Geh, tun's nicht englisch reden

von David Baum25.11.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist ist stolz auf seinen schrecklichen Englischakzent. Und regelrecht traurig, dass die Deutsche Bahn ihr legendäres “Sänk ju for trewelling” abschaffen möchte.

HÖREN SIE – selbstverständlich wäre auch ich am liebsten polyglott. Ich beneide immer meinen Freund Hubertus von Hohenlohe, der mit seiner Mutter spanisch spricht, mit seiner Lebensgefährtin italienisch, mit seinen Models französisch, mit seinem Galeristen englisch sowie mit mir deutsch. Was ein wenig an die Sprechgewohnheiten von Kaiser Karl V. erinnert, der auf Spanisch mit Gott, Italienisch mit seinen Frauen, Französisch mit seinen Ministern und auf Deutsch mit seinem Pferd kommunizierte. Ich hingegen habe mein Gymnasial-Französisch nahezu völlig vergessen und lese die Le Monde im Kaffeehaus eigentlich nur im Sinne von Thomas Bernhard – als Protestnote gegenüber den lächerlichen österreichischen Tageszeitungen. Mein Englisch ist zwar an sich recht okay, aber anhören tut es sich wie jenes des großen Hollywoodregisseurs Billy Wilder, der auch nach 60 Jahren Hollywood noch mit dem Akzent eines Wiener Fiakerkutschers während einer Touristenführung sprach. Und das ist auch gut so.

Als würde Kerkeling Thatcher imitieren

Es darf nämlich als ein Phänomen der Deutschen angesehen werden, zu glauben, man müsse jegliche Fremdsprache mindestens wie ein Native Speaker drauf haben. Können tut das zwar niemand, die meisten kompensieren diesen Umstand allerdings keck, indem sie britischen Akzent bzw. das, was dafür gehalten wird, nachäffen. Das klingt dann zwar so, als würde Hape Kerkeling Margaret Thatcher imitieren, das merken die Germans aber nicht. Nein, sie scheinen sogar zu glauben, wenn sie nur ja recht oft die Wörtchen “well” und “indeed” irgendwo einbauen, selbst in London für einen Eton-Absolventen gehalten zu werden. Dieser Umstand führt dann zu Spott und Hohn, wie bei Guido Westerwelle oder Günther Oettinger, die wegen ihres ehrlichen deutschen Akzentes für Vollidioten gehalten werden. In Österreich geht man da ganz anders an die Sache. Der Ösi liebt seine Sprachmelodie und findet, dass diese auch jeder anderen Sprache schmeichelt. Gerne erinnert man sich an Dr. Alois Mock, jenen Außenminister der Republik, der ebendiese in die EU führte und die Verhandlungen in perfektem Französisch mit niederösterreichischem Idiom führte. Eine TV-Spitzenkandidaten-Konfrontation 2002 entschied Bundeskanzler Schüssel gegen seinen Herausforderer Gusenbauer, indem er dessen geschliffene englische Fachbegriffe mit dem Satz “Geh, tun’s nicht englisch reden” parierte. Dass die Deutsche Bahn nun alle Ansagen auf Englisch – oder was immer die Schaffner darunter verstanden haben mögen – streicht, finde ich schade. Einerseits ist es natürlich eine Wohltat, dass das ewige “Sänk ju for trewelling Deutsche Bahn” weg ist. Vor allem weil man dadurch dieses abschätzige Kichern der ach so polyglotten und gebildeten Erste-Klasse-Reisenden über das dämliche Bahn-Prekariat mit abstellt. Andererseits waren die Ansagen selbst doch auch ganz charmant.

Charmante Sprachfärbungen

Eine Penélope Cruz, ein Antonio Banderas, ein Jean Reno, ein Roberto Benigni und nicht zuletzt Arnie Schwarzenegger werden in den USA gerade für ihre charmanten Sprachfärbungen geliebt. Wie früher auch eine Marlene Dietrich, eine Hildegard Knef, ein Klaus Kinski für die ihre. Oder man erinnere sich an diesen knartschenden deutschen Akzent von Thomas Mann, als er im US-Exil landete und seine berühmte Rede auf Englisch hielt. Herrlich war das. Aber: gone. Der stolz intonierte deutsche Akzent ist dort, wo auch Mammut, Pfuhlhuhn und anatolischer Halbesel weilen: in den ewigen Jagdgründen ausgerotteter Arten. Umso gerechter ist es, dass die ganzen deutschen Schauspieler, die es nach L.A. zieht, sich erst mühevoll ihren Akzent abtrainieren, um ihn dann auf Regieanweisung wieder zurückzuholen, weil sie ja eh bloß SS-Männer spielen dürfen. Umgekehrt liebt der Tedesco bekanntermaßen nichts mehr, als wenn seine eigene Sprache mit übelsten fremdländischen Akzenten versetzt wird. Es ist bekannt, dass die meisten italienischen Pizzabäcker ihr “Darf ike bringen Signora nok eine Glasse von de Chianti” aus ökonomischen Gründen kultivieren, insofern geradezu gezwungen werden, ein Beispiel saumäßiger Integration abzugeben. Aber dann millionenfach das Sarrazin-Buch kaufen – aus diesen Allemands soll noch mal einer schlau werden. Allen Lesern, die sich darauf gefreut hatten, dass ich in dieser Kolumne über die vielen bösen Fremdwörter in der deutschen Sprache lästere, sage ich an dieser Stelle: sorry.

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