Österreicher raus!

von David Baum16.09.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist bekommt nicht genug von der Migrantendebatte und stellt die verbotene Frage: Sollte es nicht das Recht geben, ein anderes Volk einfach bescheuert zu finden? Freundlicherweise spielt er diese Idee mit jener Ausländergruppe durch, der er selbst angehört: den Österreichern.

HÖREN SIE, Sie werden es nicht glauben, mich überkam vergangenes Wochenende das Gefühl von Ausländerfeindlichkeit. Ich stehe in so einem Düsseldorfer Kiosk und die nette Dame an der Kassa fragt einen graumelierten Popanz mit modischem Kreppschal, der ein paar Zeitungen gekauft hat, ob er eine Tüte möchte. “Eine woos?!”, antwortet der in arrogantem Tonfall und fügt patzig hinzu: “Des haaßt immer noch Sackerl!” Die Kioskdame ist verduzt und kontert fast entschuldigend: “Wir sind doch hier in Düsseldorf …” Der Popanz verlässt das Geschäft und raunzt zum Abschied: “Ja, leider!” Gerade noch friedlicher Anhänger der sogenannten bunten Republik, entfuhr mir da ein spontanes “Scheiß-Österreicher!” und siehe da, ich erntete allseits zustimmendes Nicken. Und schwuppdiwupp hat man sich der Volksverhetzung schuldig gemacht. Den weiteren Einkauf in jenem Kiosk musste ich unter Vermeidung meines eigenen Akzentes durchführen, sonst hätte jeder gemerkt, dass ich selbst Österreicher bin. Wer weiß, wozu so ein aufgeputschter Mob fähig ist – besonders wenn er gerade Sarrazin-Thesen im “Spiegel” gekauft hat.

Schwuppdiwupp wird man zum Volksverhetzer

Ob Herr Sarrazin mit seinen Schlussfolgerungen über die muslimischen Migranten recht hat, kann ich im Gegensatz zu den meisten Kommentatoren schlecht beurteilen. Ich durfte leider noch nicht alle Muslime in Deutschland persönlich kennenlernen. Was eine andere Migrantengruppe anbelangt, verfüge ich aber über einen guten Überblick, und bedeutete dies nicht den Aufruf zu meiner eigenen Deportation, müsste ich einer Petition zur Vertreibung der Österreicher zustimmen. Dass viele Deutsche unter ihrer Gutmenschenlarve ähnlich denken, zeigt sich anhand einiger Indizien: Begriffe wie Schnitzelfresser oder Schluchtenscheißer erfreuen sich weitgehender Beliebtheit im Umgang mit Exil-Österreichern, während andere dezent unfreundlich gemeinte Kosenamen wie Katzelmacher, Kümmeltürke, Kuffnucke oder Kanake aus dem Sprachgebrauch verschwunden sind. Außerdem neigen manche Deutschen zu Verschwörungstheorien, wenn der alpenrepublikanische Bundespräsident mit einflussreicher deutscher Medienelite austriakischer Provenienz in der Hofburg mauschelt. Der Österreicher in Deutschland stellt sich als besonders integrationsunwillig heraus, was er durch die krude Behauptung zu überspielen versucht, die gleiche Sprache wie die autochthone Bevölkerung zu sprechen. In Wahrheit blickt der Österreicher aber mit Überheblichkeit auf sein Wirtsvolk. Er findet den Bau von Holocaust-Mahnmälern übertrieben, weil dies seine arme unschuldige Republik auch zu “schiachen” Betonbauten nötigen könnte, ihm gefällt die jeweilige deutsche Landschaft, in der er sich niedergelassen hat, höchstens “fast so schön” wie irgendeine in seiner Heimat und er empfindet Abscheu und Verachtung für das Fettgebratene, das ihm hier als Essen vorgesetzt wird. Die Eröffnung eines Restaurants deutscher Küche in Wien ist ähnlich wahrscheinlich wie die Umwidmung der Al-Aqsa-Moschee zum katholischen Dom. Währenddessen beobachtet er mit Genugtuung Schröder, Merkel, Westerwelle, wie sie bei Borchardt, Einstein & Co. österreichische Spezialitäten in sich hinein stopfen.

Der Österreicher wähnt sich als besserer Deutscher

Am schlimmsten ist, dass sich der Österreicher als besserer Deutscher aufspielt. Das hat er schon getan, als er sich noch in SS-Uniform als Volksgenosse wähnte. Heute eben als Chefredakteur deutscher Zeitungen, als Gründer von RTL, als Restauranteigner oder TV-Koch, als Siemens- oder Lufthansa-CEO, als graue Eminenz bei Volkswagen oder wenn er mit charmantem Wiener Akzent einen Preis als bester deutscher Schauspieler entgegennimmt. Besonders verachtet diese besondere Gattung der Fremdarbeiter (Lafontaine) die germanischen Ureinwohner, wenn sie ihn auf seine Herkunft ansprechen, die er doch selbst gern und oft betont – und zwar mit eher unhaltbaren Behauptungen wie “Wir haben bereits Opern komponiert, da habt ihr noch im Elbschlamm nach Würmern gesucht”. Gerne kichert der Ösi beim Empfang der österreichischen Handelsdelegation in Hamburg über Hanseaten, denen der Handkuss missrät. Oder wenn gar die Ossis auf dem Dresdener Opernball versuchen, österreichische Ballkultur zu imitieren. Ebendort berichtete mir der frühere RTL-Chefredakteur Hans Mahr, ein Wiener, schallend lachend, dass er von seiner Wahlheimat Köln angeschrieben worden sei, ob er in den Migrantenbeirat der Stadt aufgenommen werden wolle. “Soll i da mit dem Mutlu und dem Mohammed diskutieren, wie ich besser zu integrieren sei?!”, haute sich der Hansi über das groteske Ansinnen ab. Mehr muss man über die Anpassungswilligkeit dieses Völkchens nicht wissen. Die Republik Österreich und die Schweiz haben übrigens umgekehrt bereits entdeckt, dass sich der aus Deutschland stammende Einwanderer ideal eignet, um das zwangsweise verstopfte Ventil für Fremdenhass zu öffnen. Die Züricher “Weltwoche” und deren politisches Sprachrohr SVP hetzen mit Inbrunst gegen die zahlreichen deutschen Uniprofessoren, die den armen eidgenössischen Studiosus infiltrieren. In Österreich befriedigen besonders linke Studenten ihre niederen Instinkte mit offener Beschimpfung von Kommilitonen aus dem vormaligen Altreich. Wie so oft sind die Bayern ihrer Zeit und dem Rest der deutschen Lande weit voraus. Als ich kürzlich in einem Bierwirtshaus einen Salzstreuer verlangte, weil der Schweinsbraten nach nichts schmeckte, sagte der Wirt: “Wenn’s das ned magst, schleichst di halt nach Österreich.” Dem Mann ging es nach diesem Ausbruch eindeutig besser. Und mir auch, schließlich war ich noch nie in den Genuss gekommen, mich als Opfer von Diskriminierung zu fühlen. Für jemanden, der sich seit seinem elften Lebensjahr für Haider und Waldheim rechtfertigen muss, ein seltener Genuss.

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