Zwischen Samba und Strebsamkeit

Daniel Schär, Weberbank26.02.2014Wirtschaft

Brasilien ist mehr als Fußball: Im Gespräch mit Alexander Görlach erklärt Daniel Schär, was das Land wirtschaftlich zu bieten hat.

*Alexander Görlach:* Wenn man auf Brasilien schaut, sagt jeder gleich „Fußball“. Was denkt der Ökonom, wenn er Brasilien hört?

*Daniel Schär:* Caipirinha und Samba! Nein, Spaß beiseite. Brasilien ist das dominierende Land in Südamerika. Nicht nur flächenmäßig, sondern auch in Bezug auf die Einwohnerzahl und die Wirtschaftsleistung überragt das Land seine Nachbarn. Dort findet man die größten Konsum- und Wertpapiermärkte des Kontinents. Brasilien nimmt in Südamerika eine ähnliche wirtschaftliche Schlüsselposition ein wie China in Asien. Das Land wird ökonomisch häufig mit Rohstoffen assoziiert. Es verfügt jedoch über einen sehr großen und wachsenden Binnenmarkt. Der Dienstleistungssektor überragt mit einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von gut 50 Prozent alle anderen Bereiche.

*Görlach:* Was ist der Grund für diesen Erfolg?

*Schär:* Der Blick in die Geschichtsbücher liefert uns gute Erkenntnisse: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Brasilien lange von einer Militärdiktatur regiert. Die Folgen waren riesige Schuldenberge, Hyperinflation und große Armut in breiten Teilen der Bevölkerung. In den 1990er-Jahren leitete ein Regierungswechsel einen Transformationsprozess ein. Wie so häufig in der Geschichte erfolgreicher Volkswirtschaften legten Wirtschafts- und Finanzreformen den Nährboden für die Entfesselung der Nation. Auch hier ist eine gewisse Assoziation mit China und den Reformen Deng Xiaopings gegeben. In der Retrospektive liest sich die Entwicklung wie ein Musterbeispiel aus einem Volkswirtschaftslehrbuch: Privatisierungen von Staatsunternehmen, Marktöffnungen für Mitwettbewerber bzw. ausländische Investitionen, gepaart mit einem stabilen, demokratischen Umfeld.

Wenn es ums Geld geht, hört der Spaß auf

*Görlach:* Hat das Abstrahlungseffekte auf die gesamte Region?

*Schär:* Es wäre wünschenswert! Leider sind Länder wie Kolumbien, Venezuela oder Bolivien alles andere als Garanten für eine stabile, offene Marktwirtschaft. Dort ist regelmäßig der entgegengesetzte Trend zu beobachten: Häufige Regierungswechsel, Verstaatlichung von Industriezweigen und Protektionismus von Marktsegmenten wirken belastend. 2008 wurde von allen zwölf südamerikanischen Staaten die Union Südamerikanischer Nationen (UNASUR) gegründet. Diese hat das Ziel, bis zum Jahr 2025 einen integrierten Wirtschafts- und Währungsraum nach Vorbild der EU zu schaffen. Große Fortschritte sind diesbezüglich jedoch noch nicht erzielt worden. Einigen Staaten mangelt es am Integrationswillen. Das hält aber Brasilien nicht ab, seinen Erfolgskurs weiter zu beschreiten. Bis 2015 wird Brasilien höchstwahrscheinlich zur fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen.

*Görlach:* Ist die EU nicht Vorbild in jeder Hinsicht für Lateinamerika? Man könnte doch dort, anstelle an den Fehlern von uns hier zu verzagen, beispielsweise seine Währungsunion auf ein festeres Fundament stellen, als wir das gemacht haben oder die Integrationsschritte besser ausführen.

*Schär:* Die Union an sich ist sicher ein anzustrebendes Ziel für eine Region wie Südamerika, da enorme Konvergenzpotenziale gehoben werden könnten. Das große Geheimnis des Erfolges liegt darin, nationale Interessen hintanzustellen und mit einer einheitlichen Stimme zu sprechen. Das ist in einigen Ländern aktuell nur schwer vorstellbar, selbst wenn man sich in Teilbereichen wie der Sicherheits- oder Wirtschaftspolitik auf ein einheitliches Vorgehen einigen könnte. Richtig schwierig wird es aus meiner Sicht beim Thema einheitlicher Währungsraum. Wenn es ums Geld geht, hört bekanntlich der Spaß auf. Und genau das ist der große Knackpunkt. Um nicht an den gleichen Problemen wie die Europäischen Währungsunion zu leiden, müssten die Staaten ihre Haushaltssouveränität aufgeben und sich einer Disziplin diesbezüglich unterstellen, die von einer supranationalen Behörde überwacht wird. Bei dem Gedanken daran läuft es sicher selbst einigen Gründungsmitgliedern der Euro-Zone heute noch eiskalt den Rücken herunter. Nicht so Brasilien – es ist mit seiner Haushaltspolitik der letzten Jahrzehnte einer der Musterknaben der Region Südamerika.

*Görlach:* Können wir hier etwas ganz Konkretes von Brasilien lernen?

*Schär:* Brasilien hat in den letzten Jahrzehnten vieles, aber sicher nicht alles richtig gemacht. Es steht weiterhin vor großen Herausforderungen. Trotz der erreichten Fortschritte strebsam zu bleiben, weiter an sich zu arbeiten und sich schwierigen Aufgaben zu stellen, sind Attribute, die nicht nur Brasilien besitzt, sondern noch andere Schwellenländer. Ich denke, das sind die entscheidenden Schlüssel für nachhaltigen Erfolg – auf der Ebene der Staaten wie auch für jeden Einzelnen privat.

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