Bürgerkrieg der Herzen

von David Baum24.04.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Rechtsruck in Österreich? Vor den Präsidentschaftswahlen in der Alpenrepublik scheuen die politischen Lager keine Mittel, den Gegner zu diffamieren. Mit populistischen Nazi-Vergleichen stellt sich die Linke auf eine Stufe mit der FPÖ – und sich selbst damit ins Abseits.

Seit Jahren herrscht in Österreich eine Art informeller Bürgerkrieg, der das Land in unversöhnliche Lager spaltet – und die Nachbarn mit der Frage zurücklässt, wer diese Österreicher eigentlich sind: Alpenkönige oder Menschenfeinde? In vielen Ländern ist der Rechtsruck Realität. Und doch scheint Österreich ein Sonderfall: In keinem anderen Land sind Parteien mit völkischen Idealen so stark verankert wie hier. Die Freiheitliche Partei, irrtümlich lange für eine Jörg-Haider-Wahlbewegung gehalten, hat sich zur stattlichen Volkspartei zementiert, oft von der großen Boulevardzeitung unterstützt. Der Wahlkampf zur Bundespräsidentschaftswahl am Sonntag zeigt, wie anders in Österreich die Uhren ticken: Für die FPÖ tritt eine strammrechte Mutter von zehn Kindern, die nibelungenschön Alwine, Arne, Hedda, Hildrun, Horst, Mechthild, Sonnhild, Ute, Volker und Wolf heißen und am warmen, germanischen Sonnwendfeuer großgezogen wurden, für das höchste Amt im Staat an – als einzige Herausforderin. Die Kandidatur begann mit einem Eklat, weil die Dame kurzzeitig das NS-Verbotsgesetz abzuschaffen gedachte. Kurz vor der Wahl werden ihr nicht mehr als 15 Prozent vorausgesagt, was für Österreichs Verhältnisse nicht viel ist. In Deutschland wäre ein solches Ergebnis dennoch schlicht undenkbar.

Es tobt ein Kampf um die Rechte

Es lohnt aber auch, die Gegenseite der heimatbegeisterten Schicht kritisch zu betrachten. Von politischer Kultur auch hier keine Spur. Dafür eine melodramatische Linke mit Hang zu Lichtermeeren und Anstands-Darstellern. Hier montiert man in einschlägigen Massenmedien Köpfe gewählter Parlamentarier auf Hitler- und Göring-Körper. Es tobt gerade ein Kampf um FPÖ-Chef Strache, der dem staatlichen Fernsehen vorwirft, Skinheads dafür bezahlt zu haben, auf seinen Veranstaltungen “Sieg Heil“ zu brüllen. Ein SPÖ-naher Jungrapper führt in einem Videoclip den Suizid Straches herbei, und der Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde setzt seinen Lieblingsbegriff “Kellernazis“ für gegnerische Abgeordnete so inflationär ein, dass er hart an der Kante zur Verniedlichung der Täter von einst schrammt. Kann und darf eine Alternative zu den Rechten so menschenfeindlich und gewalttätig auftreten? Österreich unterscheidet sich in seiner Entwicklung nach 1945 von Deutschland massiv. Vieles an Gepflogenheiten des Politbetriebs ist der Tatsache geschuldet, dass eine Reeducation von alliierter Seite nie stattgefunden hat. Das macht zwar keinen moralischen Unterschied, aber einen kulturellen. Prägend war, dass das Ausland allzu oft versuchte, erzieherisch einzugreifen. Ob 1986, als der vermeintliche NS-Herrenreiter Kurt Waldheim zum Präsidenten gewählt wurde und man das Land diplomatisch isolierte, oder vor zehn Jahren, als die EU mit Sanktionen für eine Koalition aus ÖVP und FPÖ bestrafte.

Österreich reagiert mit Beißreflex

In Verkennung der österreichischen Seele versuchte man das störrische Land nach den Regeln einer Hundeschule zu domestizieren und übersah, dass diese Promenadenmischung, statt auf “Sitz!“ zu folgen, zum Beißreflex neigt. Der Österreicher wird weiterhin lieber in strahlende Gesichter seiner Gäste blicken, weil er ihnen Apfelstrudel serviert, als in – warum auch immer – angstvolle. Und so lange eine Regierung, der die FPÖ angehört, für die längst fällige Zwangsarbeiterentschädigung sorgt, was keine der sozialdemokratischen Regierungen zuvor als nötig empfunden hatte, dürfte die Lage nicht allzu dramatisch sein.

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