In die Breite wachsen

Daniela Kolbe31.01.2011Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Die Mehrzahl der Menschen ist unzufrieden mit dem aktuellen Wirtschaftssystem. Dazu gehört auch der Wachstumsbegriff. Weniger kann mehr sein, wenn sich dadurch soziale Probleme bekämpfen und Nachhaltigkeit erreichen lassen. Im Davos muss gehandelt werden.

Während sich im schweizerischen Davos die Wirtschaftselite zum jährlichen Weltwirtschaftsforum trifft, wächst weltweit die Unzufriedenheit mit dem wirtschaftspolitischen Ziel, das die meisten Spitzen der Weltwirtschaft eint: das quantitative Wirtschaftswachstum. Jüngsten Umfragen des US-amerikanischen Instituts Global Scan zufolge wünschen sich weltweit zwischen 50 und 84 Prozent der Befragten, dass Kenngrößen zu Gesundheit, Sozialem und Ökologie ebenso in die Messung gesellschaftlichen Fortschritts eingehen sollen wie Wirtschaftsdaten. Auch zwei Drittel der Befragten einer Eurobarometer-Umfrage stimmen dem zu. Die Suche nach einem Weg “Beyond GDP“ findet immer mehr Unterstützung.

Kindergrößen statt Wachstum XXL

Jedoch nicht bei Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle: Er feiert die aktuellen Wachstumszahlen von 3,6 Prozent und fordert einen “Aufschwung XXL“. Aber wie z. B. bei Hemden geht es auch beim Aufschwung um die Qualität, die Unverwüstlichkeit und unter welchen sozialen und ökologischen Bedingungen sie entstehen. Ein kleineres, aus hochwertigen Stoffen gefertigtes Hemd kann mehr Nutzen stiften als ein billig produziertes XXL-Hemd, das nach zweimaligem Tragen Löcher bekommt. Doch während es uns beim geübten Blick ins Bekleidungsgeschäft noch leicht fällt, Gut von Schlecht zu unterscheiden, wird das beim Wirtschaftswachstum schwerer. Denn wirtschaftliches Wachstum hat natürlich positive Aspekte. Es gilt als Voraussetzung für einen höheren Wohlstand, mehr Beschäftigung, den Kampf gegen Armut oder eine gerechtere Verteilung. Aber für diese segensreichen Wachstumswirkungen gibt es keinen Automatismus. Vielmehr haben wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten erlebt, dass Wachstum mit Umweltzerstörung und verschärfter sozialer Ungleichheit einhergeht, Voraussetzungen für Krisen schafft und in manchen Fällen kaum noch Beschäftigungswirkung entfaltet. Die Frage lautet, wie wir wertvolles Wachstum erkennen und von nicht nachhaltigem unterschieden können. Hier kommen die Messgrößen ins Spiel. Ein Indikator für Fortschritt und Lebensqualität muss mehr sein als das BIP. Er sollte Aspekten individueller Lebensqualität, sozialer Gerechtigkeit, Bildung, Umwelt und gesellschaftlicher Teilhabe Rechnung tragen. Das ist eine der Aufgaben der neu eingerichteten Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität des Deutschen Bundestags. Es gilt, konkrete Maße für Faktoren zu finden, die die Lebensqualität befördern. Hierbei können wir neben ökonometrischen und sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen auch auf die Forschung der noch recht jungen Disziplin der Glücksforschung zurückgreifen. Insbesondere die Tatsache, dass sich Zuwächse in Wirtschaftskraft und Einkommen kaum noch oder gar nicht mehr in einer höheren subjektiv empfundenen Lebenszufriedenheit niederschlagen, stellt für die Politik eine kaum zu überschätzende Herausforderung dar. Wie subjektive Zufriedenheit statistisch valide erhoben und indexiert werden kann, ist jedoch umstritten. Zudem darf die Politik nicht der Versuchung verfallen, einen glücklichen Lebensentwurf verordnen zu wollen. So kann etwa die Frage, ob Menschen religiös sind oder ob sie in einer Ehe leben, Einfluss auf ihr durchschnittliches subjektives Zufriedenheitsgefühl haben. Die Politik hat aber gute Gründe, in solche Fragen der privaten Lebensführung nicht steuernd einzugreifen.

Zusammenhalt wirkt positiv

Wir wissen aber von anderen Fragen, die unzweifelhaft Gegenstand politischen Handelns sind, dass sie Einfluss auf das Wohlergehen haben. Kann man Langzeitarbeitslosigkeit vermeiden, macht man Gesellschaften zufriedener. Und auch ein stärkerer sozialer Zusammenhalt wirkt sich positiv aus. Gesellschaften mit übermäßiger Ungleichheit in der Einkommensverteilung leiden verstärkt unter psychischen Erkrankungen, Gewalt oder Analphabetismus. All dies müssen wir berücksichtigen, wenn es darum geht, wertvolles Wachstum zu schaffen und gesellschaftlichen Fortschritt zu befördern. Die Mehrheit der Menschen wünscht sich eine Neuausrichtung unseres Wirtschaftens, gerade nach der Wirtschafts- und Finanzkrise. Auch das Weltwirtschaftsforum wird daran nicht vorbeikommen.

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