Drei machbare Schritte für die Menschheit

von Daniel Klingenfeld22.04.2014Außenpolitik, Innenpolitik, Wissenschaft

Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten. Jetzt müssen Politiker und Wirtschaftseliten genau zuhören.

Ein Mammutprojekt fand am Wochenende vor Ostern auf der 39. Plenarsitzung des IPCC nach sechs Tagen intensiver Diskussionen seinen Abschluss: Die Delegierten stimmten der Zusammenfassung für Entscheidungsträger der Arbeitsgruppe 3 „Mitigation of Climate Change“ zum fünften Sachstandsbericht des Weltklimarats zu.

Das nunmehr akzeptierte Synthesedokument fasst in schlanker Form die Quintessenz dessen zusammen, was in einem mehrjährigen Prozess über 200 Autoren und 900 Gutachter auf rund 2.000 Berichtsseiten zum Stand der Forschung und Erkenntnis auf dem Gebiet der Einhegung des Klimawandels zusammengetragen haben: An die 10.000 berücksichtigte Forschungsartikel und über 38.000 begutachtete Kommentare sind weitere Superlative und lassen doch gleichsam die Grenzen dieses globalen Prozesses erahnen, der seit zweieinhalb Dekaden Entscheidungsträger und die globale Klimapolitik informiert.

Die Maxime lautet: Politikrelevanz

Dabei ist die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik insbesondere für besagten dritten Teil des Sachstandberichts von besonderer Relevanz, geht es doch um konkrete Handlungsoptionen, um den Folgen der Erderwärmung zu begegnen und den globalen Wandel nachhaltig zu gestalten. In dieser Frage nimmt sich der Report bewusst zurück und interpretiert die Rolle der Wissenschaft als Kartographen eines ganzen Bündels an Handlungspfaden mit ihren jeweiligen _Trade-offs_ und normativ-ethischen Grundlagen. Als Navigatoren dieser Wissenskarten kommen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ins Spiel – die Adressaten des Berichts.

Und so lautet die Maxime des Sachstandberichts, Politikrelevanz erzeugen, ohne Vorschriften machen zu wollen. Diese Herangehensweise ist gerade deshalb klug und gelungen, weil der Entscheidungsraum weit aufgespannt wird: Neben einer detaillierten Analyse einer Politik des „weiter so“, die im Mittel zu einer Erwärmung zwischen 3.7°C und 4.8°C bis zum Ende des Jahrhunderts führen würde mit – wie wenige Wochen zuvor von der IPCC-Arbeitsgruppe 2 beschrieben – massiven Auswirkungen und Schäden, gibt der Report ebenfalls über die Bedingungen der Möglichkeit Auskunft, die Erderwärmung auf 2°C zu begrenzen. In der Analysetiefe dieser für die internationale Klimapolitik entscheidenden Frage geht der vorliegende Beitrag für den fünften Sachstandsbericht dann auch deutlich über seinen sieben Jahre alten Vorgänger hinaus, wobei die Resultate aufhorchen lassen.

Geringe Einbußen

So beträgt die beste Abschätzung sogenannter Konsumverluste der Weltwirtschaft bei einer ambitionierten globalen Klimapolitik im Zeichen der 2°C-Leitplanke rund fünf Prozent bis zum Ende des Jahrhunderts (bei einer Unsicherheitsspanne von drei bis elf Prozent). Das klingt zunächst substantiell, doch relativiert sich diese Zahl schnell, da von einem Konsumwachstum zwischen 300 und 900 Prozent über die Periode ausgegangen werden kann. Auf ein Jahr bezogen beträgt die Einbuße im Mittel demnach lediglich 0,06 Prozentpunkte und liegt damit im Rahmen üblicher Auswirkungen fiskalpolitischer Maßnahmen. In den vielzitierten Worten des Co-Chairs der Arbeitsgruppe 3 und treibenden Kraft hinter dem Bericht, Professor Ottmar Edenhofer, kostet es also nicht die Welt, den Planeten zu retten.

Auch sind in dieser Kostenabschätzung die Vorteile einer globalen Dekarbonisierungsstrategie, wie beispielsweise vermiedene lokale Luftverschmutzung durch Rußpartikel und Schwefeldioxid und damit unmittelbare Verbesserungen der Umweltqualität für Millionen von Menschen zusätzlich zur Klimastabilisierung, nicht enthalten. Aus globaler Perspektive gibt es demnach eine Reihe von stichhaltigen Argumenten, sich gerade nicht mit einem „weiter so“ der globalen Klima- und Energiepolitik abzufinden, sondern die Weichen für einen raschen Umbau der Weltwirtschaft in Richtung Dekarbonisierung zeitnah zu stellen.

Für den unmittelbar politikrelevanten Zeitraum bis zum Ende der nächsten Dekade würde dieser Transformationsprozess eine Verdoppelung der derzeitigen jährlichen Investitionstätigkeit für emissionsarme Technologien bedeuten, einhergehend mit einer Verringerung der im fossilen Sektor eingesetzten Mittel um 20 Prozent. Dies ist keine Kleinigkeit und in der Summe geht es um Reallokation von Kapital im dreistelligen Milliardenbereich. Und doch erscheinen die Dimensionen beherrschbar, nicht zuletzt durch die Beschreibung von konkreten Zwischenschritten. Allerdings ist die Umsetzung einer solchen globalen Energiewende voraussetzungsreich und erfordert neben der Beachtung zentraler ethisch-moralischer Fragestellungen vor allem starke Institutionen, um diese Kraftanstrengung zu den geringsten Kosten zu bewältigen.

Der Report nennt hier drei Kernpunkte: Erstens eine internationale Kooperation und unmittelbare Emissionsbegrenzungen, zweitens eine einheitliche Bepreisung von Treibhausgasemissionen weltweit sowie drittens der Einsatz eines Portfolios der wichtigsten Minderungstechnologien. Was wie der Auszug aus einem Standardhandbuch der Volkswirtschaftslehre klingt und von manchem vermeintlichen Realpolitiker verächtlich zur Seite geschoben werden könnte, sollte aber im Kontext der Analyse sehr genau beachtet werden: Verzögerungen bei den Minderungsanstrengungen sowie ein zu enges Technologieportfolio erhöhen die Kosten sowie das Risiko, gefährlichen Klimawandel abzuwenden.

Diese Botschaft ist gerade für die internationalen Verhandlungen in Paris im November 2015 hochaktuell: Für ambitionierten Klimaschutz gibt es keinen besseren Zeitpunkt, als jetzt zu handeln.

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