Der Sieger von gestern

von David Baum16.12.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist ist in Weihnachtsstimmung und möchte gern den Schwächsten in unserer Gesellschaft etwas Gutes tun: zum Beispiel dem armen Vizekanzler. Ob es gelingt?

HÖREN SIE – wir haben uns längst daran gewöhnt, dass Politiker sich gegenseitig beschimpfen und als das jeweils Niederste, Dümmste und Unfähigste darstellen, das auf Gottes Erden wandelt. Wo das Niveau dieser Leute angelangt ist, hat gerade mal wieder Sigmar Gabriel veranschaulicht – mit seinem Sager, Busenwunder Katzenberger wäre eine bessere Begleitung des Bundesverteidigungsministers nach Afghanistan gewesen, weil da wenigstens die Soldaten was davon gehabt hätten. Mal ganz nebenbei: Außer der Herabwürdigung der Soldaten zum Tits&Ass-Prekariat ist das Ganze auch ganz schön frauenfeindlich. Was sagt Frau Nahles eigentlich zu so etwas, hat die eigene Yoga-Übungen drauf, um diese Ausreißer ihres Chefs ignorieren zu können? Oder ist das etwa schon seine Bewerbung für die Zeit nach der Politik – als Chefredakteur bei Praline? Aber ich wollte ja ganz was anderes besprechen: Im Netz macht zurzeit ein “Ausschnitt M aus der letzten Maischberger-Sendung Furore. Da befragt die Seniorenbeauftragte des deutschen Fernsehens einmal mehr ihren Lieblings-Grand-Seigneur Helmut Schmidt – in jenem Schnipsel im Besonderen zu Außenminister Guido Westerwelle . Die Älteren unter uns erinnern sich daran, dass der Mann nicht umsonst einmal Schmidt Schnauze“ genannt worden ist, weil er gern mal pointierter an das Rednerpult ging und sich an manchem Kraftausdruck versuchte. Allerdings immer mit Stil. Nun aber schwieg Schmidt. b sagen lassen und deshalb darf der Mann als Inhaber eines ausgezeichneten Schutzschildes gegen jegliche Kollegenbeschimpfung betrachtet werden. Und doch kann ich mir nicht vorstellen, dass es irgendeinen Menschen kaltlässt, wenn so auf ihn reagiert wird. Wie kann ein Mensch bloß so tief sinken und auch fallen, während er auf einem Posten sitzt, der bislang als Großflughafen der Bürgerherzen galt? Nachdem er noch vor wenigen Monaten das beste Ergebnis seiner Partei je eingeholt hat? Dabei haben viele wirklich viel von ihm gehalten. Man erinnere sich an die quietschfidelen Bilder mit Frau Merkel im VW-Cabrio von 2001, als man noch fröhlich und hoffnungsfroh gemeinsamen Koalitionszeiten entgegenblickte. Heute verrutschen auch immer öfter der meist gefassten Kanzlerin die Gesichtszüge ob der Performance ihres Stellvertreters. Wie der Presse heute zu entnehmen ist, gärt es nun auch mächtig innerhalb der FDP – und zwar so, dass Guidos Tage nicht bloß als Parteichef, sondern auch als Außenminister gezählt sein könnten. Seine Bilanz ist wirklich erstaunlich, und zwar wegen seiner vielen Fauxpas. Angefangen mit den Liebesdiensten gegenüber Wahlkampfgroßspendern, der ungeschickten Sache mit den Englischkenntnissen, den merkwürdigen Zufällen, dass Ehemann“ Michael Mronz ausgerechnet in Länder mitgenommen wurde, wo dieser beruflich einiges rausschlagen könnte, den nicht eingelösten Großversprechen des Wahlkampfs – Stichwort: Steuersenkung, bis zum skurrilen Büroleiter mit den hübschen Fliegen und der Direktleitung in die US-Botschaft. Puh! Ist der Mann noch zu retten? Und wer könnte ihm nachfolgen? Das Amt des Vorsitzenden wäre nicht das Problem. Brüderle hat als einziger FDP-Minister einen allgemein goutierten guten Job gemacht – zumal im Vergleich zu den farblosen bis nicht vorhandenen Amtsvorgängern (sehen Sie, Sie müssen sogar überlegen, wer das eigentlich gewesen ist). Und auch Christian Lindner ist einer, der der 4-Prozent-Partei auf diesem Posten nur nützen könnte. Aber wer um Himmels willen könnte als Außenminister kommen? Man kann ja nicht einfach Genscher reaktivieren. Und niemand will Frau Pieper oder Herrn Pinkwart ins Weiße Haus oder zum EU-Gipfel schicken müssen. Sollten wir also nicht alle etwas weihnachtliche Milde walten lassen? Uns damit zufriedengeben, dass ein Außenminister zwischen einer weltreisenden Kanzlerin und einem hyperaktiven Verteidigungsminister ohnehin nicht viel anrichten kann? Und versuchen, den lieben Guido einfach von seinen positiven Seiten zu sehen, auch wenn wir dafür einen akrobatisch anspruchsvollen Blickwinkel einnehmen müssen? Sollten wir in der Zeit der Liebe nicht Guido Westerwelle p die Tür öffnen? Beim Nachdenken darüber fiel mir dieser Nachmittag in der Wohnung von Christoph Schlingensief ein, der mir dort sein Theaterprojekt in Afrika erläuterte – eine Sache, die in der sogenannten Entwicklungshilfe“ mehr bewegt hat als das Ministerium der

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