Das System Weihnacht

von David Baum24.12.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist gesteht, Anhänger einer besonders krassen Ideologie zu sein. Schon in frühen Jahren ist er einer gefährlichen Propaganda erlegen: dem Weihnachtskult.

HÖREN SIE – ich mag Weihnachten. Nein, ich liebe dieses Fest. Keine Klagen über die enervierenden allgegenwärtigen Wham!-Gesänge oder den grassierenden Konsumwahn können zu jenem reinen Lebkuchenherz vordringen, das in diesen Tagen in mir schlägt. Das hat folgenden Grund: ich bin in jenem kleinen oberösterreichischen Dörfchen aufgewachsen, in dem Franz Xaver Gruber, der Komponist der weltweiten Generalhymne des Weihnachtlichen „Stille Nacht, heilige Nacht“ Anno Domini 1787 geboren ist. Folglich wurde unsereins schon als Kleinkind mit Heiligkeit, Friedlichkeit und Feierlichkeit indoktriniert. Und zwar so, dass man sein Leben lang nicht mehr aus der Sache rauskommt. Mir die Weihnacht schlecht machen? Das ist so sinnlos, als würde man versuchen, einen Hamburger vom Glauben abzubringen, dass es sich bei Labskaus um echtes Essen handelt. Oder Alice Schwarzer von der Unschuld Kachelmanns zu überzeugen.

Vollstrecker der Weihnachtsdiktatur

Unser Weihnachtsfanatismus fing schon Anfang Dezember an, als wir Kinder ganz freiwillig uns vom Monsignore allerlei Ministranten-Kostüme borgten und den Kostümfundus im Dachboden plünderten, um uns als St. Nikolaus, Krampus, Wichtel und Engelsvolk zu verkleiden. Den Waldarbeitern, der Bäckerin oder unschuldigen Winterspaziergängern, die uns dann über den Weg liefen, wurde der Schwur abgenommen, brave Christenmenschen gewesen zu sein. Dafür erhielten sie Kekse und Goldgefärbte Nüsse. Es war also eine verkehrte Rollenverteilung zwischen Erwachsenen und Kindern, was einen früh zu einem Vollstrecker des Systems werden ließ. Auch der Weltfrieden selbst wurde stets auf eindrucksvolle Weise inszeniert. Da flogen Abordnungen eigens nach Bethlehem, um gegen alle Sicherheitsvorschriften verstoßend in der Geburtskirche des Heilands Kerzen zu entzünden und in Laternen zurück nach Europa zu fliegen. Die wiederum daran entzündeten Lichter brachte die Feuerwehrjugend in die Stuben, wo die Menschen vor den Adventskränzen hockten und begeistert in die Flammen glotzten – die ihnen der Herr höchst selbst von zuhause geschickt hat. Ein völlig sinnloser und geradezu grotesker Vorgang für alle, die mit Ritualen nichts anzufangen wissen, sie für ver- und überkommene archaische Angelegenheiten halten, ich weiß. Aber gerade dieses Symbolische, merkwürdig Übertriebene, lässt den Weihnachtsideologen taub für das Gequatsche der Säkularisierungs-Brandredner werden. Und wenn dann wieder so ein gefühlloser Zirbenholzstuben-Sozialist daherkommt, und den Nikolausbesuch in den Kindergärten abschaffen möchte, dann werfen wir mit Christstollen nach ihm. Reagieren selbstverständlich wie ein Taliban, dessen Frau für eine Bikini-Modenschau zwangsverpflichtet werden soll. Auch später, fern der Heimat und längst dem Einflusskreis der Stille Nacht-Doktrin entzogen, hat mich der Wahn nie los gelassen. Als ich im Juni 1998 etwa in Gaza zu Gast gewesen bin, erhielt ich eine besondere Bescherung von Frau Suha Arafat, der damaligen Präsidentengattin und siehe da einer Christin mit Hang zum Weihnachtsfest. Sie überreichte mir eine unglaublich kitschige Perlmuttschnitzerei der Geburtsszene Jesu, die mir bei der Ausreise am Flughafen Tel Aviv obendrein besondere Scherereien einbrachte. Frau Arafat hatte es besonders gut gemeint und auf die Rückseite schreiben lassen: With best regards to David, from Suha and Jassir Arafat – was den israelischen Beamten gar nicht gefiel und mir eine spannende Zeit in einem separaten Verhörraum einbrachte. So etwas übersteht ein Guerillakämpfer der Weihnachtsbrigaden gelassen. Heute ist die Schnitzerei außerdem ein beliebtes Ausstellungsstück in der Krippenausstellung der Nachbarsgemeinde.

Weihnachten ist so viel mehr

Weihnachten ist übrigens viel mehr als nur das christliche Hochfest. Das Jesukind gehört dazu, ist aber nicht alles. So wie der deutsche Bundespräsident Wulff in seiner Rede zur bunten Republik gesagt hat, der Islam würde wie das Christentum zu Deutschland „gehören“. Das interessante an dieser Wortwahl war, dass auch hier das Christentum aus seiner Sicht nur „dazugehört“. Das hat viele Konservative empört. Aber ein Leserbriefschreiber in der FAZ hat es vor einigen Tagen trefflich interpretiert: Tatsächlich sei das Christentum ja auch nur ein Importschlager, der zu diesem nur werden konnte, weil es mit seinen Festtagen auf unsere gute alte Kultur geschickt draufgestülpt worden sei – nämlich die germanische, heidnische. Die Weihnacht samt himmlischen Wesen, leitenden Sternen und Weihnachtsbäumen gab es tatsächlich schon, da ist der Heiland noch nicht mal Prophezeiung gewesen ist. Und das bedeutet nichts anderes, als dass die bunte Republik in gewisser Weise schon existierte, als es noch gar keine Republik gab. Denken sie dabei auch an Richard Wagner, dem heidnischen Mythologien und das Christliche bekanntlich im Parsifal gehörig durcheinander geraten sind. Es ergeben sich also völlig neue Möglichkeiten für die Weihnacht: Wer weiß, vielleicht stülpt ja demnächst der deutsche Islamgläubige irgendeines seiner Feste über unseren Weihnachtskult. Wieso nicht? Stille Nacht, inshallah! Folglich, lieber Grinch, verehrte Weihnachtsmuffel, befreien sie sich endlich von Ihren Vorurteilen. Seien Sie ein offener, moderner Mensch. Gehen Sie frohlocken, jauchzen Sie und schlafen Sie von schmackhaftem Glühwein trunken in himmlischer Ruh.

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