„In den klimatisierten Serverräumen spielt die Musik“

Daniel Schär, Weberbank25.09.2014Wirtschaft

… und nicht mehr auf dem Börsenparkett. Daniel Schär gewährt Alexander Görlach einen Einblick in die Welt des digitalen Börsenhandels. Ein Gespräch über Cyberattacken, Nanosekunden und die neuen digitalen Handelsplattformen.

*Alexander Görlach:* Wie verändert die Digitalisierung den Börsenhandel?
*Daniel Schär:* In den letzten Jahrzehnten hat mit der Technisierung der Gesellschaft eine Zeitenwende im Börsenhandel stattgefunden. Das klassische Börsenparkett, auf dem sich Kursmakler wild gestikulierend Kurse zurufen, gehört längst der Vergangenheit an und dient heute lediglich repräsentativen Zwecken bzw. als Kulisse für die Medien. In den klimatisierten Serverräumen im Hintergrund spielt die Musik. Hier wird mittlerweile der Großteil des Aktienhandels abgewickelt. Makler nehmen vermehrt nur noch die Kontrolle und Überwachung der elektronischen Handelssysteme wahr. Interessanterweise ist der Handel von festverzinslichen Wertpapieren noch nicht so technisiert, da er deutlich fragmentierter organisiert ist. Aber auch hier ist ein deutlicher Trend zu elektronischen Plattformen spürbar.

„Die Risikoquellen haben sich verändert“

*Görlach:* Das klingt so, als würde der digitale Wandel auch hier Arbeitsplätze überflüssig machen. Am Ende können doch die Computer alles alleine regeln oder gibt es bei einem vollkommen digitalisierten Börsenhandel Sicherheitsrisiken?
*Schär:* Natürlich werden auch Arbeitsplätze überflüssig. Das Betreiben einer elektronischen Börse bedarf allerdings im Gegenzug einer Schar an hochqualifizierten IT-Spezialisten. Diese werden benötigt, um die Infrastruktur und die Software zu pflegen und zu überwachen. Die Risikoquellen haben sich mit dem technologischen Wandel auch verändert. Cyberattacken abzuwenden, ist nur ein Punkt. Mit der technologischen Entwicklung auf Ebene der Börsenaufsicht und Regulierungen Schritt zu halten, ist eine ebenso große Herausforderung. Viele regulatorische Vorgaben stammen noch aus der guten alten Zeit des Parketthandels und erscheinen unter heutigen Bedingungen, in denen Wertpapieraufträge im Nanosekundenbereich platziert und ausgeführt werden, nicht mehr zeitgemäß.

*Görlach:* Vor allem in den Randzeiten können Kurse wegen der geringen Handelsvolumina schwanken. Bekommen Anleger immer den besten Preis?
*Schär:* Die Frage kann man nicht pauschal beantworten. In erster Linie müssen Anleger selber Preise vergleichen, Vorgaben bezüglich des Börsenplatzes machen und Limite bei der Auftragserteilung setzten. Das passiert bei deutschen Privatanlegern leider nur in der Minderheit der Aufträge und überträgt somit die Verantwortung an die Banken. Diese sind zur sogenannten Best Execution, also zur vermeintlich besten Ausführung verpflichtet. Als beliebtester elektronischer Handelsplatz für Privatanleger hat sich Tradegate in Berlin entwickelt. Über diese Börse wird mittlerweile ein Großteil der Aufträge abgewickelt. Zu den Börsenöffnungszeiten zwischen 9 Uhr und 17.30 Uhr ist die Preisstellung sehr gut. Schwieriger sieht es, wie von Ihnen beschrieben, in den Nebenzeiten aus. Dann sinkt die Liquidität der gehandelten Wertpapiere deutlich, und die Spanne zwischen An- und Verkaufspreis weitet sich aus. Handeln Anleger dann ohne Limitvorgabe, besteht die Gefahr, ungünstige Ausführungskurse zu erhalten. Aber auch für professionelle Anleger ist die Technisierung des Börsenhandels eine große Herausforderung. Das Buch „Flash Boys“ von Michael Lewis hat dies eindrucksvoll aufgezeigt und vielen Marktteilnehmern die Augen geöffnet.

„Der Hochfrequenzhandel hat in den letzten Jahren rasant zugelegt“

*Görlach:* Unabhängig einmal vom besten Preis, nach dem ich Sie gefragt habe: Hat nicht generell der einen Vorteil, der über eine schnelle Internetverbindung verfügt?
*Schär:* Der schnelle Zugang zum Internet ist für die meisten Anleger irrelevant, selbst für die Mehrzahl der institutionellen Anleger. Die Ausführung von Wertpapieraufträgen scheitert sehr selten an der Schnelligkeit. Geschwindigkeitsunterschiede im Nanosekundenbereich sind nur für Arbitrageure und Trader von entscheidender Bedeutung, da hier auf kleine Preisdifferenzen gehandelt wird. Für klassische Investoren oft kaum sichtbar, nutzt hier eine kleine Gruppe von Marktteilnehmern einen minimalen Geschwindigkeitsvorsprung zu ihren Gunsten aus. Dieser sogenannte Hochfrequenzhandel hat in den letzten Jahren rasant zugelegt und die impliziten Kosten für langfristige Anleger erhöht. Ein Großteil des Umsatzvolumens am amerikanischen Aktienmarkt geht beispielsweise heutzutage auf diese Geschäfte zurück und täuscht eine falsche, zu hohe Liquidität vor. Die Wertpapieraufsichten der Industrienationen sind daher gerade dabei, diesen Teil des Kapitalmarktes stärker zu regulieren und transparenter zu machen. Ich halte es für richtig, solche Entwicklungen schnell einzufangen. Für langfristige Anleger sind die klassischen Einflussfaktoren auf die Kursentwicklung, wie Wachstum und Gewinn, aber deutlich wichtiger. Chancen und Risiken jedes Investments sollten vor allem danach beurteilt werden.

*Görlach:* Das klingt so, als sei diese Art von Handel die Grundlage einer neuen Blase: zu geringe bis keine Liquidität, kein echtes, physisches Gut, das gehandelt wird, und der Preis wird von allen möglichen Faktoren bestimmt, nur nicht von dem des gehandelten Gutes. Sehe ich das falsch?
*Schär:* Ihre Gedanken gehen in die falsche Richtung. Die gehandelten Güter sind natürlich real, da es sich im oben erwähnten Beispiel um Aktien handelt, die eine Beteiligung an einem Unternehmen verbriefen. Die Preisfindung orientiert sich nach wie vor an klassischen Kriterien wie beispielsweise der fundamentalen Entwicklung des Unternehmens oder der Charttechnik. Ziel der Hochfrequenzhändler ist es auch nicht, den Kurs einer Aktie in eine bestimmte Richtung zu verzerren. Lediglich das Umsatzvolumen suggeriert ein verfälschtes Bild. Von einer Blase können wir also nicht sprechen. Ich würde es als eine Ineffizienz des Marktes bezeichnen. Langfristig ausgerichtete Investoren werden dieses „Hintergrundrauschen“ kaum wahrnehmen.

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