Ära Ehre Ex

von David Baum24.02.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist findet die Korinthenkacker, die in Guttenbergs Doktorarbeit stöbern, natürlich spießig und destruktiv, ist ihnen aber dennoch dankbar. Durch die Affäre gesteht das konservative Lager ein, sich von einem lästigen Erbe befreit zu haben: dem Ehrgefühl.

HÖREN SIE – wenn wir mit unserem Benehmen im Deutschland des 19. Jahrhunderts gelebt hätten, wären wir längst alle tot. Und zwar zu Recht. Etwa Alexander Dobrindt und Sigmar Gabriel. Die hätten sich gegenseitig spätestens vor zwei Tagen mausetot geschossen. Da hat der eine über den anderen gesagt, sein „Verhältnis von Gehirnmasse zu Körperumfang würde sich immer ungünstiger entwickeln“. So ein Satz von – sagen wir – dem preußischen Landtagsabgeordneten Virchow gegenüber Bismarck und die Blutwiese wäre fürs nächste Morgengrauen schon gebucht gewesen. Da hätte sich selbst ein Hosenschisser wie Virchow “nicht rausreden können”:http://www.theeuropean.de/alexander-kissler/5812-zu-guttenberg-der-bundestag-und-ein-argwohn, wie er es dazumal wegen einer anderen Sache getan hat. Aus den bild- und blutreichen Beschreibungen des Heinrich Mann wissen wir, dass die Zeiten der Ehre und der dazugehörigen Duelliererei nicht nur wunderschön gewesen sind. Wir erinnern uns an jenen anstrengenden Kaffeehausbesuch, wo der vielfach vernarbte Untertan Diederich Heßling zu einem gemütlich in der Zeitung lesenden Gast tritt und behauptet: „Mein Herr, Sie haben mich fixiert!“ Und schon müssen Sekundanten benannt werden, bloß um Heßlings Satisfaktionsgemüt zu kühlen. Grässliche Vorstellung, man würde im Café Einstein sitzen und ein wenig über Otto Schily herziehen und dann hat der hauptstadtweit bekannte Choleriker dummerweise daneben gesessen und wirft einem die Fitzel seiner Visitenkarte ins Gesicht. Kenner der Politszene wissen: Schily schießt ziemlich scharf.

“Mein Herr, Sie haben mich fixiert!”

Dieses extrem ausgefuchste, komplizierte und zutiefst reaktionäre Ehrensystem der Kaiserzeit hat verdientermaßen das Zeitliche gesegnet. Und das ist auch gut so: Bei den vielen Weiber- und Fremdgehgeschichten etwa der bayrischen Bundestagsabgeordneten, hätte sich inzwischen vermutlich der gesamte männliche Anteil der CSU-Landesgruppe in Berlin gegenseitig ausgerottet. Und doch hat dieser Ehrgedanke einen positiven Aspekt: Man musste jeden Moment seines Verhaltens damit rechnen, für alles geradestehen zu müssen. Denn das “Prinzip Ehre”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/5806-plagiats-affaere stach eben auch dann, wenn das Gesetz keine Einwände aufrief. Wieso dieser kleine, launige Geschichtsausflug? Weil dieser Ehrgedanke in heutigen Zeiten nicht bloß in den Ehrenmorden unserer lieben Mitbürger mit Migrationshintergrund seine Urstände feierte. Das konservative Lager gefiel sich nach wie vor, ein klein wenig mit der eigenen Ehrhaftigkeit zu liebäugeln. Politiker wie der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger, Ex-Innenminister Manfred Kanther oder sogar der Grünen-Abgeordnete Rezzo Schlauch schlugen sich in ihren Studentenverbindungen im Namen der Ehre wacker ihre Birnen blutig. Meist aber bezog man sich beim Hochhalten der Ehre auf jemanden wie Stauffenberg, der nicht bloß aus Mitmenschlichkeit, sondern auch im Namen der Ehre seines Volkes die Bestie erlegen wollte. Übrigens unter Mithilfe von Urgroßonkel und Großvater eines gewissen Bundesverteidigungsministers.

Im Namen der Ehre

Ein besonders anschauliches Aufflackern des alten Ehrbegriffs erlebten wir im Jahre 1999, als der frisch gebackene Altkanzler Helmut Kohl sich massiv weigerte, die Urheber von geheimen Spenden an seine Partei bekannt zu geben, weil er diesen schließlich sein Ehrenwort gegeben hatte. Dafür stellte er störrisch aber auch irgendwie tapfer die Reputation seiner ganzen Karriere als Staatsmann aufs Spiel. Wer dachte, dass sich das Einsammeln von Schwarzgeldern, der Verstoß gegen Gesetz und Verfassung, ehrabschneidend auswirken könnte, hatte sich getäuscht. Im Lager gilt der Vorgang nicht als Makel im Leben Kohls, sondern als Zeichen seiner besonderen Mannhaftigkeit. Die Angelegenheit mit dem ehemaligen Doktor der Rechtswissenschaften im Amt des Verteidigungsministers ist deshalb so bemerkenswert, weil sich besonders das verbliebene konservative bis fröhlich rechte Lager hinter dem Mann versammelt, der getäuscht und inzwischen auch massiv gelogen hat. Gegenüber seiner eigenen Universität zu schwindeln, ist auch im entsprechenden Milieu kein Kavaliersdelikt – im Gegenteil. Natürlich ist die Kampagne fies und sind die Motive der “Guttenberg-Jagdgesellschaft”:http://www.theeuropean.de/mark-t-fliegauf/5797-causa-guttenberg nicht so ehrenhaft (sic!), wie Herr Lauterbach dem gemeinen Anne-Will-Zuschauer weismachen will. Aber die Fangemeinde, die nun auch über dieses Verhalten hinwegsehen möchte, bloß um nicht ihres gar nicht so heldenhaften Helden beraubt zu werden, schluckt damit eine sehr unbekömmliche Kröte. Früher hat man Menschen, die eines massiven Ehrvergehens überführt worden sind, mit ihrem Revolver allein im Raum gelassen. Glücklicherweise ist das aus der Mode gekommen. Aber wer Guttenberg Gutes will, der sollte ihn jetzt mit sich allein lassen – zum Nachdenken. Vielleicht erkennt er noch, dass er das zwar aussitzen kann, aber zu diesem Zeitpunkt keine Chance hat, mit Anstand aus der Sache zu kommen. Hätte er noch ein Quäntchen Ehre zwischen den Rippen, sie ließe ihn ohne Alternative zum Rücktritt zurück.

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