Himmelhoch jauchzend, zu Milde gerührt

von David Baum23.09.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Im Privatjet über Monaco beschleicht David Baum ein geradezu erhebendes Gefühl: der Traum von einem Europa, frei von Grenz- und Gedankenschranken. Ein Europa, das mehr verbindet, als dass es trennt – trotz aller Probleme. Was heute noch ein schöner Gedanke ist, könnte für die kommende Generation zur Alltagsrealität werden.

Bekanntermaßen beschleicht jeden, der aus dem Weltall auf die Erde blicken darf, ein seltsames Gefühl der Milde. Ob Neil Armstrong, der für die NASA im Krieg gegen die Sputnik-Macht hoch zum Mond geschossen wurde und als Friedensbotschafter herunterfiel, oder diese Internetmilliardärin namens Ansari, die sich als Weltraumtouristin den Blick auf den Blauen Planeten und ein bisschen Spaß in der Schwerelosigkeit gönnte: Sie alle benahmen sich plötzlich, als würden sie sich für den Friedensnobelpreis und den Job des Dalai Lamas gleichzeitig bewerben. Wer die Menschheit als Ameisenhaufen wahrnimmt, ist auch in seinem irdischen Weiterleben dem Himmel so nah.

Der Geist des vereinten Kontinents

Bislang weniger bekannt war, dass selbst der Blick auf einen der Weltraumfahrer zu gewisser Erhabenheit verleitet. Dies wurde kürzlich bekannt, als Mondpionier Armstrong zum ersten Mal seinen Fuß in ein Fernsehstudio setzte und dort eine “Bild”-Reporterin und “FAZ”-Herausgeber Frank Schirrmacher gleichermaßen erleuchtete. “Wenn wir nachts zum Himmel schauen, sehen wir einen kahlen, weiß-gelben Körper”, dichtete etwa die Kollegin von “Bild”. “Wenn ER nach oben blickt, sieht er Berge, Krater – und Landeplätze.” War die Versalschreibung von “er” bislang nicht der Heiligen Schrift in Bezug auf Gott, den HERRN, vorbehalten? Egal, für “Bild” ist auch Armstrong eine Art Himmelvater, da darf man nicht zu zimperlich sein. Ebenso der Großintellektuelle Schirrmacher, der allerdings schon anderen Propheten wie Tom Cruise bei einer Bambi-Verleihung verfallen war, nun also dem weisen “Eremiten von Cincinnati”. In seiner Ankunft auf dem Trabanten sieht er “das Kapitel Homo sapiens”. Denn: “Immerhin wissen wir dank Armstrong, dass wir theoretisch flüchten könnten.” Aber ich will mich nicht erheben über diese Art von intergalaktischer Einsicht. Als technisch naiver Mensch erscheint mir jeder Boeing-Flug als Wunder, das mich über die Menschheit staunen und in meinem Erinnerungsschatz nach Kalendersprucherkenntnissen aus der Ikarus-Saga und dem Petit Prince forschen lässt. Mein merkwürdiger Beruf bescherte mir kürzlich eine Einladung, mit dem Privatjet eines Formel-1-Rennfahrers über ein launiges Stückchen Europa zu fliegen, was nicht das Weltall ist, aber zumindest einen romantischen Blick über den Kontinent ermöglicht, und siehe da: Schon wird man wehmütig und friedvoll und fühlt sich als kommender Vorreiter der europäischen Einigung. Wir flogen über das sonnenüberflutete Alpenrelief hinweg, quer über Österreich, die Schweiz und Frankreich, schwirrten noch ein letztes Stückchen Helikopter über die Côte d’Azur nach Monaco – und während der Rennfahrer, der diese Strecke so oft zurücklegt, dass ihm eine VIP-Pendlerpauschale gebühren würde, tief und gelangweilt schlief, dräute in mir der Geist des vereinten Kontinents. Nicht einmal deutschenfeindliche Klosprüche am Flughafen Genf (“Fuck les Allemandes, ihr macht alles kaputt – siehe Griechenland”) und die Lektüre des Schweizer Stürmers “Weltwoche” ebendort, wo eine Annektion von Vorarlberg (A), Baden-Württemberg (D), Savoyen/Hochsavoyen (F) und Como/Varese (I) an das großhelvetische Reich propagiert wurde, konnten mich in Wallung bringen. Nein, ich fühlte mich vielmehr beflügelt von der Auflösung nationaler Wälle und dem gemeinsamen Trällern von “Freude schöner Götterfunken” von allen 700.000.000 Europäern – selbst wenn die Serben falsch sängen und ein paar Briten die Titelmelodie von “American Idol” dazwischengrölten. Von hier oben wirkte alles so glücklich. Dass die Slowaken ihrer ungarischen und ihrer deutschen Minderheit inzwischen verbieten, in ihrer Volkssprache außerhalb der eigenen Küche zu verkehren – was soll’s? Dass im Europaparlament inzwischen Parteien aus mehreren Ländern sitzen, die als Hauptpräambel ihrer Programme die Ausrottung der Zigeuner verlangen – nationale Folklore.

Das neue Europa ist nah – für die kommende Generation

Ich freute mich über die Buntheit der Fürstentümer, Republiken und Königreiche, über die hundert Sprachen, die heiteren Dialekte und Trachten. Am Abend setzte ich mich in Nizza vor ein Carrousel, auf dem hübsche, glückliche Touristenkinder aus aller Herren Ländern auf Einhörnern, in sich drehenden Muschelschalen, Propellermaschinen und sogar dann und wann auf einem weißen Elefanten jauchzten und wusste: Das neue Europa ist nah. Aber vermutlich erst für diese nächste Generation. Am Morgen, als die übel gelaunte Stewardess in der Lufthansa-Maschine eine französische Dame zusammenfaltete, weil diese die auf Deutsch geschriebene Anweisung, das Tischchen nicht herunterzuklappen, ignoriert hatte, fühlte ich deutlich den Kater. Dabei war ich doch wieder in der Luft, hoch oben. Doch dicke Wolken zogen über Europa hinweg und versperrten die Sicht.

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