Abendländische Verwilderung

von Daniel Gerlach27.08.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Amerikas Rechte bricht einen Moscheestreit vom Zaun und erstickt das Land in einer Spießigkeit, wie sie bislang nur in Europa denkbar schien.

Nun hat auch Amerika einen Moscheestreit – ein lautes Gezeter über das “Wir” und “Ihr” einer Gesellschaft. Über die Frage, wer Anspruch auf das Opfersein einer nationalen Katastrophe hat. Der Streit um den Bau eines islamischen Kulturzentrums in der Nähe des Ground Zero führt Amerika ein Stück näher an Europa heran – allerdings auf unerfreuliche Weise.

Wer hat Anspruch auf das Opfersein?

Bislang besaß der alte Kontinent mit seinen Begriffen von “Nation”, “Schicksalsgemeinschaft”, “Abendland” oder “christlich-jüdischer Kultur” das Monopol auf kleinkarierte Kulturkämpfe. In Amerika gibt es keinen Thilo Sarrazin – und auch keinen Geert Wilders. Natürlich leidet das Land keinen Mangel an Publizisten, die gegen “Minderheiten” und Migranten pöbeln. Es gibt dort nur schlechterdings kaum “Minderheiten”, weil fast jeder einer “Minderheit” entstammt. Nun haben die Moscheegegner die Angst vor “islamischem Expansionismus” im eigenen Land als vermarktbares Ressentiment entdeckt – denn so stellen sie das islamische Kulturzentrum Park51 in Manhattan dar. Den Amerikanern wird viel vorgeworfen: Arroganz und Ignoranz gegenüber einer komplexen Welt. Aber mit dem Kulturalismus, der die Gesellschaft in “Bürger” und “Muslime” unterteilt, hätte man Amerika früher nicht kommen dürfen – schon gar nicht einer Weltstadt wie New York. Dass New York erst jetzt einen derartigen Moscheestreit hat, ist auch eine gute Nachricht. Selbst die Anschläge vom 11. September 2001 – von muslimischen Fanatikern im Namen des Islam verrichtet – haben diese Stadt bislang nicht um den Verstand gebracht. Das Prinzip, auf dem New Yorks Größe ruht, stand nie infrage: Religion und Herkunft haben uns egal zu sein, so hieß es. Ressentiments waren Privatsache – eine äußerst kluge, selbst verordnete Geisteshaltung.

Was der 11. September nicht geschafft hat, erledigt eine heruntergekommene Partei

Viele Amerikaner mochten ablehnend gegenüber Muslimen eingestellt sein, aber sie unterschieden sich darin von der europäischen Rechten. In Europa heißt es: Wir haben nichts gegen Muslime, solange sie im Orient sind. Amerikaner mochten den Nahen Osten für ein Reich des Terrors halten, aber sie fürchteten sich deshalb nicht vor Muslimen in Amerika. Nun machen sich republikanische Wahlkämpfer daran, ihr Land zu verwildern und europäisch-abendländisch zu verderben. Was selbst das Trauma von 2001 nicht schaffte, erledigt nun eine heruntergekommene Partei: Weil Obamas Gegner wissen, dass sie mit Sarah Palin keinen Blumentopf gewinnen, spielen sie die Islam-Karte und schüren den Moscheestreit. Jeder aufrechte Republikaner muss sich angesichts dieses Verrats am amerikanischen Traum einen Einfaltspinsel wie George W. Bush zurückwünschen. Denn die neue, kleinbürgerliche Rechte erstickt Amerika in einer Spießigkeit, wie sie bislang nur in Europa denkbar schien.

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