Viele Länder nutzen Währungen als politische Waffe. Dominique Strauss-Kahn

Schuster, pfeif auf Deine Leisten!

Unser Kolumnist wundert sich über die Missgunst, die in Deutschland jedem widerfährt, der sich jenseits seiner Profession ausprobiert. Wollen wir denn eine Welt der Fachidioten?

HÖREN SIE – am vergangenen Sonntag geriet ich bei der Premiere zu „Samson und Dalila“ in der Deutschen Oper Berlin in den Kritiker-Block. Noch bevor sich der Vorhang gelüftet hatte, schien das Urteil über die Inszenierung festzustehen. „Ein Kreativchef der britischen ,Vogue‘ als Regisseur! Ein besserer Dekorateur“, raunte es entsetzt durchs Parkett. „Jetzt verkommt diese Oper gänzlich zum Modehaus!“ Dann richteten die Herren der Zunft ihren angewiderten Blick Richtung VIP-Loge, wo neben der wirklich sehr feschen Intendantin Kirsten Harms namhafte Vertreter der Luxuswelt wie Mario Testino, Irene Bulgari, Markus Kurz oder die Gräfin von Hardenberg Platz genommen hatten. Tatsächlich ließ Regisseur Patrick Kinmonth seine Darsteller zum Teil in ausladenden Roben und durch von Ästhetik geschwängerte Bilder schreiten. Und das war wundervoll. Endlich eine Inszenierung, die nicht von dem gehetzten Ringen des Regisseurs zeugte, mit seinen tausend Ideen und Botschaften ein schönes Singspiel zu einem revolutionären Akt umzufunktionieren.

Aber das gilt nicht. Schließlich hat da ein Mann Hand ans Werk gelegt, der nicht jahrelang in Regielehrgängen rumhing und noch längere Zeit anderen Regisseuren den Dispo-Block gehalten hat. Ein Quereinsteiger, infam!

Die Ehre des Meisterbriefs wird bis aufs Messer verteidigt

Auch eine Woche zuvor wurde beim Berliner Theatertreffen die Ehre des Meisterbriefs aufs Bitterste verteidigt. Der große Claus Peymann erwies sich einmal mehr als Hüter der reinen Lehre und buhte eine Vorstellung von „Der Biberpelz“ aus, die Herbert Fritsch, früher als Schauspieler Star der Volksbühne, inszeniert hatte. „Werde wieder Schauspieler, Herbert!“, schrie Peymann in den Schlussapplaus. „Regie kannst Du nicht!"

Aus irgendeinem Grund gibt es in Deutschland einen besonderen Hass auf alle, die sich jenseits ihrer eigentlichen Profession versuchen. Auch wenn Stefan Raab inzwischen bewiesen hat, dass er als Moderator, Produzent, Komponist und viel mehr in der absoluten Oberliga spielt, kommt keiner der Kritiker umhin, auf seine eigentliche Bestimmung als Metzger zu verweisen. Mit Alfred Biolek ist man da gnädiger verfahren, der war in seinem früheren Leben immerhin Hausjurist beim WDR. Jeder Schauspieler, der einmal ein Lied aufnimmt, jeder Tennisstar, der eine Modekollektion entwirft, jeder Nachrichtensprecher, der einen Roman schreibt, muss erst einmal damit rechnen, eimerweise Missgunst zu ernten.

Dabei wäre dieses Land ein deutlich anderes, langweiligeres, wenn nicht immer wieder mal Menschen sich getraut hätten, den erlernten Beruf hinter sich zu lassen und anderes zu versuchen. Theodor Fontane war Apotheker, Gottfried Benn war und blieb zeitlebens Arzt, Max Frisch war Architekt, Volker Schlöndorff ist ebenso Jurist mit Abschluss wie Alexander Kluge. Rainald Goetz ist promovierter und zum Glück nicht praktizierender Arzt. Franz Kafka war Versicherungsangestellter und Frank Wedekind Werbetexter, unter anderem für Maggi, Peter Lindbergh Schaufensterdekorateur. Robert Musil hat in Brünn ein Examen zum Ingenieur abgelegt. Andersrum geht auch: Robert Koch studierte Philologie, bevor er Mediziner wurde. Was wäre gewesen, hätte man diesen allen ihr Crossover verwehrt?

Berufspolitiker gelten als Loser

Nur ein Berufsstand scheint ein berufliches Crossover als nahezu zwingend und sinnstiftend anzusehen. Berufspolitiker gelten als Loser, wenn sie keinen anderen Beruf erlernt haben. Ein Vollpolitiker steht im Ruch, lebensfern zu sein, ein elitärer Technokrat. Erst vor zwei Wochen saß ich mit – dem übrigens sehr sympathischen – Daniel Bahr auf dem Dach seines Ministeriums in der Friedrichstraße und ließ mir das erklären: „Man sollte Politik als Beruf nicht ewig machen“, sagte der Minister und verriet, dass er davon träumt, einmal ein Weingut in Italien zu eröffnen. Sein neuer Parteichef Philipp Rösler ist da noch rigider und bekräftigt permanent, dass er mit 45 die Politik hinwerfen wird, um etwas völlig Neues zu machen. Ich sehe das kritisch. Nicht, dass es verwerflich wäre, wenn Bahr Reben ziehen und Rösler vielleicht als Arzt praktizieren will. Ich möchte bloß nicht, dass es zum Leitbild wird, Posten in der Bundesregierung und Spitzenpolitik als Volontariat anzusehen, um dann wie Gerd Schröder oder Wolfgang Clement für die fetten Industrie-Posten gerüstet zu sein und die Millionen abzuschöpfen. Gerade in diesen schwierigen Zeiten ist es zwingend, dass Profis am Werk sind. Und nicht ein spät pubertierender, unangenehm harmloser Studioso, wie gerade in Österreich passiert, Kraft seiner Jugend das Amt des Integrationsstaatssekretärs umgehängt bekommt. Auch Italien wäre besser beraten, wenn der Ministerpräsident nicht nebenberuflich als Medienzar schaffte. Und Gott, bin ich froh, dass Frau Merkel sich hauptsächlich um die Euro-Krise kümmert und nicht zwischendurch an ein paar physikalischen Formeln herumdoktert.

An der Sehnsucht nach der alten Garde Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Helmut Kohl, Egon Bahr, die alle nach staatsmännischem, beinahe preußischem Prinzip das Travailler pour l’Etat aus Lebensaufgabe praktizierten, kann man erkennen, dass hier der Mut zum Crossover keineswegs Credo sein muss. Ansonsten aber gilt: Schuster, pfeif auf Deine Leisten und probier Dich aus. Ich freue mich schon auf die Romane, Modekreationen und bahnbrechenden Erfindungen der Bäckergesellen, der Spargelbauern und der Studienräte.

PS: Sollten Sie Opern- oder Theaterintendant sein und einen frischen Quereinsteiger suchen, der Ihnen was inszeniert: Ich hätte ein paar wirklich wunderbare Ideen!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von David Baum: Das Prinzip Heino

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