Mit der Unschuld ist es aus

Daniel Gerlach22.08.2011Politik

Europa verschlief das Erwachen der Araber – Israel hat bis heute keine Haltung dazu finden können. Immerhin hat das den Arabischen Frühling bislang davor bewahrt, zum Opfer von Verschwörungstheorien zu werden.

89b3dcf990.jpg

Wäre George Antonius am Leben, könnte er sich kaum retten vor Interview-Anfragen über das „arabische Erwachen“, denn er erfand diesen Begriff. Unter dem Titel „The Arab Awakening“ erschien 1938 seine Geschichte des Nahen Ostens. Antonius – halb Ägypter, halb Libanese – prägte mit seinem Narrativ Politiker, Wissenschaftler und Journalisten. Demnach schlummerte die arabische Identität Jahrhunderte dahin und wurde erst durch westliche Kultur und Bildung aufgeweckt. Aber die Kolonialmächte ließen die Araber fallen, obwohl sie sie zum Kampf für Unabhängigkeit ermutigt hatten. Die Schuld an der verhinderten arabischen Nation und der folgenden Misere traf die Europäer und ihren Verbündeten Israel. Arabische Intellektuelle machten sich dieses Lamento ebenso zu eigen wie ihre Herrscher.

Stell dir vor, es ist Revolution und alle verschlafen

Im Arabischen Frühling jedenfalls weckten die Europäer niemanden – sie haben ihn erst einmal verschlafen. Ganz zu schweigen von den Israelis, die bis heute keine Haltung zum Umbruch in der Nachbarschaft entwickelten. Dass Israel so passiv blieb, kritisierten viele – “auch Christian Boehme in dieser Debatte(Link)”:http://www.theeuropean.de/christian-boehme/7653-israel-und-der-arabische-fruehling. Nun gut: Von Netanjahu war nichts Originelles zu erwarten. Aber wie sollte er handeln? Es wäre verlogen gewesen, den „demokratischen Aufbruch“ lautstark zu begrüßen – und hätte der Sache nicht gedient. Was die Israelis nun tun können? Ihre Regierung abwählen, den Siedlungsbau in den palästinensischen Gebieten stoppen und sich um eigene Belange kümmern. Israels Verhandlungspositionen werden nicht komfortabler mit der Zeit. Denn die westlichen Verbündeten haben längst den Taschenrechner in der Hand und fragen sich: Was kostet uns die Unterstützung einer rechtsgerichteten Regierung? Charme-Offensiven für die Araber sind jetzt nicht gefragt – da liegt Netanjahu richtig. In Ägypten wissen alle Parteien: Beschwichtigende Worte zu Israel nützen im Wahlkampf ebenso viel wie die Forderung, Steuern zu verdoppeln oder das Bohnenessen zu verbieten. Wer nicht als Agent des Auslandes diskreditiert werden will, hält sich erst einmal zurück – aus Erfahrung.

Doppeltes Spiel

Denn die Diktatoren spielten uns und ihre Untertanen gegeneinander aus: Uns erzählten sie, Islamisten seien am Stillstand schuld, drüben musste der bigotte Westen den Sündenbock geben. Seit die Araber 2011 abermals erwacht sind, hat es sich hoffentlich ausgespielt. Auch wenn Islamisten-Demos manchen in Europa unbehaglich stimmen, ist die Sympathie noch nicht verbraucht: Das wird aber nichts daran ändern, dass die Nationen im Umbruch ganz auf sich allein gestellt sind. Ein paar Hundert Millionen für Staatskredite aus Europa hin oder her. In Tunesien und Ägypten soll es bald Wahlen geben. Dabei ist nicht entscheidend, wer die Parlamentsmehrheiten stellt, sondern dass ein System der Rechenschaft entsteht. Mubarak, Ben Ali – auch Libyens Gaddafi – herrschten nämlich mit einem Taschenspielertrick. Sie ließen ihre Schuld am Elend ganz einfach verschwinden und beförderten Verschwörungsmythen über die Machenschaften von CIA, Mossad, Freimaurern, Juden und Bahai. Wenn die Generation Facebook etwas leisten kann, dann der Versuchung solcher, alles erklärender Theorien zu widerstehen und ihre Regierungen als Gradmesser eigener politischer Reife zu betrachten. Bei den Tunesiern stand diese Reife zuletzt in keinem Verhältnis mehr zur Art, wie sie regiert wurden. Deshalb begann dort – und nirgendwo anders – das arabische Erwachen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Warum das grüne Glaubenssystem stabiler als das der Kommunisten ist

Seit dem Fall der Berliner Mauer beobachten Medienwissenschafter eine Inflation der Katastrophenrhetorik. Offenbar hat das Ende des Kalten Krieges ein Vakuum der Angst geschaffen, das nun professionell aufgefüllt wird. Man könnte geradezu von einer Industrie der Angst sprechen. Politiker, Anwälte

Hinter den Klima-Alarmisten steht die Staatsmacht

Ich meine, die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, zu erfahren, was in dieser Republik geschieht. In einer freiheitlichen Gesellschaft ist dieser Anspruch nichts Besonderes, sondern Normalität.

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Mobile Sliding Menu