Plaudern mit dem Allmächtigen

von David Baum5.04.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Obwohl sich David Baum als Kind genierte, wenn er in der Kirche laut beten musste, empfiehlt er den lieben Gott unbedingt als Gesprächspartner. Selbst wenn man an dessen Existenz gar nicht glaubt.

Ach, unser armer Monsignore. Jahrelang hat er versucht, mich als Kind zu überreden, Ministrant in der Dorfkirche zu werden, aber aussichtslos. Ich war in dieser Frage höchst renitent und begründete meine Absage damit, dass ich das Tragen von spitzenbesetzten Messkleidern für Jungs indiskutabel fände sowie generell schädlich für die Persönlichkeitsentwicklung des männlichen Heranwachsenden. Dies alles geschah, Sie ahnen es, bevor man in der CDU Gendermainstreaming als neuen heißen Scheiß entdeckt hat.

Das Gebet als Showeinlage

In Wahrheit war mir das ganze katholische Ritual irgendwie peinlich, vor allem dieses andauernde Hinknien und laut Mitbeten, unter keinen Umständen wollte ich das vorne am Altar auch noch vorführen. Ich genierte mich schon genug, wenn man mich zu einer Fürbitte nötigte oder mich meine Mutter anwies, das „Vaterunser“ oder das „Agnus Dei“ gefälligst hörbar mitzusprechen. Etwas so Persönliches, wie das Gebet, zur Showeinlage umzufunktionieren, empfand ich als unangebracht. Ich bin mir heute sicher, dass das Gebet auch deshalb etwas in Verruf geraten ist, weil es zu viele Posierer in Sachen Frömmigkeit gibt. Etwa der bayerische Staatsminister Ludwig Spaenle. Im vorigen Dezember kam ich beim Begräbnis von Jopie Heesters direkt neben dem Mann zu stehen, und urplötzlich verging mir die Lust am Mitbeten, weil sich dieses Abziehbild eines CSU-Politikers und lautstarken Gottesanbeters da so gockelig inszenierte. Wie ein Heiliger im Steppmantel faltete er die manikürten Hände zum Gebet und wenn die Trauergemeinde angehalten wurde, Betformeln mitzusprechen, dann artikulierte er es so überdeutlich und so laut, dass wirklich alle Anwesenden mitbekommen mussten, was für ein brillanter Christ da sich als primus inter pares wähnte, irgendwie frommer als der Papst erlaubt.

Das Gebet ist dem Atheisten dringend zu empfehlen

Kierkegaard schrieb, dass Beten nicht heißt, sich selbst beim Reden zu lauschen, sondern: „Still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.“ Aber wer will schon von einem bayerischen Kulturminister erwarten, dass er Kierkegaard gelesen hat. Ich selbst kann mich inzwischen für die Schönheit von Messformeln begeistern und freue mich, Sätze wie diesen hier sprechen zu dürfen: „Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort so wird meine Seele gesund“. Zumindest wenn kein Spaenle danebensteht. Das ist so poetisch, da weiß man sofort, was man am guten alten Christentum hat. Sicher, eine Patchwork-Moral aus Kategorischem Imperativ, UN-Carta und diversem Yoga-Quatsch ist möglich, aber ehrlich: unendlich fad. 130 Jahre ist es her, dass Nietzsche dem Himmelvater das Totenglöckchen geläutet hat. Aber trotzdem ist das Gebet selbst dem Atheisten dringlich zu empfehlen. Haben nicht Thomas Gottschalk, Harald Schmidt & Co. erkennen müssen, dass ihre Sendungen ohne adäquates Gegenüber als schale Selbstgespräche daherkommen? Dabei hätten die beiden es als ehemalige Messdiener wirklich wissen können. Das Christentum hat uns also freundlicherweise mit dem lieben Gott einen permanenten Gesprächspartner bereitgestellt, der im Gegensatz zu Michelle Hunziker oder Manuel Andrack nicht dauernd dazwischenplappert. Kindisch möglicherweise, ja. Kindlich, sowieso. Aber sich ein bisschen was von seiner Kinderseele behalten zu dürfen, ist wohl das Herrlichste, was einem Menschen passieren kann. Beim Beten muss man nicht dozieren, man muss nicht gut vorbereitet zum Meeting erscheinen, man darf die kindlichsten Fragen stellen. Und es ist sogar erlaubt, ungeniert um etwas zu bitten. Das Osterfest ist eine prima Gelegenheit, mal wieder mit dem Allmächtigen zu plaudern. Versuchen Sie es doch, aber wundern Sie sich nicht, wenn Ihnen jemand antwortet.

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