„Die Deutschen sind gezwungen, ihr Anlageverhalten kritisch zu hinterfragen“

Daniel Schär, Weberbank2.04.2015Wirtschaft

Die niedrigen Zinsen sorgen bei vielen Sparern für Nervosität. Daniel Schär im Gespräch mit The European zu möglichen Alternativen.

*Herr Schär, viele Menschen fragen sich, wie sie in Zeiten von niedrigen Zinsen ihr Geld anlegen sollen, vor der Aktie scheuen die meisten zurück. Dabei kommt man um diese doch im Moment gar nicht herum, oder?*
In der Tat ist es notwendig, dass die Deutschen ihr über Jahrzehnte lieb gewonnenes Anlageverhalten kritisch hinterfragen. Versicherungen, Sparbücher und Termingelder werden auf absehbare Zeit nur sehr geringe Erträge erwirtschaften. Das bedeutet auch, dass nach Abzug der Inflation die Anleger real Geld verlieren werden und so einen Kaufkraftverlust erleiden. Allein in Deutschland summiert sich dieser Effekt auf ca. 14 Mrd. EUR pro Jahr, also ca. 0,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes. Zusätzlich hat sich durch die Niedrigzinsen ein nicht zu unterschätzender mathematischer Nebeneffekt fast vollkommen eliminiert – der Zinseszins. Brauchte man vor 15 Jahren noch ca. 14 Jahre um sein Vermögen mit Geldmarktanlagen zu verdoppeln, so benötigt man heute ca. 280 Jahre. Das hat einen enormen Vermögenseffekt! Um sich vor diesen negativen Einflüssen zu schützen, bietet sich die Anlage in Sachwerten an. Neben den allseits beliebten Immobilien zählen Aktien zu dieser Anlageklasse.

„Gold weist eine höhere Schwankung auf als Aktien“

*Viele Menschen verbinden mit Aktien vor allem hohes Risiko. Kann man das pauschal überhaupt so sagen?*
Die Volatilität, das heißt die Wertschwankung, ist bei Aktien grundsätzlich höher als bei der Anlage in festverzinslichen Papieren. Volatilität ist jedoch nicht per se schlecht, da sie in beide Richtungen arbeitet. Dadurch ergeben sich auch erhebliche Renditepotenziale für den Investor. Interessanterweise ist aber der Zusammenhang, dass ein erhöhtes Risiko automatisch mit einem erhöhten Ertrag einhergeht im Aktienbereich nicht zwangsläufigzutreffend . Studien haben erwiesen, dass sich schwankungsarme Aktien mit guten Fundamentalkennzahlen langfristig besser entwickelt haben, als stark volatile Aktien. Langfristig führt also nicht immer die vermeintlich heißeste Technologieaktie zum besten Anlageerfolg, sondern eher der “langweilige”, gut geführte Nahrungsmittelhersteller. Im Übrigen assoziieren die meisten Anleger mit Gold ein geringeres Risiko als mit Aktien und halten das Edelmetall für eine sichere Anlage. In der Realität sieht das jedoch anders aus. Gold weist historisch eine höhere Schwankung auf als Aktien.

*Wenn sie sogar weniger schwanken als Gold: Könnten Aktien, gerade solche mit einer hohen Dividenden-Ausschüttung, das neue Sparbuch werden?*
Nicht das neue Sparbuch, aber ein wesentlicher Baustein der Vermögensanlage. Bei Verzinsungen nahe der Null ist eine Dividendenrendite von 3,5 Prozent, wie aktuell bei europäischen Aktien, sehr attraktiv. Wichtig ist jedoch, den Anlagehorizont im Hinterkopf zu behalten. Aktien sind nichts für Gelder, die nur kurzfristig investiert werden sollen. Aufgrund der Wertschwankung kann sonst durchaus ein Verlust entstehen. Der Anlagehorizont sollte mindestens 3 Jahre sein, besser noch länger. Viele Anleger machen den Fehler, sich von kurzfristigen Kursbewegungen verunsichern zu lassen und so von ihrem langfristigen Ziel abzuweichen. Der amerikanische Journalist und Wirtschaftswissenschaftler Charles Henry Dow hat vor gut 100 Jahren folgendes sehr treffend zu der Thematik gesagt: „Niemand, der Getreide anbaut, gräbt die Saat nach einem oder zwei Tagen wieder aus, um zu sehen, ob die sie aufgegangen ist. Bei Aktien aber wollen die meisten mittags ein Konto eröffnen und abends den Gewinn kassieren.“

„Reine Fokussierung auf Titel mit hoher Dividendenrendite ist nicht ratsam“

*Gibt es denn – um im Bild zu bleiben – eine Bauernregeln wie groß der Anteil an Dividenden-Titeln in einem Portfolio sein sollte?*
Nein, dass kann man nicht pauschal sagen. Die Höhe des Aktienanteils richtet sich primär nach den persönlichen Anlagezielen und der grundsätzlichen Risikobereitschaft des Anlegers. Wurde beispielsweise schon ein Vermögen aus unternehmerischer Tätigkeit geschaffen, steht häufig der Kapitalerhalt im Vordergrund und der Aktienanteil am Gesamtvermögen fällt gering aus. Steht der Wertzuwachs im Vordergrund, sollte hingegen der Aktienanteil höher angesetzt werden. Man muss aber auch bereit sein, zwischenzeitliche Verluste auszuhalten. Die deutschen Anleger verfolgen überwiegend eine eher konservative Anlagestrategie und Aktienquoten von 20 Prozent bis 50 Prozent sind am häufigsten vorzufinden. Dividenden tragen langfristig ca. ein Drittel zum Gesamtertrag der Aktienanlage bei. Trotzdem ist die reine Fokussierung auf Titel mit hoher Dividendenrendite nicht ratsam. Wichtig ist in diesem Zusammenhang immer zusätzlich zu hinterfragen, wo das Geld für die Ausschüttung herkommt und wie der Trend der letzten Jahre war. Wird es aus dem regulären Cash-Flow des Unternehmens gespeist und steigt die Ausschüttung regelmäßig, ist das positiv zu bewerten. Wird die Dividende jedoch aus der Substanz gezahlt und weist hohe Schwankungen aus, sollte vorsichtiger agiert werden.

*Sollte der Privatanleger von vorneherein auf Titel verzichten, die zu hohe Schwankungen bei der Dividende ausweisen, wenn er langfristig plant? Oder passen solche Titel auch in eine eher konservative Mischung?*
Stark schwankende Dividendenzahlungen weisen auf Probleme beziehungsweise eine starke zyklische Abhängigkeit im Geschäftsmodel des Unternehmens hin. Folglich wird auch der Aktienkurs stärker schwanken, da der Kapitalmarkt die künftige Entwicklung des Unternehmens einpreist. In ein konservatives Depot passen diese Unternehmen im Regelfall nicht. Eher eignen sich Aktien von soliden Unternehmen, mit guter Bilanzqualität und stabilen Erträgen. Das sind allerdings Aspekte, die für den Privatanleger oft schwer zu prüfen sind. Wer also nicht so tief im Thema steckt oder sich damit nicht befassen möchte, sollte auf aktiv gemanagte Anlagen ausweichen. Hier übernimmt ein Experte die Prüfung der Unternehmen. Passive Produkte, wie Indexfonds, sind weniger zu empfehlen, außer sie folgen in der Konzeption ebenfalls den geschilderten Prämissen. Häufig wird hier leider nur nach Dividendenhöhe gefiltert. Das hat in der Historie zu unerwünschten Übergewichten in Einzelsektoren wie Versorgern oder Finanzunternehmen geführt.

„Die europäische Konjunktur eröffnet Potenzial für weitere Kursgewinne“

*Zum Abschluss noch eine Frage mit Ausblick: Nachdem das vergangene Börsenjahr eher mittelmäßig war, hat 2015 bisher eine ungeahnte Hausse gebracht. Wie hoch geht’s noch mit dem DAX und was bedeutet das für die Dividendenstrategie?*
Eine Indexzahl werde ich Ihnen nicht sagen, da ich von Punktprognosen grundsätzlich wenig halte. Sie täuschen eine Scheingenauigkeit vor und führen häufig zu einer selektiven Wahrnehmung bzw. Ankerung. Das ist in der Kapitalanlage gefährlich und absolut zu vermeiden. Sie fragen ja auch keinen Meteorologen zu Jahresbeginn nach der Höchsttemperatur in diesem Sommer. Richtungsprognosen und Szenarien sind da deutlich praxistauglicher. Für den DAX, aber auch für den gesamten europäischen Aktienmarkt, stehen die Signale weiter auf grün. Die Euro-Abwertung, der Ölpreisrückgang und die sehr expansive Notenbankpolitik in der Eurozone verleihen den Unternehmen zusätzlichen Rückenwind. Die Investoren haben das zum Teil schon antizipiert, wie an der eindrucksvollen Kursentwicklung seit Jahresbeginn abzulesen ist. In diesem Tempo wird es nicht weitergehen können, jedoch lassen die derzeit fairen Bewertungen der Unternehmen und die auf breiter Front anziehende europäische Konjunktur Potenzial für mittelfristig weitere Kursgewinne.

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