Der andere Meinungsterror

von David Baum1.10.2010Medien

Unser Kolumnist ist ein großer Freund der digitalen Kommunikation und würde die Meinungsfreiheit zur Not mit seinem Apple verteidigen. Bloß: Woher kommt der Drang, dass jeder, der eine Meinung hat, diese auch gleich im Netz postet?

HÖREN SIE, das Internet ist eine großartige Sache, da müssen wir nicht lange drüber diskutieren. Aber ich wette, mancher von Ihnen überlegt schon, was er dieser Feststellung im Thread entgegensetzen könne. Die Freifrau zu Guttenberg und die Ministerin Zensursula schreiben dann längst an Presseaussendungen zu den bösen, unsere Kinder verseuchenden Pornos, die man in diesem Gomorra 2.0 anschauen kann. Die Piratenpartei organisiert inzwischen Protestseiten auf Facebook gegen alles, was den beiden Damen einfällt. Die Meinungsschützer hetzen gegen den auf einmal schrecklichen Obama und seinen geplanten Online-Spitzelangriff, gegen den selbst der alte Stasioberst Erich Mielke zu einer Art neugierigem Kind wird, das an der elterlichen Schlafzimmertür lauscht. Und dann kommt jemand wie die Schauspielerin Sunny Melles, die sich gerade in München überall mit dem Satz „Ich gehe ins Theatermuseum, weil es so wichtig wie das Internet ist“ plakatieren lässt – kurzum, jemand, der völlig zusammenhangslosen Gaga beisteuert.

Da brennt der Thread

Auf meiner eigenen Facebookseite, die zugegebenermaßen ein Safaripark politisch grotesker Ansichten ist, traue ich mich manche Dinge nicht mehr hinzuschreiben. Der Satz „In Tel Aviv scheint die Sonne“ wäre da inzwischen völlig undenkbar. Meine linken Freunde würden ausrasten, dies sei eine fahrlässige und aus dem Zusammenhang gerissene, das Unrecht gegenüber den Palästinensern ignorierende Verniedlichung. Was die mit mir verlinkten Neocons und Israelfans alarmieren und zu hektischen Megaposts animieren würde. Schon brennt der Thread, einander unbekannte Menschen brüllen sich via Kommentarleisten an und selbst ist man für alle jener, der, obwohl er nichts gemeint hat, für alle gegnerischen Idiotenansichten verantwortlich und haftbar ist. Deutschland besteht aus 80 Millionen gefühlten Nahostexperten, wehe, wehe, da gerät man zwischen die feindlichen Linien. Das Gleiche gilt für die Sarrazin-Debatte, für die Atomkraftfrage, besonders aber für die Causa „Sollen sogenannte Homo-Ehepaare wie diese grässlichen Westerwelles unschuldige Kindlein adoptieren dürfen und wieso nicht, wenn Ole von Beust mit einem solchen sogar liiert sein darf?“ (tief durchatmen, das war ein Witz!). Was ich sagen will: Die Meinungsfreiheit ist eine wundervolle Sache, für die wir dauernd und immerdar streiten sollten. Aber das Tolle an diesem Grundrecht ist, dass keiner gezwungen ist, sich zu äußern. Erst das digitale Zeitalter und seine Möglichkeiten haben uns den Wert des Satzes „Reden ist Silber, Schweigen aber Gold“ vor Augen geführt. Wie gern möchte man ihn aktualisieren und hinzufügen: „Nichts zu posten ist ein Riesensmaragd mit Perlenverbrämung.“

Der Hang zum Barhockerwerfen

Es ist vermessen, solche Überlegungen anzustellen, während man selbst gerade eine Kolumne für The European schreibt – ein Format, das seit einem Jahr auf der Meinungsfreudigkeit des digital versierten Bürgers aufbaut und damit Erfolge feiert. Aber wenn laufend Meinungsforen geschlossen werden müssen, weil sich die User als Abuser der Funktion herausstellen, dann fragt man sich doch, woher dieser Hang zum inneren Barhockerwerfen rührt. Es muss unendlich gären in den Menschen vor den Bildschirmen und sobald sich die Möglichkeit ergibt, anonym auszuprobieren, wie man sich als Antisemit, Anarchist oder einfach Schimpfkanonier fühlt, dann können allzu viele dieser Verlockung nicht widerstehen. Warum? Ich weiß es doch auch nicht. Fragt die hauptberuflichen Opinionleader. Die tun mir allerdings auch leid, weil man von ihnen nicht nur eine Haltung einfordert, sondern obendrein eine, die den Erwartungen entspricht. Was ist eigentlich, wenn den Hybridkonservativen auf einmal etwas gefällt, das Andrea Nahles vorgeschlagen hat? Mit so einer Ansicht kann man sich bei der Klientel nicht blicken lassen. Oder was, wenn der lieben Tante eines Heribert Prantl von so einem Beispiel misslungener Integration in der U-Bahn eine rübergezogen würde? Der könnte nie und nimmer seiner pazifistischen Leserschaft mit einem Wutanfall kommen. Ich persönlich denke mir zu den meisten großen Schicksalsfragen unserer Zeit drei Dinge: “Hm.”, “Aha!” Und: “Hä?” Es ist ein Segen, nicht zu allem einen Standpunkt beziehen zu müssen. Und wie befreiend wäre es, wenn einer der notorischen Besserwisser in den Talkshows den bohrenden Nachfragen manchmal ein befreiendes „Keine Ahnung“ oder ein „Mir doch wurscht“ entgegenschmettern würde. Das wäre wirklich mutig.

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