Lovely Rütli

von David Baum18.11.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist fuhr mit Klaus Wowereit und Heinz Buschkowsky durch Neukölln – und ist ziemlich enttäuscht: von Slums weit und breit keine Spur. Das anscheinend schrecklichste Problem in der sogenannten Problemschule: keine Sitzbänke im Pausenhof.

HÖREN SIE – es gibt doch diese herrliche Geschichte von Erich Honeckers Arbeitsweg, wo man alle Häuser hübsch und renoviert hielt – aber eben bloß so weit des Staatsratsvorsitzenden Auge reichte. Dahinter das bröckelnde Graubraun des allzu real existierenden Sozialismus. Der Bezirk Neukölln lag zwar in Westberlin, das mit den Potemkin’schen Dörfern haben sie aber genauso gut drauf wie die alten Genossen. Denn Nord-Neukölln gilt als das Krasseste, was die Bundesrepublik zu bieten hat. Als Bronx von Berlin, ein Ghetto des Prekariats und der integrationsunfähigsten Zuwanderer, eine Welt zwischen Sixpacks, Jugendkriminalität und Vera am Mittag. Selbstverständlich ließ ich es mir nicht entgehen, als gestern der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Bezirkschef Heinz Buschkowsky nach Neukölln zur Bezirkstour aufbrachen, und hing mich an den begleitenden Lokalreportertross.

Die Bronx von Berlin?

Was man da zu sehen bekam, war erstaunlich. Jedenfalls keine brennenden Mülltonnen, keine vagabundierenden Jugendbanden, von sozialem Elend weit und breit keine Spur. Ich würde sagen, es gibt europäische Städte, in denen Nord-Neukölln als Luxusviertel durchgehen würde. Das kann auch damit zusammenhängen, dass – zum Leidwesen des gern lamentierenden und auf seine Sisyphosaufgabe verweisenden Bezirksbürgermeisters – sich die Neuköllner für Wowi so richtig rausgeputzt haben. Im Jobcenter des Bezirks, das besucht wurde, hatte man offenbar noch am Vortag hässliche Schmierereien übertüncht, ganz trocken war die Farbe jedenfalls nicht. Eingeworfenen Scheiben wurden ausgetauscht. Ein Musterbetrieb des Sozialstaats. Und dann erst die berüchtigte Rütli-Schule, wo 2006 die Lehrer wegen Gewaltorgien der Schüler um Auflösung ihrer Arbeitsstätte flehten. Die ist heute ein Musterbeispiel, das zu einem Großprojekt der Integration ausgebaut werden soll und wo staunende Lokalpolitikergruppen aus Schweden und anderswo hingekarrt werden, um den hier entstehenden Freizeitpark für Transferleistungsempfänger zu preisen. Vor der Schule stehen zwei freundliche Securities der Wachfirma Germania, aber die putzigen Schüler, die drinnen Tee, Kaffee und Kekse servieren, sehen nicht aus, als müsste man vor ihnen beschützt werden.

Was fehlt, sind Sitzbänke

Nicht minder schnieke präsentierte sich die Otto-Hahn-Schule, was den einen oder anderen Reporter mürrisch stimmte, hatte man doch in den vergangenen Wochen gerade hier den Moloch der Deutschenfeindlichkeit ausgemacht. “Hmmm, na ja, also, ich glaube nicht, dass es eine besondere Feindlichkeit gegenüber den Deutschen hier gibt”, wiegelt der süßlich lächelnde Schulsprecher Yachya Rmeid ab, “zumindest nicht mehr als arabische Gruppen gegen türkische Gruppen, manchmal sind es auch die Deutschen, die feindlich gegen andere sind.” Ganz normale Rangeleien, wie sie in Zeiten einer Völkerwanderung zum comme il faut gehören. Das Schulgebäude jedenfalls ist beeindruckend, alles proper, im Eingangsbereich werden Schüler mit ihren Heimatländern auf großen, stylish gestalteten Pappaufstellern wie Popstars präsentiert. Die etwas irre Schulleiterin referiert ohne Punkt und Komma über Detailschwierigkeiten der Einrichtung für den Betrieb als Ganztagsschule – von den eigentlichen sozialen Unruhen, die hier herrschen sollen, will keiner was wissen. “Für uns sind ganz andere Dinge ein Problem”, sagt Yachya. “Zum Beispiel, dass in unserem Pausenhof und Garten keine einzige Bank steht.” Wieso sie denn nicht selber welche im Werkunterricht basteln würden, fragt Wowereit ganz von Heimwerkerlust beseelt. Der fesche, dunkelhäutige Schulsprecher kann da aber nur tadelnd den Kopf schütteln und belehrt den Ministerpräsidenten: “Das kriegen Sie doch niemals durch den TÜV.” Es sind schon wirklich sehr garstige Zustände in diesem Land, das sich ja bekanntermaßen gerade selbst abzuschaffen gedenkt. Heinz Buschkowsky ist jetzt wütend. Die verdammte Otto-Hahn-Schule hat ihm seinen ganzen Auftritt verpatzt. “Die haben sich ja völlig fern der Realität präsentiert”, sagt er auf dem Weg zu einer Wäscherei, die er gleich als Vorzeigebetrieb, der über Mindestlohn bezahlt, herzeigen wird. Der Besuch bei dem Unternehmen ist zwischendurch eine wahre Wohltat. Denn hier wird Geld verdient statt gefordert. Doch gleich geht es wieder zurück in die nächste Schule, in einer Wohnburg namens High Deck-Siedlung – ein regelrechter Zoo an Problembären. “Das Schlimme ist ja”, sagt Buschkowsky, “dass hier niemand bleiben will. Sobald sie es sich leisten können, ziehen sie in bessere Stadtteile.” Und nächstes Jahr würde zu allem Unglück die Reisefreiheit für Bulgarien und Rumänien kommen. “Wir können nur ahnen, wie viele Roma hierherkommen werden mit Kindern, die zehn Jahre sind und noch nie eine Schule von innen gesehen haben”, jammert er. Um ehrlich zu sein: Als Roma-Kind würde ich auch nach Neukölln ziehen wollen. Vattenfall hat gerade eine neue Kletterwand für die Schule gesponsert. Um 13 Uhr findet ein Casting für die schulinterne Talentshow statt. Mittags gibt es Spagetti mit Waldpilzen im Kräuterfond.

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