„Am besten die Nerven behalten“

Daniel Schär, Weberbank16.07.2014Wirtschaft

Was haben der Finanzmarkt und die Fußball-WM gemeinsam? Im Gespräch von Daniel Schär und Alexander Görlach zeigen sich verblüffende Parallelen.

*Alexander Görlach:* Haben ein Turnier wie die Fußball-WM und der Finanzmarkt nicht gemeinsam, dass man zwar tendenzielle Aussagen treffen kann über die Performance eines Teams oder einer Wertanlage, aber der Rest von Faktoren abhängt, die man schwer antizipieren kann?

*Daniel Schär:* Der Vergleich gefällt mir gut. In der Tat gibt es einige Gemeinsamkeiten. Um Aussagen über mögliche Entwicklungen zu treffen, werden häufig historische Entwicklungen als Datenbasis herangezogen. Im Finanzbereich sind das oft Kursverläufe und Entwicklungsmuster, im Sport Spielergebnisse einer Mannschaft gegen bestimmte Gegner bzw. in einem bestimmten Umfeld. Mit Hilfe statistischer Verfahren lassen sich dann verschiedene Szenarien durchrechnen und gewisse Eintrittswahrscheinlichkeiten zuordnen. Kein Wunder also, dass fast alle Banken mit großen Researchabteilungen auch Prognosen zum Turnierverlauf der Fußball-WM kalkuliert haben. Der mehrheitliche Sieger der Analysten hieß im Übrigen Brasilien – was uns noch einmal sehr schön die begrenzte Aussagekraft von Prognosen vor Augen führt.

„Gesunder Menschenverstand ist notwendig“

*Görlach:* Man leitet aus der Vergangenheit ab und dennoch ist jedes Ereignis ein neues Ereignis mit dem Potenzial, quer und in Ecken zu schießen – mit einem Ergebnis, das mit dem Vorangegangen nicht leicht in Einklang zu bringen ist. Argentinien hatte im Endspiel zwei Schüsse aufs Tor, die eigentlich hätten drin sein müssen. Waren sie aber nicht.

*Schär:* Ökonometrische oder statistische Berechnungen alleine sind mit Sicherheit kein guter Ratgeber, sondern müssen mit gesundem Menschenverstand ergänzt werden. Das sollte nach der Subprime-Krise in den USA und der darauf folgenden globalen Finanzkrise jeder wissen. Wenn man viele schlechte Immobilien zu einem Portfolio bündelt, erhält man im Gesamtportfolio nicht automatisch eine bessere Qualität, auch wenn das statistisch vielleicht plausibel ist. Trotzdem bekommt man gute Indikationen zu Verlaufspotenzialen, Chancen und Risiken. Richtig eingesetzt, können diese Erkenntnisse sehr hilfreich sein. So hat eine amerikanische Investmentbank beispielsweise mit der beschriebenen Methodik drei der vier Halbfinalteilnehmer der diesjährigen Fußball-WM richtig vorhergesagt. Kein schlechter Schnitt, wie ich finde. Lediglich der Prognosekandidat Spanien hätte gegen die Niederlande getauscht werden müssen.

„Es gibt immer wieder Brüche in der Statistikwelt“

*Görlach:* Nun, hier geht es eher um mathematische Modelle – interessant, wie treffgenau sie sein können. Im Prinzip ließe sich das, was Sie gesagt haben, dahingehend interpretieren, dass wir bald nicht mehr wirklich Fußball spielen (lassen) müssen, weil die Algorithmen in der Lage sind, ohnehin das Ergebnis zu antizipieren.

*Schär:* Ganz so weit würde ich nicht gehen. Glücklicherweise gibt es ja immer wieder Brüche in der Statistikwelt, die mathematisch schwer zu fassen sind, aber das wahre Leben so mitreißend und farbenfroh machen. Ich erinnere nur an die nun widerlegte Regel: „In Lateinamerika haben immer lateinamerikanische Mannschaften die WM gewonnen.“ Wie langweilig wäre es doch, wenn immer Bayern München deutscher Meister oder Sebastian Vettel immer Formel-1-Weltmeister werden würde.

*Görlach:* Das, was Sie anschneiden, ist ja eher Küchenpsychologie oder Hobby-Wissenschaft. Es werden, gerade im Fußball, gerne die abstrusesten Statistiken offeriert. Für das Auf und Ab an der Börse sind ebenso wie im Fußball oft die Nerven verantwortlich: Wer behält sie, wer verliert sie? Ob eine Anlage, ein Unternehmen oder ein Produkt hoch im Kurs stehen, hängt aber von vielen Faktoren ab. Wer viel Gutes über ein Produkt via PR hört, wird am Ende das Produkt gut finden. Oder ist das jetzt Küchenpsychologie?

*Schär:* Einige Punkte, die Sie ansprechen, lassen sich in der Tat auf die Finanzwelt übertragen. Die Investoren, die sich durch aktuelle Nachrichten oder kurzfristige Kursrückgänge schnell verunsichern lassen, in der Folge komplett in die Defensive gehen und somit von ihrer langfristigen Strategie abweichen, werden am Ende bestenfalls im Mittelfeld landen. Auf dem Siegertreppchen dürften die stehen, die die Nerven behalten, ein strategisches Ziel vor Augen haben, Risiken richtig einschätzen können und auf eine hohe Qualität in der Portfoliozusammensetzung achten.

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