Weg mit der Schweiz!

von David Baum24.03.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Zerschlagt Spanien! Teilt Italien! Löst Belgien auf! Wiedervereinigt Ungarn! Gründet die Republiken Flandern und Katalonien! Unser Kolumnist denkt sich ein neues Europa.

HÖREN SIE – jetzt, wo alle über “Gaddafi(Link) e herfallen, sollte man noch einmal betonen, dass der Mann auch gute Ideen hatte. Nein, ich meine nicht „die Lösung des Demokratieproblems durch Volksmacht“, sondern jenen launigen Einfall aus dem September 2009, man möge die Schweiz zertrümmern und auf ihre Nachbarländer aufteilen. Nicht, dass ich die liebe Eidgenossenschaft tatsächlich verhackstücken möchte, aber der grundsätzliche Wille zur Neugestaltung Europas hat mir gefallen. Wie im Übrigen auch dem Kollegen Roger Köppel, der als Chefredakteur der „Züricher Weltwoche“ schon manch gewagte Theorie in den Erdkreis publiziert hat und damals des libyschen Obersts Gedanken aufnahm, aber andersrum: Er forderte Volksabstimmungen für die Nachbarregionen der Schweiz in der Hoffnung, Vorarlberg, Baden-Württemberg, Savoyen/Hochsavoyen und Como/Varese würden sich dann glücklich in den Schoß eines großhelvetischen Reiches betten (ich berichtete Ihnen bereits darüber).

Nationales Getue, Autonomiebestrebungen, Regionalismus

Wir Österreicher haben mit Volksabstimmungen verschiedenste Erfahrungen gemacht. Die Bewohner des Bundeslandes Kärnten haben sich 1920 mittels einer solchen zur Republik Österreich geschlagen, die Bewohner der Region Ödenburg entschieden hingegen ein Jahr später gegenteilig, womit sie nicht Hauptstadt des Burgenlandes wurden, sondern eben bloß ein Randstädtchen in der Volksrepublik Ungarn, allerdings mit ausgezeichnetem Blick auf den Eisernen Vorhang. In Vorarlberg gab es 1918 die Befragung, bei der sich 80 Prozent für den Beitritt zur Schweiz(Link) z ausgesprochen haben, aber damals bestanden in Bern Bedenken, ob das ethnische Gleichgewicht nicht ein bisschen auf die alemannische Seite kippen könnte. Wer nicht will, der hat eben schon. Ich wage die Behauptung, dass wenn alle Nachbarstaaten den Mut gehabt hätten, ihre Randregionen abstimmen zu lassen, wo sie gerne zu Hause sein möchten, Österreich heute ein klein bisschen größer und sein höchster Berg nicht der Großglockner (3798 Meter), sondern der schöne Ortler (3905 Meter) wäre. Das aber nur nebenbei. Kommen wir zur aktuellen Lage: Das notorische Belgien mit seinen Zankzonen, den nach Eigenständigkeit trachtenden Flamen und den von jenen wiederum ungeliebten weil lange überheblichen Wallonen. Nach 180 Jahren Konstrukt ist das Königreich unregierbar geworden und driftet auseinander. Es sieht nicht aus, als wäre da noch eine Einheit herzustellen. Und wieso auch? Immerzu heißt es, nationales Getue, Autonomiebestrebungen, Regionalismus seien in Zeiten einer konsequenten EU Folklore und anachronistisch. Ich finde aber, das spricht doch geradezu für ein Überdenken von Staatengebilden, die oft von diktierten Vertragswerken herrühren, die in miesepetriger und racheerfüllter Stimmung nach den diversen scheußlichen Kriegen entstanden sind.

Was wollen Sie?

Also warum nicht die viel beschworene, gerühmte und überall in der Welt propagierte Demokratie einfach mal zu Hause anwenden und die Völker, Volksgruppen und Bevölkerungen ernsthaft befragen, was sie eigentlich sein möchten? Bitte, ich habe einen sentimentalen Hang zum britischen Königtum, der lieben Familie Sachsen-Coburg-Gotha-Battenberg, die da thront, im Besonderen. Aber wenn die Schotten(Link) s keine Lust mehr darauf haben, dann ist das eben so. Nächstes Königreich: Spanien. Bekanntermaßen tendieren da manche unter der bourbonischen Krone zusammengefassten Völkchen eher zum Separatismus. Ich persönlich hätte kein Problem damit, meinen Urlaub in Katalonien zu verbringen oder bei den Basken(Link) t in der Republik Navarra. Gleiches gilt für Italien, das gerade so recht und schlecht seinen 150. Nationalgeburtstag beging. Das Werk von Garibaldi und König Viktor Emmanuel II. war beeindruckend. Aber auch Heroen können irren. Und vielleicht driftet da endlich auseinander, was nicht zusammengehört. Manchmal muss man auch anerkennen, dass auch historisch gewachsene Reiche sich irgendwann einmal auseinandergelebt haben. Wir sehen uns in Savoyen! Nicht jedes Scheidungskind ist unglücklich. Das ahnte schon König Otto der Große im 10. Jahrhundert, der vor der Möglichkeit gestanden hatte, sein Reich militärisch Richtung Westen zu erweitern und das alte Frankenreich territorial wiederzubeleben, darauf aber weise oder pragmatisch verzichtete.

Vielleicht gibt es ein neues Preußen

Es ist keine gute Zeit, den Ungarn Ansprüche an Nachbarterritorien zuzugestehen. Sie kommen in ihrem nationalen Rausch gerade nicht mal mit dem, was sie haben, zurecht. Der Rechtsdrall der Ungarn hat aber vielleicht gerade damit zu tun, dass von den 15 Millionen Ungarn nur zwei Drittel im Vaterland leben, der Rest (das sind ungefähr so viele wie alle Dänen zusammen) wird seit dem gemeingefährlichen Vertrag von Trianon in die Staaten Serbien, Rumänien und Slowakei gezwängt, wo sie nicht hingehören und wo sie zum Teil bis heute völkerrechtswidrig unterdrückt werden. Und was die Griechen mit der slawisch-mazedonischen Minderheit treiben, ist ihres Erbes unwürdig. Mich würden insofern neue Staaten, in denen sich die Einwohner als das, was sie sind, anerkannt fühlen, freuen. Wer nicht dafür kämpfen muss, seine eigene Identität zu leben, der kann sich ungezwungen darauf konzentrieren, ein guter Europäer zu sein. Die letzte Volksabstimmung dieser Art hat 1989 stattgefunden. Die Bürger der DDR haben ohne Wahlgang aber per Akklamation bestimmt, zur Bundesrepublik Deutschland zu gehören. Das ist immer noch herzzerreißend, und trotzdem könnte man auch das noch mal einer Überprüfung unterziehen. Vielleicht tut sich ja der alemannische mit dem bajuwarischen Raum(Link) n zu einem famosen Alpenstaat zusammen? Und oben gibt es ein neues Preußen! Tärämtärämtärämtätäää! Vergangenes Wochenende stand ich lange in der Innsbrucker Hofkirche vor dem Sarkophag Kaiser Maximilians und überlegte mir, wie er es wohl geschafft haben mag, Regionen wie Sizilien, Österreich, Spanien, Ungarn, das Burgund und andere zu vereinen. Ich habe es nicht herausgefunden. Vielleicht müssen wir das auch gar nicht.

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