Lieben Sie Berlusconi?

von David Baum6.01.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist wundert sich auch manchmal, was die lieben Nachbarn an ihren Staatshalunken wie Berlusconi, Sarkozy oder Putin finden. Aber dann braucht er bloß zu hören, wie die Bayern von ihrem seligen Franz Josef schwärmen, und weiß: Die Menschen haben eben Sehnsucht nach dem Schuft.

HÖREN SIE, haben Sie sich schon einmal überlegt, wie unser Europa eigentlich wirken muss – wenn man es von einer politisch stabilen Gegend wie zum Beispiel den USA, Australien oder der Volksrepublik China aus betrachtet? So ein Fliegenschiss an Weltgegend, der sich anmaßt, 112 verschiedene Sprachen zu sprechen, und sich nicht einmal auf eine einheitliche Schrift einigen kann. Seltsam muss auch anmuten, dass zumindest manche eine einheitliche Währung haben – die aber über die Besonderheit verfügt, dass Länder, die ihre eigene Monarchenfamilien zugunsten von Republiken oder auch Volksrepubliken ermeuchelt haben, nun mit Münzen zahlen, die den König des Nachbarlandes zeigen. Überhaupt die Monarchien, wir haben eine völlig absolutistische, deren Fürst auch gleich noch Oberhaupt von 1.170.000.000 Katholiken ist, zwei quasi absolutistische Fürstentümer, dazwischen wohnt dann noch jemand wie der Aga Kahn, der den Ismaeliten vorsteht, und der Rest gekrönter Häupter in Belgien, Großbritannien, Niederlande, Finnland, Dänemark oder Schweden ist hauptsächlich damit beschäftigt, ein bemerkenswertes Sexualleben zu vertuschen.

Der Deutsche erfreut sich der eigenen Biederkeit

Und doch lieben wir Europäer unsere schrulligen Repräsentanten – “vor allem, wenn es jene der Nachbarn sind(Link)”:http://www.theeuropean.de/alexander-kissler/3981-roemischer-faschismus. Obwohl ja die Despoten mit dem größten Unterhaltungswert nicht die aristokratischen, sondern die gewählten sind. Was wären wir ohne Berlusconi, Sarkozy oder auch so herrlichen Menschen wie den Ungarn, Herrn EU-Präsidentschaftsvorsitzenden Orban, der gerade die freie Presse in seinem Land verboten hat, den Grantscherben im Prager Hradschin Herrn Klaus oder den wundervollen Hashim Thaci, Regierungschef von Kosovo, der nebenberuflich oberster Mafiaboss seines Landes sein soll und unter anderem in den Handel mit Nieren von ermordeten Serben verwickelt ist? Der deutsche Staatsbürger lobt sich sein eigenes Land, das sozusagen in einem Hosenanzug steckt, und erfreut sich der eigenen Biederkeit – nicht zuletzt, weil es sich so vortrefflich über diese Schießbudenfiguren kalauern lässt, die rundherum regieren. Etwa wenn sich der Cavaliere im Süden wieder einmal um minderjährige Models kümmert, um sie mit dem italienischen Brauch des Bunga-Bunga vertraut zu machen. Und dann keck in die Kameras sagt, man möge sich doch nicht aufregen, schließlich sei das immer noch besser, als wenn er schwul wäre. Oder Monsieur Sarkozy, verheirateter Signor Bruni, der den Minusgraden auf dem Stimmungsbarometer mit einem querfinanzierten Urlaub auf den Bahamas entfleucht. Manchmal höre ich aber in München (Schellingsalon, Fraunhofer Bierhaus, Schumanns) die Bayern über ihren seligen Franz Josef reden, vielmehr: von ihm schwärmen. Bemerkenswert ist, dass gerade dann, wenn seine Amigo-Affären zur Sprache kommen, die Augen noch mehr glänzen und manchem ergriffen der Satz “A Hund war a halt schoo“ entfleucht. Jene Anerkennungsfloskel, die der Süddeutsche den verehrungswürdigen Halunken entgegenbringt. Gleiches ist in Österreich zu bemerken, wo immer mehr Horrorgeschichten aus dem Treiben des tödlich verunfallten Kärntner Landeshauptmanns “Jörg Haider(Link)”:http://www.theeuropean.de/david-baum/2926-wahl-in-oesterreich aufkommen. Der veruntreute wie ein Großer, ließ sich von Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi schmieren, sich nebenher vom BND finanzieren. Mit einem Teil der Millionen ist obendrein einer seiner ehemaligen Liebhaber untergetaucht.

Ein wenig Demut wäre angebracht

Man möchte meinen, ein solches Benehmen würde vor allem das konservative Stammpublikum des Rechtspopulisten vergrätzen – aber nix da, die pilgern ob dessen Unverfrorenheit bewundernd ins Klagenfurter Dr.-Haider-Museum und kaufen sich eine CD, wo der Mann im braunen Trachtenkostüm Volkslieder singt. Und bitte, liebe Salonsozialisten, fühlen Sie sich nicht immun gegen dieses Schuftensyndrom. Sie wienern doch auch einmal über das redigierte Redemanuskript von Ulrike Meinhof, das Sie gerahmt im Schlafzimmer hängen haben, und holen in einsamen Stunden das Oben-ohne-Bild von Andreas Baader unter dem Bett hervor und hoffen, dass der kleine Hosea-Che im Kinderzimmer nebenan Sie nicht hört. Moral dieser Kolumne: Ein bisschen Demut wäre angebracht, wenn wir demnächst über die Staatschefs der anderen abätzen. Man weiß schließlich nie, welchem korrupten Trottel man selbst morgen seine Stimme geben wird.

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