf dem Holzweg, sie fühlen sich gezwungen, immer groteskere, lautere, absurdere Kreationen auf den Laufsteg zu schicken. Bis sie eines Tages nur noch eine einzige Kundin haben werden, nämlich Lady Gaga.“

Eine Meute von Bluthunden

Frau Gaga – wir erinnern uns – ist jene groteske Erscheinung der Popwelt, die sich in Fleischfetzen kleidet und deren Oberstylist Nicola Formichetti gerade die Kreativleitung beim Modehaus Thierry Mugler übernommen hat. Passend zur aktuellen Lage ziert die Einladung zu seiner Show das Bild von Rick Genest, einem jungen Mann, der vom rasierten Scheitel über das gesamte Gesicht bis zur kleinen Zehe mit einem Furcht erregenden Skelett tätowiert ist. Es ist unschwer zu erkennen, dass diese Inszenierungen, die eine im Pop, die andere in der Mode, nicht weit entfernt sind von jener des zurzeit teuersten Künstlers der Gegenwart, Damian Hirst, und seinem Diamanten-Schädel mit dem zynischen Titel „For the love of god“. Ich freue mich auf das Jahr 2030, in dem uns dann Kunsthistoriker hoffentlich erklären können, was das alles über unsere Zeit zu sagen hat. Welche Eiterbeule der Postmoderne da geplatzt ist. Oder wie brillant alles zusammen in Wahrheit gewesen ist. Ich selbst vermag es nicht zu sagen und meine persönliche Einsicht eignet sich höchstens als Postskriptum. Indem Armeen von Internet-Rechercheuren in inzwischen allen Promotionsarbeiten von Spitzenpolitikern nach “Fehlern und Schwindeleien”:http://www.theeuropean.de/mark-t-fliegauf/5882-homo-superior suchen, indem Millionen von Hobby-Paparazzi mit ihren Digicams auf schwache, dumme Stunden von Prominenten lauern, setzen wir das Spitzenpersonal jeglicher Sparte einem abartigen Druck aus. Nur das mausgraue Mittelmaß ist noch sicher, weil sich schlicht niemand dafür interessiert. Indem wir Medien wie Bluthunde hinter den schweißenden Spitzenkräften herjagen, egal ob sie Doktorarbeiten gefälscht haben, besoffen Auto gefahren sind, als 17-Jähriger unfreiwillig einige Monate einer Waffen-SS-Einheit angehört und dies dem Nobelpreiskomitee in Stockholm nicht gebeichtet haben, oder ob sie irgendwann einmal im Rausch Scheißdreck faselten. In diesem Klima möchte man nicht an der Spitze stehen. Noch mehr, damit macht man jegliche Form von Elite unmöglich. Von diesem Phänomen und seinen Auswirkungen wird auch 2030 noch die Rede sein.

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