Peymann forever

von David Baum11.11.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist freut sich, dass der Intendant Claus Peymann seinen Arbeitgeber Claus Peymann davon überzeugen konnte, seinen Vertrag wieder mal zu verlängern. Das Methusalemkomplott klappt doch ganz gut.

HÖREN SIE – wir sind uns doch alle einig: Konrad Adenauer hat als Greis die junge Bundesrepublik erst so richtig flottgemacht. Das hat ein Plebiszit bei Johannes B. Kerner in der Show “Die beliebtesten Deutschen”, das den Boule spielenden Staatsmann zur Nummer eins kürte, eindrucksvoll bestätigt. Als geistreichster Denker der Nation gilt der kettenrauchende 91-jährige Helmut Schmidt. Und das Feuilleton schwärmt dieser Tage von keinem Schriftsteller intensiver als von dem mit 102 Jahren endgültig verwehten Ernst Jünger. Wir fassen zusammen: Das Methusalemkomplott ist voll am Start.

Auch im Alter noch klasse

Und doch mussten wir in der vergangenen Woche wieder ein krasses Beispiel an Jugendwahn der deutschen Kulturgesellschaft erleben. Weil Claus Peymann seinen Arbeitgeber, der als BE-Gesellschafter zufällig er selbst ist, davon überzeugen konnte, seinen Vertrag um zwei weitere Jahre zu verlängern, wurde er mit hämischen Kommentaren überschüttet. Wieso legt eigentlich niemand Daniel Barenboim den altersgemäßen Rücktritt nahe? Warum sagt niemand endlich Richard von Weizsäcker, er solle seine altersweisen Kommentare stecken lassen? Ganz einfach: weil es keine Besseren gibt als sie. Claus Peymann ist Intendant des Berliner Ensembles, des größten Schauspielhauses der Hauptstadt. Und die Behauptung, es gäbe keinen Besseren als ihn, ist etwas schwerer zu halten als bei den vorab erwähnten Herren. Aber Peymann selbst ist davon sicher fest überzeugt, insofern handelt er als Gesellschafter sicher sehr verantwortungsvoll, indem er mit sich der aus seiner Sicht Idealbesetzung Verlängerung gibt. Wenn man bedenkt, dass er ein Jahr jünger ist als Adenauer zu seinem Amtsantritt als Bundeskanzler, darf man außerdem sagen: Der Mann ist im Vergleich geradezu ein Jungspund. Ich selbst bin mit Peymann aufgewachsen. Er war der Regisseur, der die Stücke meines Lieblingsschriftstellers Thomas Bernhard realisierte. Und er hat den in Österreich sehr wichtigen Posten des Staatspiefkes und somit meist gehassten Mannes der Republik als Burgtheaterintendant raumfüllend erledigt. Schon 1972 kam er aus Bochum als “Der Ignorant und der Wahnsinnige” und störte das Idyll der Salzburger Festspiele, um dann mehrere Spielzeiten den Burgherrn zu geben und den “Heldenplatz” zu besetzen. Der Mann war stets sein Geld wert, und zwar gerade wegen seines Theaters jenseits der Bühne: Damals in Wien regte sich das Land am meisten darüber auf, wie er das Wort “Chance” ausspricht, nämlich nicht in der gewandten Wiener Hofsprache, dem näselnden Französisch, sondern in anständigem BRD-Sprech: “Schangse”. Und so zeigte er den Wienern mindestens die lange Nase, indem er das Wort in einer Abo-Anzeige für das höchste aller Staatstheater genau so ausschrieb. “Lassen Sie sich diese Schangse nicht entgehen, Ihr Claus Peymann.” Ach, wie schön war die kollektive Wut, die daraufhin entbrannte.

Wundervolle Kontroverse

Die Gabe, ganze Massen gegen sich aufzubringen, besitzt er nach wie vor. Etwa wenn er, der erklärte Antikapitalist, sich vor laufender Kamera 300 Euro Interviewhonorar von “Unter Linken”-Autor Jan Fleischhauer auszahlen lässt und seelenruhig quittiert. Einer der großartigsten Momente des deutschen Fernsehens war die öffentliche Jury-Sitzung des 3Sat-Theaterpreises, wo Peymann dem buhenden Publikum entgegenbrüllte: “Merkt ihr denn nicht, ganz Europa lacht über euch, ganz Europa lacht über das deutsche Theater!” Es war einfach wundervoll. Auch heute erfüllt Peymann eine wichtige Funktion in Deutschland. Als einer der Vorzeige-68er, der jedem entlassenen RAF-Terroristen gern einen Job als Beleuchter in seinem Betrieb anbietet, sowie Vertreter der Gründergeneration des Regietheaters ist er in seiner Bewahrungshaltung und in seiner kompromisslosen Verteidigung seiner selbst ein Beweis, dass der Konservativismus doch nie ausstirbt. Sondern ganz überraschend in Menschen wiederkehrt, bei denen man es am allerwenigsten vermutet hätte. Und so kommt es, dass Peymann als einer der ganz großen Konservativen des Landes gelten darf. Sein Theater ist musealer als die ganze Museumsinsel zusammen. Wie seine Kollegen Flimm und Stein steht er für den Typus des alten großen Patriarchen, auf einer Parallele zu den anderen Konservativen des Landes, und zwar – halten Sie sich fest – Otto Schily, Joschka Fischer oder Stefan Aust. Die Revolution hat ihre Kinder nicht gefressen. Sie ist viel gemeiner. Sie lässt sie in ihren weit geschnittenen Thomas-I-Punkt-Klamotten alt werden, zäh, grau und gemütlich. Die Ironie des Schicksals ist einfach unermesslich.

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