Adolf Unser

von David Baum28.10.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist besuchte die viel diskutierte Hitler-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin, konnte dort aber nicht viel Neues entdecken, außer dass der “Führer” auch als Ramschkönig groß Karriere hätte machen können.

HÖREN SIE – ich bin vor einiger Zeit in dem von mir sehr gemochten Prager Café Imperial in ein erstaunliches Theaterprojekt involviert worden. Einige junge tschechische Theaterleute hatten sich in den Kopf gesetzt, George Taboris “Mein Kampf” aufzuführen, jene Bühnengroteske über einen obdachlosen Diktatoren-Azubi aus Braunau am Inn. Es ist wie bei so vielen idealistischen Unternehmungen nichts außer einigen launigen Nachmittagen in Kaffeehäusern herausgekommen – nur ein geniales Plakat wurde schon mal entworfen. Es zeigte einen weißen Luftballon auf rotem Grund, in den schwarze Schrift gesetzt wurde, womit ein merkwürdig leichtes Sujet in der unverkennbaren Corporate Identity des Horrorregimes entstanden ist.

Bollwerk des Kitsches

Nun stand ich also im Deutschen Historischen Museum, wo gerade die viel diskutierte erste Ausstellung über Adolf Hitler und seine Deutschen stattfindet, und musste feststellen, dass die Persiflage von der absurden Realität weit übertroffen wird. Und das ist das, was als Einziges erstaunt: Das Dritte Reich war anscheinend ein Bollwerk des Kitsches. Statt eines Luftballons sah ich dort einen roten Lampion mit Hakenkreuz – der so schräg anmutet, dass er selbst am Prager Kreativentisch als zu skurril verworfen worden wäre. Von den im Museum ausgestellten Marschallstäben von Rommel, Göring & Co. erst gar nicht zu sprechen. Die glitzern so bunt und filigran, als wären sie gerade frisch aus dem Karnevalsverleih gekommen. Der “Führer”, muss vermutet werden, hätte auch als Ramschkönig Karriere machen können. Insofern paaren sich mit der obligatorischen Entsetztheit über den zwölfjährigen Todesstern Germania auch Kopfschütteln, Kichern und Kalauer. Selbstverständlich wird wieder diskutiert in diesen Tagen, ob man den Deutschen ihren schicksalhaften Dämon als Menschen zumuten darf. Deshalb hängt seine Kommode schief in der Luft, deshalb wird jedes Bildnis des Diktators mit Zeugnissen seiner Verbrechen kommentiert. Zur Sicherheit. Ein Schauspieler, den ich zu seiner Rolle als Joseph Goebbels befragte, sagte mir: “Hitler wird immer mehr zu einer mythologischen Gestalt, er wird wie Richard III. von Shakespeare eine literarische Inkarnation des Bösen und Grausamen an sich.” Seine Agentin strich diese spannende Einschätzung nachträglich aus dem Text – die Brisanz der Aussage erkennend. Denn wir brauchen schließlich unseren Adolf weiterhin, wenn wir den Anfängen wehren wollen. Das Dritte Reich ist inzwischen ein Wirtschaftsfaktor für Tourismus-, Film- und Unterhaltungsindustrie. Nach einem spannenden Nachmittag mit Jeff Koons in der Münchner Glyptothek mit all ihren Meisterwerken wollte der Großkünstler nur noch eines sehen: das Wohnhaus des Mannes, der in Wien von der Kunstakademie abgelehnt worden war. Kein Wunder also, dass der thailändische Kronprinz während seines Berlinaufenthalts auch noch einen Abstecher ins DHM unternehmen wollte. Kein wieder aufgebautes Stadtschloss könnte die Berlin-Besucher mehr faszinieren als das Stück Brachland, auf dem einmal der Führerbunker gestanden hat. Es will einfach kein Gras darüber wachsen. Die Frage stellt sich, ob alle Filme, die in der Zeit spielen, aneinandergereiht nicht länger dauern würden als die 12 Jahre Horrorregime selbst.

“Nie wieder” als identitätsstiftende Folklore

Deutschland braucht seinen Hitler. Würde man die vielen Gedenkmomente und die redliche Staatsdoktrin des “Nie wieder” abschaffen, fehlte dem Land ein wichtiger Faktor an identitätsstiftender Folklore. Oder glaubt wirklich jemand, dass asoziale Irre wie der einsitzende Horst Mahler eine ernsthafte Gefahr für dieses Land bedeuten könnten? Ich finde, man sollte den Mann aus dem Knast holen und zu jenen gesellen, die unter fürsorglicher Pflege meinen, Napoleon oder Ludwig II. zu sein. Je absurder und seltsamer diese Zeit uns also vorkommt, desto besser: Denn es zeigt, wie fern wir heute dieser Epoche und ihrer Auswüchse sind. Das zu erkennen wäre langsam wichtig. Das dachte ich mir, als ich vor der Vitrine stand – jener mit den kitschigen Marschallstäben und den KZ-Opfer-Fotografien. Denn mir wurde dort bewusst, dass das Buch von Thilo Sarrazin dort einfach nicht hineingehört.

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