Verkehrte Welt

von David Baum7.10.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist weiß, dass man lechts und rinks nicht velwechsern soll. Aber schön langsam kann man seinen politischen Kompass wegwerfen. Zur Orientierung in dieser Gesellschaft taugt er jedenfalls nicht mehr.

HÖREN SIE, ich hätte natürlich schon vor einigen Wochen in Bayreuth stutzig werden sollen. Ich sitze da in diesem Festspielhaus, das als Trutzburg eines alten werteorientierten Deutschlands verrufen ist, zumindest aber die Frisuren mancher Damen noch der Stahlhelmfraktion zuzurechnen sind. Die Fanfaren verklingen gerade, gleich wird sich der eiserne Vorhang für den fünfstündigen Kampf Parsifals lüften, da ist ein Raunen zu vernehmen, weil noch ein Pärchen der Mitte unserer Sitzreihe im Parkett zustrebt. Die Menschen zischeln nicht, weil sie sich noch einmal erheben müssen, sondern für wen: PDS-Promi Gregor Gysi nebst Gattin Andrea, beide fesch in Smoking und Abendkleid, zwängen sich höflich lächelnd durch Reihe 16. Nun könnte man sagen: Ist doch alles wunderbar, wie könnte im Jahre 20 der deutschen Einheit besser demonstriert werden, dass dieses Land zusammengewachsen ist? Der volkseigene Betrieb IFA-Kombinat in Karl Marx-Stadt – oder wie das heute heißt – gehört ja inzwischen auch zu Volkswagen. Und doch sind die Vorgänge der letzten Zeit Ausdruck einer großen Desorientierung, die über einen angenehmen Schwips mit Drehwurm weit hinausgeht. Die Linie der meisten Politiker in Regierungsverantwortung erinnert an ein heiteres Lied des großen Hans Moser, der so schön nuschelte: “Einmal in der Woch’n fall i um.”

Einmal in der Woch’n fall i um

Frau Merkel, Herr Rösler oder auch Herr Gabriel würden dazu einen wunderbaren Chor abgeben. An das althergebrachte politische Koordinatensystem kann man sich jedenfalls nicht mehr halten, mindestens seit die Grünen in Jugoslawien Krieg geführt haben. Davor hätte man diese Partei höchstens vom Pazifismus abbringen können, indem man einer Petra Kelly oder dem guten General Bastian prophezeit hätte, dass es einmal so weit kommen würde. Da wären selbst die handgreiflich geworden. Seitdem geht munter der Plumpsack um. Ich muss das nicht ausführen, Sie haben selbst bemerkt, dass es eine verkehrte Welt ist, in der ein aristokratischer CSU-Minister die Wehrpflicht beendet, SPD-Leute die Integration für gescheitert erklären und über Juden-Gene plaudern, der darüber empörte SPD-Chef von einer FDP-Bundesministerin zurechtgewiesen wird, weil er dann doch eine härtere Gangart gegenüber Ausländern fordert. Und die Vorstellung einer Partei rechts der CDU findet vor allem bei Anhängern der Linkspartei Sympathie – und zwar keine strategische. Hä? In Österreich gab es so was Ähnliches, da mussten vor zehn Jahren erst die Rechtspopulisten an die Regierung kommen, damit endlich mal eine Zwangsarbeiterentschädigung stattfindet, aber das ist ein anderes Phänomen.

Das politische Koordinatensystem ist krass verrutscht

Besonders krass scheint mir auch das Koordinatensystem in den Medien verrutscht zu sein. Denken Sie an den Fall Kachelmann. Der als Vergewaltiger verdächtigte Wetterfrosch wird von sympathisierenden Kommentaren einer reschen Spiegel-Gerichtsreporterin begleitet, während dem mutmaßlich bemitleidenswerten Opfer von einer BILD-Reporterin namens Alice Schwarzer propagandistisches Mitgefühl zuteilwird. Wenigstens muss sich BILD nicht plötzlich vorwerfen lassen, über Nacht objektiv geworden zu sein. Dass das deutsche Feuilleton immer schon einen Hang zum Dirty Klatsch und zur inszenierten Aufregung hatte, ahnten wir, seit wir Marcel Reich-Ranicki eingängiger kennengelernt haben. Nun aber, mit den Tagebuchveröffentlichungen des anderen alten, griesgrämigen Literaturpapstes Fritz J. Raddatz, sind wir von einer unglückseligen Sicherheit erfüllt. Das liest sich teilweise, als wäre die Literaturszene der letzten 50 Jahre ein einziger wilder Puffbesuch mit Grass, Enzensberger, Hochhuth und Frau Henkel gewesen. Insofern ist es auch schon wieder egal, dass heute in den Elfenbeintürmen der erlauchten Zeitungen ein Rinnstein eingebaut wurde und manche Theaterkritik so klingt, als müsste sie für die Verlautbarung durch ein Megafon geeignet sein. An dieser Stelle grüße ich die Autorin einer seriösen Tageszeitung, die im Kulturteil unzensiert Georg Friedrich Händel als Komponisten der aktuellen Bundeshymne verkauft hat. Sie müssen nicht weiterlesen, es kommt kein moralisch einordnender Schluss. Dazu bin ich ohnehin viel zu verwirrt. Letztes Wochenende noch, war ich auf dem Oktoberfest, wo FC-Bayern-München-Spieler blonden Schauspielerinnen in den Ausschnitt gaffen, man pro Abend mindestens dreimal von einem aggressiven Ordner geboxt wird und massenweise Italiener in ihrem eigenen Erbrochenen auf den Wiesen liegen. Kurz: wo alles schön und gut wie ehedem ist und man sich sicher und aufgehoben fühlen darf.

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