Der intrinsische Erkenntnisdrang der Forscher mag einem abgeklärten Journalisten fremd sein. Andrea Kamphuis

Diagnose: Überqualifiziert

Die arbeitslose Jugend kann auf ein wenig Komfort leicht verzichten. Was sie nicht erträgt, ist die Atmosphäre einer politischen Aussichtslosigkeit. In diesem Fall rebelliert sie – oder flüchtet.

Die jungen Menschen scheinen von der anhaltenden Wirtschaftskrise die in der EU am stärksten betroffene soziale Gruppe zu sein. Rund ein Viertel von ihnen ist arbeitslos. Am schlimmsten ist die Situation, wie erwartet, in den Peripherieländern. Spanien, wo laut der jüngsten Eurostat-Zahlen 57,7 Prozent der Bevölkerung unter 30 keine Arbeit finden, krönt mit Griechenland (54,8 Prozent) und dem neusten EU-Beitrittsland Kroatien (49,7 Prozent) die beunruhigende Liste.

Jung, motiviert und gut ausgebildet zu sein bedeutet heutzutage nicht mehr, dass man sich auch auf dem Weg zur finanziellen Unabhängigkeit befindet. In Spanien sowieso nicht. Vielen Hochschulabsolventen, die ihre Ausbildung mit großen Ambitionen angefangen haben, wird dort eine Beschäftigung verweigert. Die häufige Begründung: sie sind überqualifiziert. Wer Glück hat, bekommt ein unbezahltes Praktikum oder einen unterbezahlten, befristeten Vertrag, der oft nichts mit der Ausbildung und den Qualifikationen zu tun hat.

Die Ausgebildeten flüchten

Unter diesen Umständen suchen viele Spanier mit einem Hochschulabschluss nach Jobs außerhalb ihres Heimatlandes. Irene S. (30) lebt seit zweieinhalb Jahren in Kanada und promoviert dort in Kommunikationswissenschaft. In Spanien hatte sie zuletzt einen Job als Journalistin. „Eigentlich hatte ich sogar drei Jobs bei unterschiedlichen Redaktionen, aber die Konditionen waren sehr prekär.“

Das europäische Ausland, vor allem die wirtschaftlich starken Kernländer wie Deutschland und Frankreich, verlieren zunehmend als Auswanderungsziele an Attraktivität. Aktuelle Studien zeigen, dass neben anderen europäischen Ländern auch Lateinamerika sich als Ziel etabliere. „Ich sehe, wie meine spanische Freunde das Land verlassen“, erzählt Irene. „Jetzt habe ich Freunde in Chile, in Mexiko, in den USA, in Frankreich, überall.“

89 Prozent der spanischen Staatsangehörigen, die Spanien verlassen, haben Hochschulabschlüsse. Das überrascht natürlich kaum. Die gut Ausgebildeten waren immer umzugsfreudiger und hatten bessere Chancen, eine Beschäftigung im Ausland zu finden.
Auch Studenten wandern aus. Tausende von ihnen gingen auf die Straßen, als die Regierung Rajoys im Oktober ihre Pläne ankündigte, neben den Kürzungen an Stipendien für höhere universitäre Abschlüsse auch die Finanzierung für das Erasmus-Programm zu kürzen.

Erasmus erlaubt vielen jungen Spaniern den ersten bedeutenden Aufenthalt im Ausland. Viele der Erasmus-Studenten bleiben im Zielland oder kommen bald wieder. Zum einen, weil das Weiterstudium daheim ohne ein Stipendium kaum zu bezahlen wäre, und zum anderen, weil sie ihre Jobperspektiven besser einschätzen. Auch wenn sie auf dem Arbeitsmarkt üblicherweise niedrigere Chancen als die einheimischen Absolventen haben, sind sie auch mit einem unqualifizierten und schlecht bezahlten Job immer noch besser dran als ihre Altersgenossen in Spanien.

„Nein, gar nicht!“, antwortete Irene auf meine Frage, ob sie sich eine Rückkehr nach Spanien in den nächsten fünf bis zehn Jahren vorstellen kann. Der aktuelle Trend ist eher umgekehrt. „Bei der Abschiedsparty hat mir eine Freundin gesagt, ich soll keine Sorgen haben. Kanada sei zu kalt für Spanier und ich werde sicherlich bald zurückkommen. Sechs Monate danach hat sie mich kontaktiert und bat um Informationen über das kanadische Einwanderungsverfahren.“

Irene denkt, dass, wenn sie zurück nach Spanien geht, sie schon einen Job finden könne. „Die Frage ist nur: Was für ein Job wird es sein? Wie viel werde ich verdienen können? Werde ich mit dem Geld eine Familie gründen können? Außerdem, als ich Spanien verlassen habe, war ich vor allem mit der politischen Situation in meinem Land und in Europa im Ganzen unglücklich. Ich war recht wütend. Es ging tatsächlich ums Überleben, eine aussichtslose Wut kann man auf lange Sicht kaum ertragen.“

Die Schwachen werden geschwächt

Die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit ist zu einem Kernprojekt der europäischen Politik geworden. Das ist Populismus und wieder ein Fall der so bekannt gewordenen symptomatischen Therapie. Einerseits wird versucht, durch Milliardenbudgets Stellen zu schaffen. Egal welche, egal wie – Hauptsache beschäftigt. Andererseits wird Migration in das wirtschaftlich stärkere Zentrum durch Kampagnen und Subventionen angekurbelt, die die schwachen Peripherien noch zusätzlich schwächt.

Dass man sich rund um den Kontinent frei bewegen und arbeiten kann, ist tatsächlich ein Segen. Aber das politische Marketing tendiert dazu, auch die Mobilität aus Not als Zeichen einer gelingenden europäischen Integration darzustellen. Studieren oder Arbeiten im Ausland kann in der Tat eine schöne Erfahrung sein und kann auch zur europäischen Integration einen Beitrag leisten. Jedoch nur solange eine Chancengleichheit am Zielort besteht und die Heimkehr eine realistische Option ist.

Dieser Kommentar ist zuerst auf theeuropean.eu – Spezial zur Europawahl erschienen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Elke Hannack, Glenda Quintini.

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