Die Kein-Herz-Königin

von David Baum7.04.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist findet es schade, dass Königin Beatrix nicht mit Jopie Heesters am Tisch sitzen will. Andererseits: Worüber sollte man auch plaudern? Augenzeugenberichte aus der Reichskanzlei hat die Witwe eines Nazis und Tochter eines SS-Reiters vermutlich genug gehört.

HÖREN SIE – so ein Abend mit Johannes Heesters kann eine großartige Sache sein. Einmal saß ich bei einem Familienessen des Heesters-Clans im Hamburger Alsterblickitaliener Paolino neben dem prominentesten Vertreter der Generation 100 Plus. Und hatte einen schönen Abend, den man selbst der niederländischen Königin nur wünschen kann. Bloß einmal wurde es kritisch. Konspirativ flüsternd fragte mich der bereits erblindete Jopie über die Farbe des Weißweines aus – und als er erfuhr, dass es sich um einen goldenen Sauvignon handelte, strahlte er über das ganze Gesicht. Dann machte er mich zu seinem Komplizen: „Du musst dem Kellner sagen, er soll ein Glas Weißwein mit Whiskey füllen und mir unauffällig servieren“, forderte er mich auf. Leider kam uns Tochter Nicole auf die Schliche und schimpfte sehr, dass man einen Mann in seinem Alter nicht heimlich mit Spirituosen versorgen dürfe. Jopie gab sich kämpferisch und trank das Glas genüsslich aus – und rauchte dabei ein paar Kippen.

Hü und Hott auf Schloss Bellevue

Das alles wird I.M. Königin Beatrix von den Niederlanden nun leider nicht erleben, wenn sie am 12. April im Schloss Bellevue bei Herrn Wulff diniert. Denn der ursprünglich eingeladene große Sohn des Tulpenreiches wurde inzwischen ohne nähere Angabe von Gründen von der Einladungsliste gestrichen. Das Schloss Bellevue will es nicht gewesen sein und verweist auf den Protokollchef des Auswärtigen Amtes. Dort schweigt man sich aus. Das müssen die aber auch gar nicht, wir wissen Bescheid. Eine persönliche Einladung des deutschen Bundespräsidenten, also sein geschriebenes Wort, ist offenbar nicht viel mehr wert als das einer Wahrsagerin auf der Tele-Kirmes von Astro-TV. Nur eine Bitte an das launenhafte Völkchen des Protokollstabes sei gewährt. Es wäre sinnvoll, in Zukunft auf den Einladungen zu vermerken: „Der Bundespräsident bittet Sie am Soundsovielten zum Festbankett ins Schloss Bellevue, sagen Sie aber etwaige andere Verabredungen lieber noch nicht ab, könnte vorkommen, dass er es sich noch mal anders überlegt.“ Die Schmallippigkeit der offiziellen Stellen lässt ahnen, dass hinter der Sache etwas anderes steckt, nämlich der seit Jahrzehnten schwelende Vorwurf an Heesters, Hofnarr des Dritten Reiches gewesen zu sein. Ich finde, Nachgeborene sollten mit Vorhaltungen gegenüber Mitläufern der Zeit, sich nicht als Widerstandskämpfer betätigt zu haben, sparsam umgehen. Obendrein lässt sich ganz gut feststellen, wie braun der liebe Jopie unter der Frackweste eingefärbt gewesen ist. Wahr ist, dass er vor Hitler gesungen hat, dass er seine Karriere weiterverfolgte, dass er an einem Propaganda-Ausflug ins KZ Dachau teilnahm, teilnehmen musste, wie er sagt – übrigens bei jener potemkinschen Exkursion, für die das Todeslager als eine Art Freizeitpark herausgeputzt wurde. Wahr ist aber auch, dass er noch 1938 demonstrativ mit einer nach Holland geflüchteten jüdischen Theatergruppe gearbeitet hat und seine Kinder in katholische Schulen schickte, um sie dem Einfluss des Regimes so weit wie möglich zu entziehen. Ebenso ist überliefert, dass er auf die Aufforderung von Dr. Goebbels, endlich deutscher Reichsbürger zu werden, geantwortet hat: „Nur wenn Sie Holländer werden, Herr Minister!“ Es soll Leute in jenen Tagen gegeben haben, die weniger mutig gewesen sind.

Die Niederländer reden sich ein, nur Opfer gewesen zu sein

Aber in so eine Majestät kann man nicht hineinschauen. Man weiß auch nicht, wie sie es gefunden hat, dass ihr Vater Prinz Bernhard im Dritten Reich kein angepasster Unterhalter, sondern Mitglied der Reiter-SS, später des Nationalsozialistischen Kraftfahrer-Korps, vor allem aber der NSDAP gewesen ist. Die erste Reise des Prinzen als Vertreter des niederländischen Königshauses führte ihn 1938 gleich in die Reichskanzlei zu Hitler, wo launig über die nationalsozialistische Partei in Holland gefachsimpelt wurde. Darüber wurde später viel diskutiert, nur das Königshaus bestritt oder schwieg. Dabei hätte Beatrix mit ihrem Ehemann Claus einen fachkundigen Berater an ihrer Seite gehabt, der war schließlich bei der Hitlerjugend und dem NS-Arbeitsdienst. Bevor er studieren konnte, musste er erst gründlich entnazifiziert werden. Um einen eingefleischten Nazi-Gegner zu erkennen, hätte sie bloß in den engeren Familienkreis schauen müssen, dann hätte sie wenigstens gewusst, wie so einer nicht aussieht. Die Verlogenheit, mit der diese Frau sich der Gesellschaft von Heesters verweigert, ist exemplarisch für das ganze Volk. Die Holländer reden sich bis heute ein, bloß Opfer gewesen zu sein. Prinz Bernhard, der im Krieg mit der Königsfamilie vor den „Volksgenossen” ins Exil floh, stilisierte man nachträglich zum Nationalhelden mit der weißen Nelke – und so sieht sich am liebsten das ganze Volk. In Wahrheit ist es nicht weit her mit den tapferen, standhaften Niederländern. Die haben fleißig daran mitgewirkt, dass das Land bereits 1943 als „judenrein“ eingestuft werden konnte. 75 Prozent der jüdischen Bevölkerung des Landes starben in den Vernichtungslagern. In Belgien waren es zum Vergleich 40 Prozent, in Frankreich 25 Prozent. Wie das kam? Für ein Kopfgeld von 7,50 Gulden pro Juden beteiligte sich die holländische Bevölkerung an der Judenjagd, die Bahn brachte die Opfer in die Vernichtungslager, für alle sichtbar und ungehindert. Tatsachen, die nach einer Vergangenheitsbewältigung wie in Deutschland und spät aber doch auch in Österreich geradezu schreien würden. Stattdessen veröffentlichte das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation ein Pamphlet, das die Taten der Niederländer verharmlost und an der Legende des Widerstandsvolkes strickt. 2006 deckte der Journalist Ies Vuijsje auf, dass das Institut bewusst Quellen ignoriert hat, die belegen, dass schon 1942 auch in Holland der Massenmord deutlich ruchbar gewesen ist. Das sind zugegebenermaßen keine guten Tischthemen für ein großes Fressen unter Staatsoberhäuptern. Aber man hätte darüber auch nicht reden müssen, man hätte sich Whiskey in Weißweingläsern bringen und dazu ein paar Zigaretten paffen können. Dafür ist es jetzt zu spät.

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