In Bologna investieren, heißt Europa stärken

Daniela De Ridder13.05.2015Europa

Die Kritik am Bologna-Prozess ebbt nicht ab. Dabei kann man schon jetzt mit Recht behaupten: Bologna ist ein Erfolg! Ein Gastbeitrag zusammen mit Petra Kammerevert.

Am 14. und 15. Mai 2015, 16 Jahre nach der Vereinbarung zur Errichtung eines gemeinsamen europäischen Hochschulraums, treffen sich die Wissenschaftsministerinnen und -minister der mittlerweile 47 Mitgliedstaaten in Armenien, um über die bisherige Entwicklung der Ziele und die zukünftigen Herausforderungen des gemeinsamen Hochschulraums zu beraten.

Seit 1999 läuft der Bologna-Prozess – die tiefgreifende und wohl größte Reform von Hochschulen seit ihrer Gründung. Vermutlich war sie auch einer der umstrittensten Reformprozesse: Nur viel langsamer als geplant gelang es, einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu errichten. Wie gut daher, dass die Bologna-Konferenzen immer wieder Anlass zur Selbstvergewisserung ob der erreichten Ziele geben.

Für die SPD auf deutscher und europäischer Ebene steht fest, dass es sich um ein historisch großartiges und friedenstiftendes Projekt handelt. Denn: Was soll falsch daran sein, wenn die EU-Staaten auf dem Feld der Hochschullehre und Hochschulforschung miteinander und nicht gegeneinander arbeiten? Was ist verkehrt daran, Absolventinnen und Absolventen reformierter Bachelor- und Masterstudiengänge zu befähigen, möglichst unbürokratisch und finanziell flankiert an ganz unterschiedlichen Orten Europas einen Studienaufenthalt zu wagen? Führen diese Erfahrung und der gestärkte Blick über den Tellerrand nicht dazu, den späteren Beruf kompetenter auszufüllen?

Verbesserungen sind nötig und möglich

Der gemeinsame Hochschulraum hat sich zu einer Erfolgsgeschichte in den Grenzen Europas entwickelt. Es ist nicht überraschend, dass jedes Jahr Hunderttausende junger Menschen die Möglichkeit nutzen, während ihres Studiums im Ausland neue Erfahrungen und Erkenntnisse zu gewinnen.

Dennoch gibt es konkrete Punkte, an denen noch weitere Verbesserungen im Hochschulsystem erzielt werden sollten. So gilt es, die hohe Zahl der Studienabbrüche zu reduzieren und die Studieninhalte zu entfrachten: Bachelor- und Masterstudiengänge müssen flexibler gestaltet werden; Studierende brauchen mehr Freiräume für eigene Schwerpunkte. Erkenntnisse und Lernprozesse finden schließlich nicht nur im Hörsaal statt. Eine aktuelle GEW-Studie weist auf den gestiegenen Arbeitsaufwand der Hochschulmitarbeiter hin, der durch Bologna entstanden ist und zunehmend zur Belastung wird, beispielsweise durch die höhere Zahl der Prüfungen. Wir müssen die Hochschulen bei diesen Problemen mehr unterstützen, etwa durch eine bessere Personalausstattung.

Bereits im Koalitionsvertrag hatten die deutschen Verhandlungspartner das Ziel festgelegt, dass die Hälfte der Studierenden studienbezogene Auslandserfahrung sammeln soll. Das zu erreichen, fordert mehr Investitionen in die Bildung – etwa beim Auslands-BAföG oder bei Erasmus+. Dies bedeutet auch, dass die Anerkennung von ausländischen Leistungen deutlich verbessert und internationale Doppelstudiengänge und Europaschulen ausgebaut werden.

Europa muss Geld in die Hand nehmen

Investitionen in Bildung sind europaweit überfällig, da der Fachkräftemangel und die Jugendarbeitslosigkeit weit über Deutschland hinaus erhebliche Probleme darstellen. Lebensqualität, Wohlstand und sozialen Frieden kann man nur mit klugen Ideen sichern – in Lehre und Studium, bei der Spitzenforschung und als Prozesse des Demokratielernens.

Von Beginn an war klar, dass eine Strategie mit diesen anspruchsvollen Zielen erhebliche Investitionen fordert. Wenn wir die Verschulung der Studiengänge verringern, kein Wettlaufen um Punkte, kein „Bulimie-Lernen“ fördern wollen, dürfen wir uns weder in Europa noch in Deutschland scheuen, Geld in die Hand zu nehmen und nicht der Reform die Schuld geben.

Bologna macht also vielmehr einen Vorschlag, wie uns die europäische Einheit als Bildungsraum gelingen kann, wenn alle Mitgliedstaaten ihr Engagement steigern. Will man den Weg eines gemeinsamen europäischen Hochschulraumes also konsequent weitergehen, bedarf es einer Verständigung, die Gemeinsamkeiten und Besonderheiten klar herausstellt. Diese zwingend notwendige Verständigung ist der Kern des Bologna-Prozesses, der viel zu oft missverstanden und sogar zur Gleichmacherei verdreht wird.

Klugheit, Innovation und Wissensdurst

„Europa“ will mit dieser Vergleichbarkeit gerade nicht den grauen, konformen Einheitsbrei schaffen. Im Gegenteil: Um Besonderes in der Hochschullandschaft erkennbar zu machen, um zu zeigen, wo man sich zielgerichtet auf etwas spezialisieren kann und genau dort Kompetenzen bündelt, um bestmögliche Ergebnisse sowohl in Forschung, in der Lehre, ja auch im Hochschulmanagement zu erzielen, muss doch klar sein, worin der gemeinsame Grundkanon in Lehre und Forschung besteht. Dieser Grundkanon soll ein qualitativ hochwertiger sein und gerade nicht auf Minimalniveau verharren.

Wir wünschen uns, dass man dies im armenischen Eriwan erkennt und die Konferenz das überfällige Handeln und stellenweise notwendige Umdenken konsequent verfolgt. Der Tagungsort könnte symbolischer nicht sein: Denn wir dürfen Armenien nicht nur mit dem Genozid in Verbindung bringen, sondern auch mit Klugheit, Innovation und Wissensdurst. Seien wir also optimistisch und zukunftsorientiert, und stecken wir damit bitte auch unsere europäischen Nachbarn an.

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit von “Petra Kammerevert(Petra Kammerevert)”:http://www.theeuropean.de/petra-kammerevert und
“Dr. Daniela De Ridder(Daniela de Ridder)”:http://www.theeuropean.de/daniela-de-ridder verfasst.

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