Mit Heine ins Reine

Daniel Küblböck28.07.2014Gesellschaft & Kultur

Quäl dich auf dem Laufband! Halte deine Diät ein! Leg dich unters Messer! Die Imperative der Forever-Young-Industrie machen niemanden glücklich, aber manche reich.

Fitter, schöner, leistungsfähiger: Forever young zu sein, ist ein Megatrend. Wir leben permanent unter Optimierungsdruck. Die Medien propagieren schablonenhafte Schönheitsideale, die wir in ihrer Makellosigkeit und Jugendlichkeit als perfekt wahrnehmen. Genau so wollen viele von uns sein, dann klappt es auch mit Liebe, Glück und Erfolg.

Schönheitsideale gab es schon immer, aber noch nie wurde mit solcher Verbissenheit hinter ihnen her gehechelt. Körperliche Attraktivität gilt als Voraussetzung eines am gesellschaftlichen Aufstieg orientierten Lebens. Zahlreiche Studien beweisen, dass schöne Menschen im Leben tatsächlich viele Vorteile haben. Weil wir in der Regel automatisch von äußeren Attributen auf innere Persönlichkeitsmerkmale schließen, besetzen wir schöne Menschen auch gern mit positiven Eigenschaften. Für Nichtperfektes oder gar Vergänglichkeit ist kein Platz mehr.

Die Folge: Immer mehr Menschen sind mit ihrem eigenen Körper unzufrieden. Was nicht der vorgegebenen Schönheitsnorm entspricht, wird als Makel empfunden, der glattgebügelt und beseitigt werden muss. Schlank zu sein, ist besonders wichtig. Übergewichtige Menschen gelten in unserer Gesellschaft als undiszipliniert und maßlos. Schlankheit steht für Dynamik, Fitness, Disziplin, Erfolg, ja im Endeffekt auch für Glück. Schlankheit ist erstrebenswert, um in der ersten Liga mitzuspielen.

Upgrade beim Schönheitschirurgen

Unsere Körper erleben wir zunehmend als veränderbar und gestaltbar, als Optimierungsobjekte: Schönheit ist machbar. Was nicht passt, wird passend gemacht. Nach dem Motto „shape your body“ kämpfen wir uns tagtäglich durch einen Dschungel an Angeboten, um unserem Idealbild näherzukommen. Es gibt unendlich viele Diäten, die uns purzelnde Pfunde versprechen. Wir werden nicht müde, immer wieder neue auszuprobieren, obwohl jeder von uns das Dilemma kennt: Diäten wirken immer nur so lange, wie man sie einhält. Wer aus dem starren Ernährungsraster ausbricht, hat nicht nur rasch sein altes Gewicht wieder erreicht, sondern noch ein paar Pfund obendrauf gelegt.

Also Sport: Die Fitnessclubs verzeichnen rasante Zuwächse. Jeder zehnte Bundesbürger betreibt Bodystyling an Geräten. Gern wird zur Leistungssteigerung auch mit Anabolika oder Wachstumshormonen nachgeholfen. Allerdings geht vielen auch schnell wieder die Luft aus. Zwei von drei Anfängern brechen innerhalb der ersten sechs Monate das Training ab.

Viele gehen zum „Upgraden“ auch zum Schönheitschirurgen. Die Zahl der Schönheitsoperationen hat sich in den letzten Jahren fast verdoppelt und wird wohl weiter wachsen. Man lässt sich Fett absaugen, den Bauch straffen, die Brüste vergrößern, die Augenlider korrigieren, eine neue Nase, ein neues Kinn oder die Schamlippen modellieren, Haar transplantieren. Und Falten? Um Gottes willen! Die werden unterspritzt.

Eine Welt voller Kens und Barbies

Ganz schlecht ist es nämlich, wenn das Alter zuschlägt und unseren Körper zeichnet, wenn Mimikfalten vom Lachen und Grübeln, die einem Gesicht ja eigentlich Charakter verleihen, sich eingegraben haben. Altern darf der schöne Körper nämlich nicht. Spuren gelebten Lebens werden mit allen Mitteln beseitigt.

Forever young ist angesagt, und so sind Anti-Aging-Produkte ein Riesenmarkt. Wobei wir den von der Natur vorgesehenen Prozess des Alterns ja nicht wirklich verhindern. Produkte und Dienstleistungen von Sport-, Kosmetik-, Pharma- und Schönheitsindustrie wollen es uns aber glauben machen und mit der Angst der Menschen vor dem Altern verdienen alle gut.

Es ist ein Wettbewerbsirrsinn im Gang, der unser Leben anstrengend macht, dem wir uns aber täglich stellen. Wir rennen und kämpfen gegen Übergewicht, Falten, schlaffe Haut und Cellulite und viele zahlen einen hohen Preis. Da sind Essstörungen wie Bulimie und Magersucht zu nennen. Nicht alle Schönheits-OPs gelingen.

Nach all der Plackerei bleiben Veränderungen im Leben aber oft aus. Das erhoffte Glücksgefühl stellt sich einfach nicht ein. Glück und Schönheit sind nämlich zwei Paar Schuhe. Zufriedenheit mit sich selbst wohnt nicht zwangsläufig in einem perfekten Körper. Ich finde, es ist Zeit, einfach mal stehenzubleiben, durchzuatmen und wieder runterzukommen.

Mir graust vor einer Welt voller glattgebügelter, kontur- und altersloser Ken- und Barbieabziehbilder, in der Individualität und Persönlichkeit immer mehr verloren gehen, aufgegeben werden zugunsten einer normierten Attraktivität. Es sind doch gerade die ¬Abweichungen, das Anderssein, die Unebenheiten, die interessant und nahbar machen und anziehend wirken. Wie erreichen wir denn Zufriedenheit? Was ist denn Glück? Ein erfülltes Leben zu leben, gesund zu sein, Freunde zu haben, geliebt zu werden – um seiner Selbst willen, nicht um einer hübsch gestylten Fassade wegen.

Kein Mensch wird jemals vollkommen sein. Jeder ist auf seine Weise unvollkommen. Das sollten wir einfach akzeptieren, uns so annehmen und lieben, wie wir sind. Wenn wir uns wohlfühlen in unserer Haut, wenn wir eine positive Einstellung zu uns selbst haben und mit uns im Einklang sind, strahlen wir dieses Schön-Fühlen auch aus. Das ist Schönheit, die tief aus unserem Innern kommt, die echt ist, authentisch und unwiderstehlich.

Jeder Mensch ist anders, hat Stärken, Schwächen, Vorlieben, Abneigungen, Talente, Interessen. Jeder Mensch ist einzigartig und einmalig. Wir sind eben, wie wir sind. Und wie Heinrich Heine so schön sagte: „In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks!“

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