Spieglein, Spieglein, tz tz tz...

von David Baum12.05.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist dachte, es sei nun wirklich jede Nazi-Vergangenheit eines deutschen Unternehmens aufgespürt und enthüllt. Und hat sich getäuscht: Ausgerechnet der Spiegel-Verlag beschäftigte ehemalige SS-Leute und will sich selbst damit eher nicht beschäftigen.

HÖREN SIE – in der Hamburger Medienszene existieren seit jeher merkwürdige Marotten: Legendäre Chefredakteure und Artdirektoren, die zu Pferde- und Schafzucht neigen, Verleger, die privat Phantasieuniformen tragen und neuerdings das “launige An- und Aberkennen von Journalistenpreisen(Link) . Nichts wird aber mit einer ähnlichen Obsession betrieben, wie das Stöbern nach verborgenen Nazi-Geheimnissen oder der vertuschten braunen Vergangenheit von Konzernen und Dynastien. Wer sich das Geschehen rund um die gefälschten Hitler-Tagebücher(Link) s von Gruner & Jahr-Veteranen schildern lässt, muss feststellen, dass Helmut Dietls grotesker Film „Schtonk“ gar nicht so satirisch und übertrieben ist, wie man meinen möchte, sondern dem realen Geschehen sehr nahe kommt. Was aber wäre nur der Spiegel ohne das „Dritte Reich“? Wer es auf den Titel des Nachrichtenmagazins schaffen will, ist mit gestutzten Schnauzbart und dem Geburtsjahr 1889 deutlich im Vorteil. Nachdem in letzter Zeit nur noch die Kollegen von Bild Sensationen wie unterirdische Nazi-Tempel im Leinawald(Link) l entdecken, schnüffeln die Kollegen von der Brandstwiete bevorzugt in der Nazi-Vergangenheit von Firmen, Dynastien und Ministerien herum. Oder weisen Ministerien oder etwa dem BND nach, absichtlich Altnazis engagiert zu haben.

Anschuldigungen „unkommentiert abprallen“ lassen

Das ist sehr löblich, denn durch den aufgebauten Druck ist das Gewerbe der unabhängigen Historikerkommissionen auf Jahrzehnte versorgt. Blöderweise haben sie eine nicht ganz unbedeutenden Firma von ihrem scharfen Nazi-Röntgen-Blick offenbar verschont: Den Spiegel Verlag, sich selbst. Dabei gäbe es da ganz viel zu entdecken. Der Autor Peter Ferdinand Koch, früher selbst beim Spiegel tätig, zeigt in seinem eben erschienen Buch „Enthüllt“, wie massiv ehemalige Nationalsozialisten und sogar SS-Offiziere in Redaktion und Verlag des Spiegels wissentlich beschäftigt wurden und auch manchen redaktionellen Einfluss ausgeübt haben. Auch das österreichische Magazin Profil(Link) , eine Art „Alpen-Spiegel“, berichtet über die unschönen Verstrickungen und erhebt den Vorwurf, dass der Spiegel diese schon öfter vorgebrachten Anschuldigungen unkommentiert an sich abprallen lässt: „Tatsächlich hat das in seinem 64. Erscheinungsjahr stehende Flaggschiff des deutschsprachigen Journalismus auf einem Gebiet bis heute versagt – der kritischen Selbstreflektion“, heißt es da. Ausgerechnet in diesem angeblich „antifaschistischen Geschütz von Anbeginn“ tummelte sich derart viel prominentes Nazi-Volk, dass man sich fragen muss, ob gar das Spiegel-Cover nicht zufällig in den alten Reichsfarben gehalten ist. Der ehemalige SS-Brigadeführer Franz Stix aus dem als verbrecherisch eingestuften Sicherheitsdienst, der persönlich für die Ermordung von 64 Russen in Smolenks verantwortlich sein soll, habe dem Spiegel als Informant gedient und der Redaktion seine SD-Weggefährten Horst Mahnke und Georg Wolff als Mitarbeiter zugeführt. Nach dem Motto „Heute recherchieren wir Deutschland und morgen die ganze Welt“ avancierte Wolff später zum Spiegel-Auslandschef und stellte den ehemaligen Goebbels-Adjutanten Wilfried von Oven, der laut Kochs Recherchen nach Kriegsende auch gerne bei Neonazi-Kundgebungen auftrat, als Südamerika-Korrespondent ein. Der frühere SS-Sturmbannführer Erich Fischer, der im braunen Propagandaministerium ein hohes Tier gewesen ist, stieß in Düsseldorf zum Spiegel-Team (oder soll man besser sagen: Zur Spiegel-Einheit?) – Passenderweise als Werbeleiter Sollte sich Kochs Vorwurf bewahrheiten, Rudolf Augstein habe absichtlich mithilfe dieser Nazi-Gang im eigenen Verlag seinen Aufstieg „zur journalistischen Lichtgestalt“ betrieben, darf man wohl feststellen, dass die Geschichte des Nachrichtenmagazins neu geschrieben werden muss. Laut Buch und Profil-Bericht wurde die journalistische Sauberkeit oftmals dafür geopfert. Oder wie sollte man es sonst benennen, dass für die 30-teilige Serie über die Kriminalpolizei im Dritten Reich ein früherer SS-Hauptsturmbannführer und Kriminalrat im Reichssicherheitshauptamt beauftragt wurde? Selbst antisemitische Töne und Geschichtsfälschungen zum Reichstagsbrand will der Journalist ausfindig gemacht haben.

Beschwichtigen und abwiegeln

Eine Anfrage von heute morgen an den Spiegel-Verlag zum Thema blieb bislang unbeantwortet. Den Kollegen von Profil sagte man, es sei seitens der Redaktion keine „Strategie der beschönigenden Vergangenheitsbewältigung“ erkennbar. Sowas nennt man im Fachjargon des Blattes „beschwichtigen und abwiegeln“. Man kann sich nur ausdenken, mit welcher Härte der Spiegel selbst über jeden anderen herfahren würde, der sich so schmallippig mit eigenen braunen Flecken auseinandersetzte. Es ist eben unangenehm, wenn man den eigenen strengen Maßstab an sich selbst ansetzen muss. Aber ohne einen solchen, sicherlich schmerzhaften Schritt wird der nächste Artikel, der irgendwo mangelhafte Vergangenheitsbewältigung moniert, ein kleines Glaubwürdigkeitsproblem bekommen. Und es wäre doch schade, diese schöne alte Tradition aufgeben zu müssen. _Update, 15:50 Uhr: Der Spiegel hat auf die Anfrage von David Baum geantwortet und erklärt:_ _Tatsächlich gab es in der Frühzeit des SPIEGEL einige Redakteure mit NS-Vergangenheit. Das ist auch kein Geheimnis, sondern seit vielen Jahren öffentlich bekannt (z. B. Lutz Hachmeister Die Herren Journalisten

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