Bruder Führer

von Daniel Gerlach23.02.2011Außenpolitik

Die Herrscher in den Golfstaaten verurteilen die Gewalt in Libyen – mit Gaddafi haben sie ohnehin noch abzurechnen. Derweil wären sie froh, wenn es in Bahrain wieder ruhig wird.

Es ist erstaunlich, mit wie wenigen Sekunden “Videomaterial aus Handys”:http://www.youtube.com/watch?v=iV22rbo8Itw man stundenlange Nachrichtenprogramme machen kann. Die Lage in Libyen beschäftigt die arabischen Satellitenfernsehsender und nun meldete sich auch Scheich Hamad bin Jassim, der Premierminister des Emirats Katar, zu Wort. Er verurteilte die Brutalität der libyschen Sicherheitskräfte und lobte die Bevölkerung. Bei Tunesien waren die Herrscher der Golfstaaten überrascht, im Fall Ägyptens eher zurückhaltend. Zu keinen der bisherigen Aufstände äußerten sie sich so engagiert wie zu “Libyen”:http://www.theeuropean.de/yascha-mounk/5787-anti-gaddafi-proteste-in-libyen. Das mag an den besonders niederträchtigen Methoden des Oberst Gaddafi liegen: Maschinengewehre, ja sogar Kampfjets gegen Demonstranten. Aber es gibt noch einen anderen Grund: Die arabischen Herrscher haben mit Gaddafi eine lange Liste offener Rechnungen zu begleichen.

Libyen genießt keinen guten Ruf

Bei zahlreichen Gelegenheiten demütigte der „Bruder Führer“ seine Kollegen öffentlich – seine Neigung zum Burlesken machte ihn zum „summit crasher“ jedes Treffens der Arabischen Liga. Diese Liga hält nun in Kairo Krisensitzung, laut Turnusprinzip müsste dabei eigentlich Libyen präsidieren. Die Liga-Trefen führen selten zu Ergebnissen von Nachrichtenwert, aber diesmal wird es eines geben: Die arabische Welt wird Gaddafi wohl verurteilen. Liga-Generalsekretär “Amr Moussa”:http://de.wikipedia.org/wiki/Amr_Musa will bald in seiner Heimat – die erst kürzlich und leider ohne sein Zutun den Diktator fortjagte – Präsident werden. Und Ägypten hat eine Schlüsselrolle in der Libyenkrise. Die ägyptische Armee verstärkt gerade ihre Truppen an der Grenze und hebt angeblich die Schlagbäume: In Libyen leben fast 1,5 Millionen Gastarbeiter aus Ägypten, die nach den turbulenten Wochen daheim sicher nicht damit rechneten, dass sie nun ausgerechnet aus Libyen evakuiert werden. Libyen ist medial abgeschirmt. Nun wollen die “Web-Revolutionäre”:http://www.theeuropean.de/eberhard-lauth/5538-social-media-und-revolutionen aus Tunesien und Ägypten Gaddafi beidseitig in die Zange nehmen. „Das Ziel ist, an der Grenze und in Libyen selbst Kanäle aufzubauen, über die Informationen rein und rauskommen“, sagt dazu ein ägyptischer Polit-Aktivist. Die ägyptische Armee solle in Libyen einmarschieren, um dort die Opposition zu schützen. Es scheint, dass die Araber nun wirklich teilnehmen am Schicksal ihrer Brüder. Was die Arabischen Liga nicht zuwege brachte, erledigen jetzt die Protestler: die Rehabilitierung der arabischen Solidarität. Um den Clown von Tripolis wird man nicht trauern, schon gar nicht in den Golfstaaten. Schwerer ist es allerdings, wenn vom Königreich Bahrain die Rede ist. Staatschefs und Medienmacher scheinen froh, dass sich die Lage nach den brutalen Angriffen der Sicherheitskräfte auf Demonstranten in Manama wieder beruhigt. Während sich vor allem Bahrains Kronprinz konziliant gab, warnten Regierungsmedien, die Aufstände seien ein Versuch der Iraner, die schiitische Bevölkerung Bahrains aufzuhetzen und den Nahen Osten zu „schiisieren“.

Nur kein Öl ins Feuer gießen

Zu diesem Thema hatte der saudisch finanzierte Sender Al-Arabiya eine Talkrunde geplant – und in letzter Minute abgesagt. Nur kein Öl ins Feuer gießen! Schließlich lebt auch im Osten Saudi-Arabiens eine schiitische Minderheit. Ein Aufstand würde in die Zeit passen, wäre aber das letzte, was Saudi-Arabien und der weltweite Energiemarkt brauchen können. Das harte Vorgehen gegen die Proteste in Bahrain geschah wohl mit Zustimmung der Herrscher in den anderen Golfstaaten: Es durfte keinen Präzedenzfall geben. Saudi-Arabien soll Bahrain sogar Truppen angeboten haben, so berichtete die saudische Webseite “Elaph”:http://www.elaph.com/news. Unklar ist die Rolle des viel gelobten Freiheitssenders Aljazeera. Während der englische Dienst tapfer aus Bahrain berichtete, hieß es nach einigen Tagen, der arabische Sender habe „große Schwierigkeiten“. Libanesische Medien, die nicht ohne Neid auf die Satellitenmacht aus Doha schauen, spekulierten: Katars Herrscherhaus, dem Aljazeera gehört, habe den Sender zurückgepfiffen. Es auch nicht im Interesse Katars, wenn Bahrain der Protestbewegung – und damit den Iranern – in die Hände fällt. _Die Revolution und das Internet: Ist Mark Zuckerberg der neue Held der arabischen Welt? Blogger, Aktivisten und Journalisten diskutieren auf “www.dubaidebates.com”:www.dubaidebates.com_

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