Wir sind digitale Immigranten. Zeynep Tufekci

Murphy im AKW

Die Wähler haben Kanzlerin Merkel und ihrer Partei die Atomwende nicht abgekauft. Sie sind verunsichert, weil niemand das Risiko genau bestimmen kann, das im Zweifel aber tödlich ist. Wollen wir solch eine Technologie wirklich einsetzen?

In Deutschland haben vor wenigen Tagen die größten Anti-Atomkraft Demonstrationen aller Zeiten stattgefunden. Bundeskanzlerin Merkels Kehrtwende in der Atompolitik wird eher als verzweifelter Versuch der Wählerbeschwichtigung gesehen, als ein tatsächlicher Sinneswandel.

Wie dem auch sein mag, die meisten Kommentatoren zeigen sich nicht von diesem Schachzug überrascht. In England veröffentlicht die Regierung weiter ihre üblichen vagen Beruhigungen. Der Minister für Energie, Chris Huhne, ließ verlauten, dass reflexartige Reaktionen, wie man sie in anderen Ländern sieht, nicht die richtige Basis für die britische Politik seien. Weiterhin gab er bekannt, die Koalitionsregierung würde den Bau neuer Reaktoren weiter ins Auge fassen, wenn auch mit besonderem Nachdruck auf Sicherheit.

Die Anfälligkeit von Atomkraftwerken für menschliches Versagen ist nicht abschätzbar

Indessen ist die Einschätzung des Risikos, dass etwas schiefläuft, nie einfach. Insbesondere gilt dies für komplexe Systeme und Abläufe. Risiko setzt sich im Allgemeinen aus zwei Faktoren zusammen: der Wahrscheinlichkeit und der Schwere eines ungewollten Ereignisses. Damit ist, auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses sehr niedrig, aber das Ergebnis gravierend ist, das Risiko hoch. Die Anfälligkeit von Atomkraftwerken für menschliches Versagen in Planung und Betreiben von Anlagen ist nicht abschätzbar. Die japanische Regierung dachte, das Risiko, Atomkraftwerke in einem Erdbebengebiet zu bauen, sei durch gute Planung in den Griff zu bekommen und akzeptierte es. Aber je größer die Komplexität eines Systems ist, umso mehr Möglichkeiten, dass etwas schiefgeht und das Unvorhergesehene eintritt, gibt es.

Die Menschen schöpfen aufgrund verschiedener Unsicherheiten Verdacht. Die Informationsdefizite bei atomaren Zwischenfällen rufen ein Gefühl der Hilflosigkeit hervor. Die großen Unterschiede bei der Angabe von Opferzahlen stiften Verwirrung, auch noch Jahre nach dem Ereignis. Denken Sie zum Beispiel an die Explosion in Tschernobyl vor 25 Jahren, nach der sich radioaktives Material über ganz Europa verteilte. Hochrechnungen über die Auswirkungen des Unfalls auf die menschliche Gesundheit 20 Jahre später unterliegen starken Schwankungen. Das Tschernobyl-Forum schätzte die Zahl der Opfer zuerst auf 4.000, diese Zahl wurde später auf 9.000 nach oben korrigiert, ein Modell der University of South Carolina geht von ca. 16.000 Opfern aus, britische Nuklearwissenschafler von 30.000 bis 60.000 und Greenpeace schätzt die Opferzahl auf über 100.000. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der New York Academy of Sciences kam zu dem Ergebnis, dass bis zum Jahr 2004 rund 985.000 Menschen aufgrund der Katastrophe gestorben sind. Wir werden nie die genaue Zahl der Todesfälle erfahren, da diese erst eine gewisse Zeit nach dem Ereignis festgestellt werden und somit nicht problemlos auf die Katastrophe zurückzuführen sind.

Können wir mit dem ständigen Risiko einer atomaren Katastrophe leben?

Es ist unwahrscheinlich, dass die Zahl der Todesopfer in Folge von Fukushima ebenso hoch sein wird, aber es wird mit Sicherheit einige, wenn nicht sogar viele Tote geben. Trotzdem werden Regierungen, wie auch die britische, die sich auf Atomenergieprogramme festgelegt haben, uns weiterhin versichern, dass alles nicht so schlimm war, sondern dass es an Problemen mit der speziellen Bauart und an der Lage von Fukushima lag und so etwas nicht noch einmal passieren kann. Es liegt an uns zu entscheiden, ob wir in der Lage sind, das ständige Risiko einer nuklearen Katastrophe zu tragen. Können wir uns auf eine Technologie verlassen, die so komplex ist, dass niemand sie beherrscht? Können wir mit dem ständigen Risiko einer atomaren Katastrophe leben? Und können wir es verantworten, dieses Risiko an zukünftige Generationen weiterzugeben?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ralph Martin, Patrick Spät, Robert Lembke.

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