Rettungsschwimmen im Solebecken

von David Baum4.11.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist ist in ein Tiroler Kurhotel abgetaucht und bittet um Nachsicht, dass er für eine kantige Meinung zurzeit viel zu relaxt ist.

HÖREN SIE – ich komme gerade aus dem Solebecken. Was erwarten Sie? Nach hektischen Wochen bin ich untergetaucht und habe eine geräumige Zirbenholzsuite in den Tiroler Bergen bezogen. Zirbenholz verlangsamt den Herzschlag des Menschen, der sich mit ihm umgibt, um 3.000 Schläge pro Tag. Das haben schon die alten Bergbauern gewusst, wie gesagt wird, das haben nun führende Mediziner bewiesen. Insofern traumwandle ich schon allein wegen dieses magischen Holzgebälks tiefenentspannt zwischen Massagebank, Therme und Sonnendeck mit Blick auf den Gamskogel hin und her und erfreue mich des Wohlstands. Dazwischen steht zwar ein Fernsehschirm in der Lobby, wo unvorsichtigerweise NTV läuft und man Infofetzen von Rohrbomben im Kanzleramt, der über die Obama-Dämmerung triumphierenden Rechten in den USA und einer neuerlichen Girlie-Affäre von Berlusconi erfährt – aber als gelehriger Schüler der Wellnessindustrie gelingt es mir, all das zu ignorieren. Meine Tea-Party-Bewegung findet jeden Nachmittag statt, wenn das Mädchen mit dem Jasminteewägelchen kommt und mir ein Kännchen reicht.

Ich erwog, ihr eine Murmeltierölmassage zu empfehlen

Eine reizende Dame, klassische deutsche Unternehmergattin i. R., konnte sich gestern leider nicht an der Nachricht über die explosive Post aus Griechenland vorbeischummeln und blieb fassungslos vor der NTV-Versuchung stehen. “Wieso machen die das?“, fragte sie mich verständnislos. “Wir haben doch den Leuten so viel geopfert, wieso dann das?“ Kurz erwog ich, ihr eine Murmeltierölmassage, die wirklich alle Sorgen lindert und einen regelrecht ins All schießt, ans Herz zu legen, sagte dann aber: “Weil die Menschen einfach nicht gerettet werden wollen.“ Seither wirft sie mir anerkennende Blicke zu und flüstert mir zwischendurch mal diesen Satz zu, als wäre er von einer unerhörten Welterkenntnis durchdrungen. Meinen Sie, die machen hier heimlich was in den Tee? Oder sprach der Gamskogelgeist aus mir? Nein, aber wahrscheinlich stimmt es schon. Ich sehe ja auch diese jungen Paare hier, die hektisch von einer Saunabehandlung in die andere hetzen, um ja noch rechtzeitig auf den Gletscher zum Nachmittagsskifahren zu kommen, weil ja auch abends die Verkostung burgenländischer Weine ansteht und davor das Fünfgängeinclusivemenü irgendwie in den Leib gebracht werden muss. Diese Menschen wollen es nicht anders. Sie machen noch in den eigenen Rettungsring ein Loch. Dumm, wenn man dann nicht gerade im Solebecken liegt, sondern in der stürmischen Ägäis treibt. Das weiß auch Rainer Brüderle, der sicher auch in einem Zirbenholzbett schläft und den ich Samstagnacht vor meiner Abreise noch in der Komischen Oper traf, wo er seinen GQ-Award feierte. Der Mann könnte den Aufschwung sogar spontan tanzen, so hat er den verinnerlicht. Und doch muss er gerade mit einem Volk leben, das für die Krise und den Abstieg der Nation viel zu viel Passion gefunden hat, als dass es akzeptieren möchte, dass es wieder aufwärtsgeht.

Wenn da mal kein Ringelblumentee im Spiel war

“Sie dürfen nicht ausblenden, dass der Einbruch massiv war und tief in das Bewusstsein eingedrungen ist“, sagte der Minister zu mir. „Aber ich bin überzeugt, dass sich Freude und Optimismus bald bei den Menschen einstellen werden.“ Wenn da mal kein Ringelblumentee im Spiel war. Vielleicht ist dieses Bewusstsein über den neuen deutschen Aufstieg schon angekommen – und zwar bei den griechischen Linksextremisten, die deshalb nun Rohrbomben ans Kanzleramt adressieren? Ich bin bloß froh, dass Deutschland da so relaxt bleibt, anstatt ein paar Fallschirmjäger abzuwerfen, wie das früher Tradition gewesen ist. Allein der Stress! Ich selbst darf mich nicht zu sehr mit der Thematik befassen. Meine Massagedame zog gestern das Badetuch über mich hinweg und raunte mit sonorer Stimme: “Sooo, das ist der Sorgenmantel, den ich nun mit allen alten Energien und grauen Alltagsproblemen von Ihnen abstreife. Lassen Sie das alles hinter sich.“ Ja, ja, schnöde Suggestion, ich bin ja nicht doof, aber es hilft. Auch wenn meine Tiroler Waldklause und die angeschlossene Therme im kommenden Jahr anbauen wollen, ganz Deutschland wird hier keinen Platz finden – und Griechenland kann es sich nicht leisten. Der Aufruhr, den die Grünen veranstalten würden, rodete man die Wälder für 80 Millionen Zirbenholzbetten, erst gar nicht auszudenken. Aber wenn ich Brüderle wäre oder der zuständige EU-Kommissar, die Frau mit dem Sorgenmanteltrick müsste verpflichtend ins Morgenmagazin – und zwar täglich. Machen Sie´s gut, ich bin erst mal am Sonnendeck.

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