Wie die Bahn, so das Land

von David Baum30.09.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist liebt das Bahnfahren – schon aus Familientradition. Und doch ist das Dauerdebakel Deutsche Bahn nicht mal mehr mit autogenem Training zu ignorieren. Dabei könnte alles Erste Klasse sein.

HÖREN SIE, über die Bahn zu schimpfen ist das Allerletzte. Nur das übelste Oberlehrergesindel spielt sich über verspätete Lokalbahnen auf und brüllt hilflose Schaffner an. Mit “Senk ju vor träwelling” hat der Bahnhass sogar einen eigenen Bestseller hervorgebracht, der nur von noch niederträchtigerer Besserwisserliteratur wie “Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod” unterboten wird. Sie müssen verstehen, ich komme aus einer Familie, in der der Eisenbahnangestellte als Held gilt. Namentlich der Lokomotivführer Ferdinand Stasny, mein Urgroßvater. Ich erinnere mich nur fern an den honorigen Herren, der mich oft in seinen Weinkeller zum Schmiere stehen mitnahm, weil er dort heimlich rauchte. Er hatte es vollbracht, mehrere vollbesetzte Züge, die von Felsrutsch oder feindlichen Luftangriffen bedroht waren, zu retten, indem er sie in gut geschützte Tunnels gefahren hat. Leider waren die nicht lang genug und so erwischte es ihn einmal selbst, was ihn einen Lungenflügel kostete. Dafür gab’s Ruhm und Ehre. Und offenbar Gottes Segen, denn er rauchte, wie gesagt, und wurde dennoch steinalt.

In with anger, out with love

Demnach verfügte ich als Kind über eine ansehnliche Modelleisenbahn, vor Fels und Bomben schützende Tunnels inklusive. Trotz dieser Pro-Bahn-Indoktrinierung ist mir das aufkommende Versagen der österreichischen, aber vielmehr noch der Deutschen Bahn nicht verborgen geblieben. Aber ich habe gelernt, selektiv zu denken, die Ansagen in unfassbarem Englisch amüsant oder authentisch zu finden. Ich habe mir als jemand, der manchmal Tausende Kilometer im Monat zurücklegt, bestimmte Praktiken angeeignet, selbst mit dem inkompetentesten Schaffner solidarisch zu bleiben: In with anger, out with love. Ich habe mich in Liegewagen gezwängt, obwohl ich Schlafwagen reserviert hatte. Ich habe es geschafft durch autogenes Training mit zugeschissenen Klokabinen und relaxten Ansagen, dass “unser Zug zurzeit eine Verspätung von 210 Minuten hat” (kürzlich zwischen Köln-München passiert) klarzukommen. Ich fand sogar Bahnchef Dr. Rüdiger Grube irgendwie rührend, als er für das bahneigene Magazin “Mobil” Helmut Schmidt zu interviewen vorgab – und dabei nicht nur bloß sich selbst mit Doktortitel anführte, Schmidt aber nicht, sondern ausufernd über seine Herkunft, die Obstbauerneltern sowie seinen atemberaubenden Aufstieg referierte. Sodass der Altkanzler irgendwann aufgab und bat, die Bahn möge wenigstens zuverlässiger werden. Ich habe gelernt, mir dieses von Fernsehköchen aufgehübschte Mikrowellen-Angebot der Speisewagen schmackhaft zu denken, die Ofenkartoffel mit einem Extrapäckchen Butter beziehungsweise das Chili mit einem Schuss aus dem Rotweinangebot zu einer relativen Delikatesse zu verrühren. Ich bin stets ein treuer Bahnfahrer geblieben.

Sagt die Bahn etwas über unser Land aus?

Dann aber traf ich letzte Woche auf Herrn Waldraff. Er verrichtet seinen Dienst als “Bahn-Security” auf dem Bahnhof Traunstein. Ich war in München in einen Zug eingestiegen, auf dem gestanden hatte, er würde nach Salzburg fahren. In Traunstein war aber Schluss. Also stand ich mit etwa 30 Touristen aus den USA und Kanada, die mich verzweifelt zu ihrem Lotsen erkoren, auf dem Bahnsteig und suchte eine Anschlussverbindung. Herr Waldraff beobachtete nun, wie wir alle auf einem Gleis herumirrten, das wiederum einen Zug nach Salzburg versprach. Und verschwieg belustigt, dass der Zug ausnahmsweise von einem anderen Gleis abgehen würde. Als ich es bemerkte, war es zu spät, und schaute nun in ein breit grinsendes Waldraff-Gesicht, der auf die Frage, wieso er uns das nicht mitgeteilt hätte, patzig sagte: weil das nicht sein Job sei. Es war nicht schön, den netten Amerikanern zu erklären, dass das alles Ausnahmen seien und das Land insgesamt nicht so desorganisiert wie dieses Unternehmen und auch nicht so menschenverachtend sei wie dieser Mann. Seitdem frage ich mich: Sagt uns die Bahn etwas über das Land? Ich meine schon. Es krankt an den gleichen Problemen: So wenig sich die Bahnmitarbeiter mit ihrem Unternehmen identifizieren, so sehr sie Engagement über das Notwendigste hinaus ablehnen, so unüberblickbar und richtungslos die Führung daherkommt – so ist irgendwie leider auch das Land, durch das die Züge rattern. Auf einer Fahrt zwischen Hamburg und Leipzig kam ich am Tisch mit dem fabelhaften Schauspieler Dominique Horwitz zu sitzen. Da marschierte der Schaffner ein, der langes wallendes Haar trug, etwa zwei Meter zählte und dazu Damenschuhe trug, sonst aber sehr klobig und maskulin mit Brummbassstimme auftrat. Eine merkwürdige Erscheinung, aber irgendwie von ansteckendem Selbstbewusstsein. Die Bistrofrau kicherte, als sie unser Staunen bemerkte: Er sei halt ein Unikum, aber die Leute würden ihn mögen und die Kollegen sowieso. Da lehnte sich Horwitz zurück, lächelte und sagte, dass er gern in einem Deutschland lebe, das solche Schaffner hat. So hat jeder seine Utopie. Mir würde momentan reichen, dass der Zug nach Salzburg in Traunstein einfach nicht mehr hält.

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