Mit Mubarak im Schwefelbecken

von David Baum17.02.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist findet es schade, dass Mubarak nicht nach Baden-Baden ins Exil gekommen ist. Als Rentnerparadies für ehemalige Diktatoren könnte mancher deutsche Kurort neu belebt werden.

HÖREN SIE – Sharm el-Sheikh ist sicher ein hübscher Ort und man kann es Herrn Mubarak nicht verübeln, seine späten Tage mit Blick auf den Golf von Aqaba verbringen zu wollen. Das Seebad ist inzwischen so exklusiv und teuer, dass da vermutlich kein aufgebrachter Pöbel zu erwarten ist – der kann sich schlicht die Anreise nicht leisten. Dennoch finde ich es schade, dass die Alternative, Baden-Baden als Exil für den abgesetzten ägyptischen Präsidenten zu wählen, nicht wohlmeinender diskutiert wurde. Waren Sie schon einmal in Baden-Baden? Also ich würde das schön finden, nach einem erfüllten Leben als Despot nachmittags in die klassizistische Trinkhalle zu schlendern, mit Alexandra Kamp im Schwefelbecken zu sitzen und abends einen Abstecher ins Casino zu machen. Vergessen Sie also Sharm el-Sheikh.

Deutsches Miesepeterdenken

Aber leider gibt es in Deutschland so eine miesepetrige Schrebergärtner-Kamarilla, die nichts Besseres zu tun hat, als fremdenverkehrsfeindlich mit den Gerichten zu drohen. Man kann als Präsident eines Landes ja kaum noch herumreisen, weil überall Leute sitzen, die einen ins Gefängnis stecken möchten. Selbst der Papst musste seinen Diplomatenpass aus der Vatikanskommode kramen, als er nach Großbritannien fuhr, weil ihm dortige Ungläubige wegen angeblich vertuschter Missbrauchsfälle seines Klerus Verbrechen gegen die Menschlichkeit anhängen wollten. Ausgerechnet Großbritannien! Wenn der deutsche Trend zur Historikerkommission nach Indien oder in andere ehemalige britische Protektorate hinüberschwappen sollte, würde ich mir als Queen genau überlegen, wo ich noch hinreise. Selbst die Schweiz, wo man bisher selbst als nordkoreanisches Diktatorensöhnchen eine unbehelligte Jugend verleben konnte, ist keine Insel der Seligen mehr. George W. Bush sollte bei der großen Spendengala der jüdischen Organisation Keren Hayesod in Genf der Stargast sein, aber schwuppdiwupp haben ein paar eidgenössische Genossen gedroht, eine Verhaftung zu erwirken. Bloß weil sich ein paar US-Soldaten in Afghanistan, Irak und anderswo danebenbenommen haben. Da macht das ganze Kriegführen doch keinen Spaß mehr.

So macht Krieg keinen Spaß mehr

Wenn das so weitergeht mit den diktatorisch regierten Völkern, dass sie alle auf 1989 machen, sollte man sich diese Strategie gut überlegen. Schließlich bringen Flüchtlinge, die mit Schweizer Nummernkonten im Gepäck via Privatflugzeug einreisen, wesentlich mehr für so ein Land, als die Kollegen, die mit der Nussschale in Lampedusa anlegen. Also an der Stelle von Bush wäre ich längst nach Heiligendamm gezogen. Ich bin mir sicher, die liebe Familie Jagdfeld würde da so einen Pavillon frei räumen, die sehen einerseits ein bisschen wie das Weiße Haus aus, haben aber Seezugang, wo es sich schön von vergangenen G8-Gipfeln träumen lässt. Wo steckt eigentlich Zine el-Abidine Ben Ali? Für den wird es eng, schließlich läuft ein internationaler Haftbefehl, das kann man auch als ambitionierter Luftkurort nicht ignorieren. Für ihn wäre es vermutlich am besten, bei Frau Arafat im Pariser Bristol anonym Unterschlupf zu suchen. Dieser hat er selbst einige Zeit seine Gastfreundschaft zukommen lassen, als sie wiederum mit des verstorbenen Palästinenserführers Millionen auf der Flucht war. Und Madame Alliot-Marie wird schon ein Äuglein zudrücken aus alter Verbundenheit. Was, wenn es in Libyen losgeht? Gaddafi gilt als Horrorgast mit grotesken Ansprüchen. Von seinen missratenen Söhnen, die gerne Hotelzimmer wie auch Angestellte zertrümmern, ganz zu schweigen. Empfehlenswert wäre vermutlich Kärnten, nicht nur des angenehmen Klimas wegen, sondern auch weil er die Landschaft aus Besuchen bei seinem Freund Jörg Haider noch kennt und von dessen sonst gegenüber Asylanten eher wenig höflichen Anhängern Milde zu erwarten ist. In Haiders Erbe vom Bärental dürfte es auch ausreichend Platz für Zeltdörfer geben und vielleicht gilt Jörgls Motorbootsonderlaubnis für den Wörthersee noch.

Ein Chalet für Kim Jong Il

Dass Deutschland im Osten weitgehend von Nachfolgern der hiesigen Sozi-Diktatur regiert wird, darf endlich einmal als Standortvorteil gelten. Wenn die Kubaner ihre Castros endlich zum Teufel jagen, könnten die auf dem Weg zur Hölle noch mal ein paar friedliche Jahre am Drewitzer See verbringen. Dort lockt ein lauschiges Ferienzentrum, das einst Honeckers Jagdsitz in der wald- und wildreichen Gegend inmitten der Mecklenburgischen Seenplatte war. Für ein paar kapitale Hirsche gilt dort immer noch Schießbefehl, wofür die Gebrüder Castro bekanntlich einen ausgeprägten Sinn haben. Nebenan wären auch noch genug Chalets für die Jong Ils frei. Auch Brandenburg könnten goldene Zeiten dräuen. Die Steintherme Belzig, der Peloidkurbetrieb Bad Liebenwerda oder das Moorheilbad Bad Saarow sind geradezu ideal für glamouröse Despoten wie Scheich Hamad ibn Isa Al Chalifa von Bahrain, Baschir al-Assad aus Syrien, Ali Abdullah Salih aus Jemen oder König Abdullah von Jordanien samt der wunderschönen Gattin. Denn es ist nicht weit nach Berlin, wo Bambi, Goldene Kamera, Cinema for Peace und andere Galas stets nach royalen Ehrengästen hungern. Wenn man zu Hause und sonst in der Welt nichts mehr gilt, auf den Empfängen der Begum Aga Kahn und Frau Ohoven wird immer ein Logenplätzchen für sie sein.

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