Wird Guttenberg Kaiser?

von David Baum21.10.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Unser Kolumnist wundert sich über die Auswüchse des Guttenberg-Hypes und den begeisterten Schauder, den die aristokratische Abstammung des Verteidigungsministers entfacht. Hat den Freiherrn denn jemand heimlich beim Wienern der Reichskrone beobachtet?

HÖREN SIE – ein Gespenst geht um in Deutschland, oder nein, es sind ja gleich zwei. Diese Guttenbergs – das propere Aufsteigerpärchen der deutschen Innenpolitik mit dem adeligen Hintergrund. Verwundert bis entsetzt starren politische wie mediale Klasse auf die Umfragedaten des Mannes, der vom freien Fall der Meinungswerte völlig unbetroffen scheint, und groß ist die Skepsis gegenüber einer Frau, die der Sippe des Eisernen Kanzlers entstammt und möglicherweise mit ihrem Einsatz gegen sexuellen Missbrauch von Kindern in Wahrheit erzkonservativen Aufruhr im Sinne hat. Der SPIEGEL hat sie nun diese Woche zum Titelpärchen gekürt, den Verteidigungsminister in der Headline schon mal zum “Bürgerkönig” ausgerufen und dabei Grässliches enthüllt: So ist der Mann hinter einem Schlagbaum aufgewachsen, der das Gut der Guttenbergs mit einem “Betreten verboten”-Schild vom Rest der Gemeinde trennt. Das lässt natürlich auf einiges schließen. Bloß: Hatten die Merkels (respektive die Kasners) und Schröders früher denn keinen Gartenzaun daheim? Die Mutter Guttenberg habe die Familie früh im Stich gelassen, und zwar für den Sohn von Hitlers Außenminister Ribbentrop – sollte das nicht ebenso stutzig machen wie jene Erzählung, nach der KT schon als junger Teenager reaktionäre Handküsse an weibliche Dorfbevölkerung verteilte? Eigentlich ist der Mann nicht zu beneiden. Er kann nicht mal freundlich sein und sich nach der wehen Hüfte der Gattin seines Fahrers erkundigen, ohne dass man ihm sogleich Gutsherrenart unterstellt.

Von aristokratischem Dünkel wenig zu spüren

Merkwürdigerweise ist mit Guttenberg ein regelrechter Adelswahn ausgebrochen. Dabei hat die Bundesrepublik schon ganz andere Blaublüter in republikanischen Ämtern vertragen. Otto Friedrich Wilhelm von der Wenge Graf Lambsdorff war lange Zeit Guttenbergs Vorgänger im Ministeramt, Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich diente als Vizepräsident des Bundestages und wäre fast Finanzminister geworden, Richard von Weizsäcker gilt allgemein als einer der besten Bundespräsidenten, die Deutschland je hatte – und die CSU schickte sogar anstandslos den Kaisersohn Otto von Habsburg ins Europaparlament, der dort von Vertretern monarchischer Länder wie Großbritannien nicht selten als Kaiserliche Hoheit Erzherzog Otto von Österreich tituliert wurde. Thron und Zepter sind dennoch stets im Fundus geblieben. Nun aber Guttenberg, dem man immerhin das Kanzleramt zutraut. Ich bin einmal mit Guttenbergs Bruder Philipp, der als Präsident der deutschen Waldbesitzer eine deutlich bescheidenere politische Karriere verfolgt, auf einem Waldspaziergang gewesen. Und stellte bei diesem geradezu eine Schüchternheit gegenüber allem, was den Adel anbelangt, fest. Von aristokratischem Dünkel war wenig zu verspüren, der Mann ist wie die meisten Land- und Forstwirte und stapft in Gummistiefeln durchs Leben, wenn er nicht gerade seinen ehrenamtlichen Verpflichtungen in Berlin nachgeht. Kein Wunder, denn schnell ist die Politpresse, der bekanntermaßen ein schmutziges Boulevardherz innewohnt, zur Stelle und zückt die Adelskarte. Es mag sein, dass Calle Bismarck nicht der fleißigste aller Bundestagsabgeordneten gewesen ist – aber hatte das damals wirklich so viel mit seinen Vorfahren zu tun, dass kein einziger Medienbericht ohne den Hinweis darauf auskam? Die aufrührerischste Regung des Adels in den vergangenen Jahrzehnten war vermutlich jene Eröffnung des Thurn und Taxis-Museums im Regensburger Schloss Emmeram, bei der die “Fürschtin” den anwesenden Herzog von Bayern vor dem neben diesem sitzenden Erwin Huber, damals stellvertretender Ministerpräsident, begrüßte.

Kanzler trotz adeliger Abstammung

Sollte Guttenberg eines Tages tatsächlich Bundeskanzler werden, dann vermutlich nicht wegen seiner famosen Abstammung, sondern eher trotzdem. All jene, die sich Gedanken machen, ob man nicht doch den Verfassungsschutz abstellen sollte, der darüber wacht, dass der Mann nicht heimlich nach Wien fährt, um schon mal die Reichskleinodien anzuprobieren, seien beruhigt. In Berlin lebt schließlich auch noch Georg Friedrich Prinz von Preußen, der Spross der ehemaligen deutschen Kaiserfamilie. Irgendwie habe ich im Gefühl, der passt schon auf, dass keinem Freiherren so etwas je einfällt.

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