Sexualität ist keine Sache, die wir optimieren müssen. Ariadne von Schirach

Wegschauen ist einfacher

Das Bild von Vergewaltigungen, das in unserer Gesellschaft vorherrscht, hat mit der Realität wenig gemein – und es sorgt mit dafür, dass Opfer sexueller Gewalt ausgegrenzt werden.

In Indien ist eine Vergewaltigung passiert, eine besonders brutale, eine, an deren Folgen das Opfer starb. Der Aufschrei in Indien ist groß, ebenso wie der Aufschrei der Medien hier. Fast könnte man glauben, dass Vergewaltigungen hier kein Thema sind, dass Vergewaltigungen nur in Indien stattfinden oder zumindest weit weg von uns – bei Menschen, die einen anderen kulturellen Background haben. Oder eine andere Religion. Oder eine andere Hautfarbe.

Hier passiert so etwas nicht, nicht in einer aufgeklärten, weißen Gesellschaft wie unserer. Und wenn, dann nicht so oft. Und wenn doch, dann nachts in einer verlassenen Gegend durch einen Fremden mit Waffe, vermutlich mit Migrationshintergrund, Unterschicht.

Das ist das Bild von Vergewaltigung, das in den Köpfen unserer Gesellschaft vorherrscht, doch hat dieses Bild mit der Realität nicht viel gemein.

Die wenigsten Frauen zeigen an

80 Prozent der Täter sind den Opfern bekannt. 50 Prozent sind Beziehungs-, Ehe- oder Expartner. Die meisten Vergewaltigungen finden nicht nachts in verlassenen Gegenden statt, sondern in der eigenen Wohnung oder in der des Täters. Die Täter kommen aus jeder Gesellschaftsschicht. Und brutale Vergewaltigungen mithilfe von Waffengewalt gehören zu den Ausnahmen (1).

Jede siebte Frau hier in Deutschland wird Opfer strafrechtlich relevanter, sexualisierter Gewalt (1). Und da diese Gewalt mit dem vorherrschenden Bild zumeist nicht in Einklang gebracht werden kann, zeigen die wenigsten Frauen an. Weil sie Angst haben, dass man ihnen nicht glauben wird. Weil sie sich schämen und schuldig fühlen. Weil sie nicht genug Vertrauen in Polizei und Justiz haben. Weil sie unter Druck gesetzt werden. Und weil man ihnen nicht glaubt oder glauben will (3).

Und wenn sie doch zur Polizei gehen, landen die wenigsten Anzeigen vor Gericht (2). Zumeist fehlen verwertbare Beweise. Und vor Gericht ist die Chance, dass es zu einer Verurteilung kommt, dann am höchsten, wenn die Tat dem in unserer Gesellschaft gängigen Bild von Vergewaltigung entspricht: Der Täter ein Fremder. Der Ort verlassen. Die Tat brutal und mit Waffengewalt. Der Täter mit Migrationshintergrund (2).

Und daraus folgt: Sexualisierte Gewaltdelikte gehen nicht nur fast straffrei aus, sie werden auch kaum bekannt. Weder das Ausmaß noch Informationen über die tatsächlichen Umstände und Hintergründe von Vergewaltigungen erreichen eine breite Öffentlichkeit. Und so schweigen die meisten Betroffenen. Und die Täter können sich sicher fühlen.

So gut wie keine Aufklärung durch Medien und Politik

Das ist die Situation in Deutschland, und sie ähnelt der in anderen europäischen Ländern (2). Kein Grund also, mit dem Finger auf Indien zu zeigen, sondern vielmehr ein Grund, sich zu fragen, warum trotz zahlreicher Studien so gut wie keine Aufklärung seitens der Medien oder der Politik stattfindet.

Im Frühling vergangenen Jahres lief die sechswöchige Internet-Kampagne „#ichhabnichtangezeigt“, um die Dunkelziffer bei sexualisierter Gewalt sichtbar zu machen und den Betroffenen eine Stimme zu geben, sodass sie erklären konnten, warum sie ihre Gewalterfahrungen nicht angezeigt hatten. Eine der drei Initiatorinnen dieser Kampagne war ich.

Es meldeten sich weit über 1000 Betroffene und veröffentlichten ihre Gründe, Tausende E-Mails erreichten uns. Mit Schilderungen, die schockierten und zeigten, dass sexualisierte Gewalt Alltag ist, überall stattfindet und jede und jeden treffen kann.

Viele Betroffene teilten uns mit, dass sie sich zum ersten Mal dazu geäußert haben. Oft erst nach langer Zeit, weil sie es verdrängt hatten. Viele waren überrascht, dass es anderen ebenso wie ihnen selbst ergangen ist. Viele waren dankbar, dass wir dieses Thema an die Öffentlichkeit brachten.

Denn das wird von den Betroffenen schmerzlich vermisst.

Solange das Bild von sexualisierter Gewalt in der Öffentlichkeit nicht korrigiert wird, solange haben es die Opfer schwer. Die Anforderungen an sie sind enorm, wenn sie Anzeige erstatten wollen – angefangen von Untersuchungen, ohne sich nach der Vergewaltigung waschen zu dürfen, bis hin zu den sehr intimen Fragen der Polizei. Das ist hart, zu hart für viele.

Doch das ist nicht die einzige Schwierigkeit. Besonders der Umstand, dass sie und die Täter in den meisten Fällen demselben sozialen Umfeld angehören, erschwert ihre Situation immens. Denn das Umfeld reagiert mit Abwehr und glaubt ihnen nicht. „Der doch nicht, der ist doch immer so nett.“ „Der doch nicht, mit dem bin ich im Verein.“ „Der doch nicht, der sieht doch toll aus.“ „Der doch nicht, der ist doch so erfolgreich, das hat der doch gar nicht nötig.“

Opfer werden ausgegrenzt

Die Menschen in ihrem Umfeld wollen nicht zwischen die Fronten geraten. Sie wollen sich mit sexualisierter Gewalt in ihrer Nähe nicht auseinandersetzen. Also werden die Opfer ausgegrenzt, indem ihnen zu lügen unterstellt oder aber eine Mit- oder sogar die Hauptschuld an der Tat gegeben wird. Der kurze Rock, der Alkoholkonsum, die Heirat mit dem Falschen, der vorherige Flirt, der Besuch in der Wohnung des Täters. Solange man an dem Gedanken festhalten kann, die Opfer hätten die Tat selbst verschuldet, muss man sich nicht damit auseinandersetzen, selbst Opfer werden zu können (4).

Und das ist einfacher. Einfacher, als sich über die Strukturen in unserer Gesellschaft oder die eigene Verantwortung Gedanken zu machen. Einfacher als hinzuschauen. Einfacher als sich zu überlegen, wie viele Opfer und wie viele Täter man vielleicht selbst kennen könnte. Genauso wie es einfacher ist, sich über die Tat in Indien aufzuregen, denn die ist weit genug entfernt.

(1) Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland, Ergebnisse der repräsentativen Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland

(2) Unterschiedliche Systeme, ähnliche Resultate? Strafverfolgung von Vergewaltigung in elf europäischen Ländern, Länderbericht Deutschland, Corinna Seith, Joanna Lovett & Liz Kelly, 2009

(3) #ichhabnichtangezeigt, Daniela Oerter, Sabina Lorenz, Inge Kleine, 2012, ichhabnichtangezeigt.wordpress.com

(4) Vergewaltigungsmythen, Gerd Bohner, Verlag Empirische Pädagogik, 1998

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Boris Palmer, Boris Palmer, Julian Tumasewitsch Baranyan .

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