Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen, nicht die Gerichte. Ernst Ulrich von Weizsäcker

„Erneuerbare allein sind nicht der Königsweg“

Die Energiewende stockt und die Krimkrise macht die Abhängigkeit vom russischen Gas überdeutlich. Daniel Schär und Alexander Görlach debattieren die Zukunft der deutschen Energieversorgung.

Alexander Görlach: Der Öl- und der Gaspreis waren früher aneinander gekoppelt, heute sind sie eigenständig. Durch die Krimkrise könnte man meinen, dass der Ölpreis steigen würde. Noch ist das nicht geschehen. Woran liegt das?

Daniel Schär: Um die Entwicklung zu verstehen, müssen wir zunächst zwischen Energiepreisbindung und Ölpreisentwicklung trennen. Die Gaspreise wurden in vielen Ländern Europas seit den 1970er-Jahren an die Entwicklung des Ölpreises gekoppelt, nicht jedoch der Ölpreis an die Gaspreisentwicklung. Der Ölpreis kann sich also durchaus vollkommen unabhängig vom Gaspreis entwickeln. Die enge Kopplung des Gaspreises wurde für den Endverbraucher aufgehoben; große Anbieter wie beispielsweise Gazprom nutzen die Kopplung jedoch weiterhin für langfristige Lieferverträge. Aktuelle Trends wie erneuerbare Energien und Schiefergas tragen aber dazu bei, die Preisbildung grundlegend zu verändern.

Zurück zum Thema Krimkrise: Die Ukraine ist als Produzent von Energierohstoffen unbedeutend. Strategisch wichtig ist Russland und sind die Gaspipelines, die durch die Ukraine führen. Hier ist auch der Bezug zum Ölpreis zu finden. Einen kleinen Preisanstieg von ungefähr fünf Prozent haben wir zwischenzeitlich beim Öl gesehen, jedoch rechnet aktuell kaum jemand mit einer Eskalation des Schlagabtausches zwischen Russland und der westlichen Welt.

„Schiefergas ist zum ,Game-Changer‘ geworden“

Görlach: Öl ist ein fossiler Brennstoff und somit unsexy. Gas gilt als umweltfreundlicher. Werden die Preise für beide daher nicht noch weiter auseinanderdriften müssen?

Schär: Ich denke, das ist ökonomisch gesehen kein triftiger Grund. Das alte Spiel von Angebot und Nachfrage ist entscheidender. Was Verschiebungen des Gleichgewichtes dort bewirken können, haben wir eindrucksvoll in den vergangenen Jahren in den USA beobachten können. Vor zehn Jahren noch waren die USA abhängig von Ölimporten und hatten dementsprechend auch geopolitisch ein großes Interesse an der Golfregion, in der die größten Reserven schlummern. Durch technologische Entwicklungen gestützt wurde hier in den vergangenen Jahren eine radikale Kehrtwende vollzogen. Die Gewinnung von Schiefergas ist zum „Game-Changer“ für die USA geworden. Eine energiepolitische Unabhängigkeit von Importen ist in greifbare Nähe gerückt und signifikante Energiekostenvorteile lassen einen Trend zur Re-Industrialisierung der USA erkennen.

Görlach: Der Preis, der dafür zu zahlen ist, ist durchaus ökonomisch relevant. Wenn Sie in Alaska im Naturschutzgebiet bohren lassen oder im Golf von Mexiko – Sie erinnern sich an das Unglück – dann sind die möglichen Folgekosten enorm. Eine Re-Industrialisierung der USA: Meinen Sie damit eine auf hohen Energieverbrauch gestützte industrielle Fertigung, Stahl beispielsweise? Ich hätte gedacht, diese Zeiten seien vorbei. Aber weit gefehlt: Auch in Deutschland feiert die Kohle-Verbrennung fröhliche Urständ. Kann man die negativen Folgen, die Schäden aus diesem Rückschritt, beziffern?

Schär: Die langfristigen Umweltfolgen sind bei der Schiefergasgewinnung aktuell nur sehr vage zu bestimmen. Wie Sie bereits anführten, sind die Wege der konventionellen Gewinnung von Öl und Gas jedoch auch nicht risikofrei. Da wir von endlichen Ressourcen reden, wird es immer schwieriger, neue Quellen zu erschließen. Was das Thema Re-Industrialisierung betrifft, ist es zu einfach, es als Rückschritt zu bezeichnen. In unserer globalisierten Welt folgt die Produktion den besten Wettbewerbsbedingungen. Über Jahre hinweg wurde die Produktion von Gütern nach Asien ausgelagert, da die Lohnkosten gering und die Fertigung günstig war. Das ist heutzutage nicht mehr zwangsläufig so: Die Löhne haben deutlich aufgeholt und China wandelt sich zur Dienstleistungsgesellschaft. Es ist also nicht verwunderlich, wenn spürbare Kostenvorteile die Automobilproduzenten oder die Chemieindustrie dazu bewegen, auch wieder mehr in den USA zu produzieren.

„Deutschland sollte Schnellschüsse vermeiden“

Görlach: Ich denke, man möchte – das gilt für die USA und die EU gleichermaßen – bei sich produzieren und dann gegebenenfalls exportieren. Man möchte nicht abhängig sein von externen Akteuren. Wir sehen das ja in der aktuellen Krimkrise. Deutschland wird nun seine Energiewende überdenken. Ist es sinnvoll, dass wir in Deutschland unseren Weg überdenken, so wie es die USA gemacht haben?

Schär: Die Energiewende in Deutschland scheint objektiv betrachtet auch eine Reaktion der Politik auf die Folgen des japanischen Atomunglücks zu sein. Die derzeitige Diskussion, Gas auch aus den USA und Kanada zu beziehen, hört sich zwar verlockend an, ist jedoch rein technisch fast nicht möglich. In den USA existiert derzeit kein einziger Verladehafen für verflüssigtes Gas. Deutschland sollte Schnellschüsse nach Möglichkeit vermeiden und eine langfristige strategische Ausrichtung seiner Energiepolitik anstreben.

Görlach: Wie könnte diese Ausrichtung denn aussehen? Die Energiewende kommt nicht voran – sie zerreibt sich an den Befindlichkeiten der Länder auf der einen Seite und der Neufixierung auf Kohlekraft auf der anderen Seite. Fukushima und die Folgen einmal außen vor gelassen: Es herrschte doch der Konsens, dass die Welt aufgrund der Endlichkeit fossiler Brennstoffe besser früher als später auf die sogenannten erneuerbaren Energien umsteigen müsse – auch, um enorme Kosten in der Zukunft zu vermeiden.

Schär: Erneuerbare Energiequellen sind sehr gut, aber allein nicht der Königsweg. Wenn bei unseren Nachbarn weiter auf Atomkraft gesetzt wird, stehen wir im Problemfall auch vor schwerwiegenden Folgen. Ebenso sollten Energiepreise international wettbewerbsfähig sein, sonst haben wir als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ein Problem, das an unserer Existenz zehrt. Kurzum, eine zukunftsfähige Energiepolitik sollte auf europäischer Ebene abgestimmt sein, einen breiten Energiemix mit langsam abnehmendem Anteil fossiler Quellen abbilden und die Abhängigkeit von monopolistischen Anbietern so weit wie möglich minimieren.

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