„Schon der Begriff negative Zinsen ist ein Paradoxon“

Daniel Schär, Weberbank25.11.2014Wirtschaft

Auf Bankeinlagen erhebt die EZB seit Kurzem einen Strafzins. Daniel Schär erklärt The European, warum Kleinanleger sich keine Sorgen um ihr Erspartes machen müssen, aber trotzdem ihr Anlageverhalten ändern sollten.

*The European:* Herr Schär, was muss man sich genau unter negativen Zinsen vorstellen?
*Daniel Schär:* An und für sich ist der Begriff negative Zinsen schon ein Paradoxon. Zinsen sind per Definition ein Entgelt, das der Schuldner dem Gläubiger für die vorübergehende Überlassung des Kapitals zahlt. Im Fall von negativen Zinsen dreht sich das Verhältnis um, und der Schuldner erhält noch ein Entgelt dafür, dass er das Kapital des Gläubigers ausleiht. Das ist ungefähr so, als wenn Ihr Vermieter Ihnen noch Geld dafür zahlt, dass Sie in seiner Wohnung wohnen. In einem normalen wirtschaftlichen Umfeld nicht vorstellbar, in Sondersituationen aber durchaus möglich.

*The European:* Würden Sie denn die aktuelle Lage als eine solche „Sondersituation“ bezeichnen?
*Daniel Schär:* Durchaus. Wir haben in der Euro-Zone weiterhin mit den Spätfolgen der Finanzkrise und der darauf folgenden Euro-Krise zu kämpfen. Von einem normalen Wirtschaftszyklus kann in diesem Umfeld keine Rede sein. Die Zentralbanken spielen die volle Klaviatur ihrer Möglichkeiten aus und ergänzend sind weiterhin die Staaten gefordert, konjunkturpolitische Impulse zu setzen. Seit dem Sommer verlangt die Europäische Zentralbank Zinsen für Einlagen von europäischen Banken. Ein geldpolitisches Experiment mit unbekanntem Ausgang, denn historische Erfahrungswerte gibt es mit diesem geldpolitischen Instrument fast nicht. Die Idee dahinter ist einfach: Banken, die Geld bei der EZB parken, müssen eine Strafgebühr zahlen, statt Zinsen für ihr Geld zu bekommen. Dadurch sollen sie einen stärkeren Anreiz bekommen, das Geld an Unternehmen zu verleihen.

„Es fehlt schlichtweg die historische Erfahrung“

*The European:* Sie sprechen von einem Experiment mit unbekanntem Ausgang: Gibt es schon eine Tendenz?
*Schär:* Nein, dafür ist es noch zu früh. Die Europäische Zentralbank hat erst vor wenigen Monaten den Einlagenzins auf unter null Prozent gesenkt und im September noch einmal den Strafzins auf -0,2 Prozent. Es fehlt schlichtweg die historische Erfahrung mit diesem geldpolitischen Mittel. Lediglich Schweden während der Finanzkrise und die Schweiz vor einigen Jahrzehnten haben kurze Erfahrungen mit negativen Zinsen gesammelt. Die EZB betrat hier also Neuland. Ein Anziehen der Kreditvergabe als Ergebnis ist in der Euro-Zone derzeit noch nicht festzustellen. Konservative Anleger sind übrigens schon länger davon betroffen, eine negative Rendite als Kosten einer garantierten Rückzahlung in Kauf zu nehmen. So rentierten beispielsweise deutsche Staatsanleihen mit einer einjährigen Laufzeit schon Ende 2011 bei -0,065 Prozent.

*The European:* Wenn sich die Lage nicht verändert: Muss sich der Kleinanleger dann ernsthaft Sorgen um sein Geld machen?
*Schär:* Nein, der Kleinanleger sollte sich keine Sorgen um sein Geld machen. Allerdings sollte er im aktuellen Umfeld seine Anlagegewohnheiten kritisch hinterfragen. Die Mehrheit der Deutschen schwört noch immer auf Sparanlagen, Festgelder und Lebensversicherungen als Geldanlage und Altersvorsorge. Es sind jedoch genau diese Segmente, die nach Berücksichtigung von Inflation und Steuern keinen Kaufkrafterhalt mehr gewährleisten können. Der Anleger verliert also durch seine Anlagen an Kaufkraft. Rechnet man diesen Verlust auf ganz Deutschland hoch, so macht das ca. 0,5 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung aus. Ein Umdenken bezüglich des Anlageverhaltens ist hier strategisch notwendig.

*The European:* Gibt es überhaupt noch Geldanlagen, die gleichzeitig das Bedürfnis der Deutschen nach Sicherheit erfüllen und trotz der Niedrigzinspolitik der EZB und ihren Folgen profitabel sind?
*Schär:* Die gibt es durchaus, allerdings in den Segmenten, mit denen sich viele Anleger bisher nur stiefmütterlich beschäftigt haben. Ein konservativ ausgerichtetes Wertpapierportfolio mit einem Aktienanteil von maximal 30 Prozent oder ein vermögensverwaltendes Anlageprodukt sind beispielsweise Alternativen. Diesen Weg schlagen übrigens auch große institutionelle Investoren wie Versicherungen oder Pensionskassen zunehmend ein, da sie mit den gleichen Problemen wie Privatanleger zu kämpfen haben. An der Beimischung von Aktien führt meiner Meinung nach in den kommenden Jahren kein Weg vorbei, möchte man real die Kaufkraft seines Vermögens erhalten.

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