Der liebe Gott ist doch keine Jukebox

von David Baum14.10.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist hadert selbstverständlich zwischendurch auch mal mit seiner Konfession (jener aus Rom). Das ist aber noch lange kein Grund, zum Dalai Lama überzulaufen.

HÖREN SIE, ich telefoniere hin und wieder mit Uta Ranke-Heinemann, der Tochter des dritten deutschen Bundespräsidenten, Kommilitonin des Heiligen Vaters und allererste katholische Theologin überhaupt. Kurzum: einer Frau, der man zuhören sollte, wenn sie was über das Religiöse an sich zu sagen hat. Ich tue es jedenfalls gern, auch wenn die alte Dame manchmal ganz schön ketzerisch vom Leder zieht. Kürzlich sagte sie, sie würde den Buddhismus als schrecklichste aller Religionen empfinden: „Schließlich ist sein Grundkonzept eine einzige Drohung, denn er stellt in Aussicht, dass ich nach dem Tode nicht Mama und Papa wiedersehe, sondern als Heuschrecke wiederkehre – eine Horrorvision.“ Das ist etwas keck formuliert, aber im Prinzip hat sie recht und bestätigt meine eigenen Erfahrungen. Ich kenne sie ja auch, diese Pazifismus vortäuschenden Bobo-Buddhisten. Man muss nur bei einem Abendessen eine Klitzekleinigkeit gegen den Dalai Lama vorbringen und schon hat man eine Überreaktion, die das Islamistengeschrei nach den Mohammedkarikaturen als höfliche Protestnote erscheinen lässt.

Rumzappen durch die Weltreligionen

Es scheint immer mehr Mode zu werden, zwischen Weltreligionen und deren launigen Nebenzweigen hin- und herzuzappen. Am liebsten basteln sich die pluralistisch Vergeistigten eine Wohlfühlreligion aus allem zusammen, das ihnen irgendwo auf den Grabbeltischen spiritueller Buchhandlungen begegnet. Aber so funktioniert das nicht mit der Erlösung. Insofern ist mir eine sonst eher zwielichtige Person wie Suha Arafat, die als Gattin des früheren Palästinenserführers dem Katholizismus treu geblieben ist und ein Foto mit Papst Johannes Paul II. im gemeinsamen Haus in Gaza City hängen hatte, lieber als so eine Madonna Ciccone, die ihre Götter dem jeweiligen Plattencover anpasst. Ich gestehe, hin und wieder Gefallen am Protestantismus zu finden, weil er den Haupteinfluss gab, dass die Deutschen zu Denkern wurden, aber ich halte es mit der Religion ebenso wie mit dem Patriotismus: „Maybe it’s a shit country, but it’s my country.“ Zurzeit wird in Deutschland besonders viel zum Islam konvertiert, leider aber auch zum Islamismus. In Mönchengladbach ruft ein besonders krasser Prediger namens Pierre Vogel, der evangelisch konfirmiert und Junioren-Weltmeister im Boxen war, zur Scharia samt Handabhacken und Frauen steinigen auf. In die Ballerlager in Afghanistan, Pakistan und anderen netten Gegenden der inneren Einkehr reisen bevorzugt gern deutsche Überläufer und überlegen, wie sie möglichst viele Menschen mitreißen können – allerdings nicht für ihre Begeisterung, sondern in den für alle Ungläubigen befohlenen Tod. Ich frage mich, wie man drauf sein muss, um den einen Gott, Messias oder Propheten hinter sich zu lassen, um dann dem nächsten Treue bis in ein mit willigen Jungfrauen bevölkertes Paradies zu schwören. Gerade noch galt „Wer frei von Fehl sei, werfe den ersten Stein“ und zwei Gefühlswallungen später denkt man bei jedem Brocken, der gut in der Hand zu liegen scheint, welche Wirkung er auf dem Schädel einer Ehebrecherin entfachen würde. Huch, hoffentlich setzt das nun keine Fatwa.

Hoffentlich gibt’s jetzt keine Fatwa

Eine besonders heikle Angelegenheit sind naheliegenderweise jene Deutschen, die plötzlich den Juden in sich zu erkennen meinen. Da scheinen doch viele im Verdacht zu stehen, nicht die Religion an sich reizend zu finden, sondern per Konversion aus der schwierigen deutschen Geschichte auschecken und elegant zur Opferseite rübermachen zu wollen. Manche werden jedenfalls engagierte jüdische Aktivisten und drohen all jenen, die publizieren, dass sie nicht immer schon alttestamentarische Namen tragen, sondern als brave deutsche Edith über das Taufbecken gehalten wurden, mit harschen Klagen. Oder sie werden Generalsekretäre von jüdischen Verbänden und versenden hyperaktiv Presseaussendungen, in denen sie der Welt mitteilen, wie “zutiefst besorgt” oder “empört” sie sind – über Sarrazin, Eva Herman und all die anderen aus dem Tätervolk. Das Judentum, das bekanntermaßen eine Religion mit viel Erfahrung ist, wird gute Gründe haben, nicht aktiv zu missionieren. Dem fleißigen Konvertitenskeptiker Henryk M. Broder ist zu verdanken, dass gerade ein besonderes Prachtexemplar aufgeflogen ist. Die Dame heißt Dr. Edith Lutz und produzierte sich im ARD-Magazin Monitor als Initiatorin eines “jüdischen Schiffs für Gaza”, das die israelische Blockade zu durchbrechen gedachte. Eine Aktion, die ohne jüdische Initiatorin nicht so recht zur Headline taugt. Leider ist die gute Frau Dr. Lutz noch nicht dazu gekommen, mehr als nur ihr Herz fürs Jüdische schlagen zu lassen. Wieso auch Zeit mit Talmud oder Tora vertrödeln, wenn man sich auch von einer TV-Redakteurin, die Recherche für ein französisches Schimpfwort hält, zum auserwählten Volk berufen lassen kann. So ein bisschen Anti-Israel-Aktionismus scheint bei so vielen als idealer Balsam für die Profilneurose zu gelten, als wäre das von der Apothekenrundschau empfohlen worden. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sich der liebe Gott gerne als Jukebox verstanden wissen will. Es gibt natürlich Überläufer, deren Motive mehr als redlich sind. Bärbel Schäfer etwa, die aus Liebe zu einem Herrn jüdischen Glaubens übergetreten ist und ihren jüdischen Kindern auch eine jüdische Mutter sein wollte. Eine ebensolche ist übrigens eine großartige Frau, die ich aus Hamburg kenne. By the way ist sie die Enkeltochter einer gewissen Magda Quandt, später verheirateter Frau Dr. Goebbels. Alles in allem eine für alle wunderbare Nachricht, denn sie impliziert Folgendes: Es muss ihn geben, den gerechten Gott.

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