Jenseits von Facebook

von David Baum3.02.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Unser Kolumnist sitzt auf einer verschneiten Alm und hat keine Ahnung, was gerade in der Welt geschieht. Deshalb schreibt er heute eine Kolumne, wie es so ist, wenn man keine Ahnung hat, was gerade in der Welt geschieht.

HÖREN SIE – ich weiß nicht, wer Dschungelkönig geworden ist. Ich tippe ja auf Katy Karrenbauer, das würde zumindest in den Trend von Gendermainstreaming passen. Der profilneurotische Lügenbaron Jay Khan ist es jedenfalls nicht. Könnte höchstens sein, dass sich der Wutbürger durchgesetzt und dem paranoiden Peer die zweifelhafte Dornenkrone aufgesetzt hat. Sie, liebe Leser, wissen wer den RTL-Marterpfad bis zum Ende gegangen ist, auch wenn Sie es gar nicht wollten, ich aber habe nicht die geringste Ahnung. Ich sitze seit vergangener Woche auf einer verschneiten Alm im Nationalpark Hohe Tauern und bin vom Informationsfluss der Kommunikationsgesellschaft abgeschnitten. Kein Radio, kein Fernsehen, der Postbote, der hier täglich hochfährt, bringt auch keine Neuigkeiten. Er hilft mir bloß manchmal, wenn ich mit dem verdammten Großstadtauto auf dem steilen Weg hängen geblieben bin, manövriert es fachmännisch aus der Eisplatte – übrigens im Moment nützlicher als das neueste Feuilleton.

Das völlige Versiegen des Informationsflusses

Eigentlich ist es herrlich, dieses völlige Versiegen des Informationsflusses. Am Anfang ein regelrechter Schock. Und dann fühlt man sich, als wäre man von einem lebenslänglichen Tinnitus befreit. Ein Berliner Altphilologe, Fachgebiet Semitistik, besucht mich mit seiner Familie fast täglich und versorgt mich mit Klatsch und Analyse des Politgeschehens – allerdings ausschließlich aus dem Volk der Hethiter, also nicht ganz aus der Kategorie „Breaking News“. Nur ein Fetzen an Aktualität schaffte es durch ihn hinter meinen Kachelofen. Dass offenbar in Ägypten ähnlicher Aufruhr tobt wie zu meiner Abreise in Tunesien – er erwähnte es, weil dabei anscheinend das archäologische Museum von Kairo samt wertvoller Mumien stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Was die Demonstranten meinem Gelehrten nicht gerade sympathischer macht. Schließlich hat man sich eines Honeckers auch entledigen können, ohne den Pergamonaltar zu demolieren. „Aber eine gute Seite hat das Ganze“, sagt er bei einem heißen Jagatee. „Nach dieser Aktion hat sich die Frage, ob die Nofretete aus dem Neuen Museum nach Ägypten ausgeliefert werden könnte, wohl endgültig erledigt.“ Das nennt man selektive Wahrnehmung – eine beneidenswerte Kunst. Dennoch machen sich Sucht und Gier nach News bei mir ständig bemerkbar. Als ich vorgestern auf die Piste gegangen bin, hörte ich am Lift, wie sich zwei Skifahrer über ein Bahnunglück in – war es Sachsen-Anhalt? – unterhielten. Fast wäre ich ins Tal abgefahren, um mich in den Kiosk zu stürzen und alles aufzukaufen, was an Gedrucktem vorhanden ist – aber ich konnte mich beherrschen. Ich bin stolz auf mich. Ja, ich bin ein Junkie, aber ich bin trocken. Beunruhigender ist die Facebook-Frage. Was geschieht wohl gerade in meinen virtuellen Social Networks? Ist es den „Freunden“ überhaupt aufgefallen, dass ich weg bin? Haben sie vielleicht schon eine Trauergruppe gegründet? Oder haben sie die schweigende, verwaiste Statusspalte gesehen und ihren inneren „Gefällt mir“-Button aktiviert? Ganz zu schweigen auf The European? Wer weiß, welche Leserkommentare eingegangen sind? Vielleicht hat die niedliche Kommunistensekte, die sich freitags hier verbreitet, wieder einmal Garstigkeiten über das reaktionäre Pack, das sich nicht in ihre Gerechtigkeitsdiktatur fügen will, annonciert?

Ich weiß, dass ich nicht alles wissen muss

Oh je, schon so spät. Gleich kommt Herr Guckelsberger in die European-Redaktion und wird keine Kolumne von mir vorfinden. Ich muss runter ins Tal, im Hotel Post haben sie Internet. Ob ich es wohl schaffe, diesen Text zu mailen, ohne den prallen Eingangs-Ordner zu öffnen? Ohne die Facebook-Adresse einzutippen? Mit ein bisschen Yoga wird es schon gehen. Ich werde mich zusammenreißen. Vielleicht schaffe ich es ja sogar, am Kiosk vorbeizugehen. Oder noch besser: Dort bloß eine Ansichtskarte zu kaufen, ohne auch nur auf die Schlagzeilen im Zeitungsregal zu schielen, und zu verschicken. Schöne Grüße aus dem Nirvana. Das Wetter ist herrlich, mir geht es gut.

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