Ende der Geschmeidigkeit

von Daniel Gerlach8.07.2010Außenpolitik

Die Allianz zwischen Israel und der Türkei ist nicht zerbrochen, aber sie hat Sturmschäden erlitten. Früher blieb ihre Gestaltung Militärstrategen vorenthalten – heute spielt die öffentliche Meinung mit.

Israel und die Türkei eint ein strategisches Bündnis, das sich früher durch Geschmeidigkeit auszeichnete. Seit dem Angriff der israelischen Marine auf die Flotte der Bewegung “Free Gaza”, bei dem neun türkische Staatsbürger ums Leben kamen, hat sich das geändert. Israels Zeitungen brachten neulich eine Nachricht, die früher wohl keine gewesen wäre: Generalstabschef Gabi Ashkenazi stehe “nach wie vor mit seinem türkischen Kollegen in Kontakt”.

Die Israelis machen sich Sorgen um die Allianz mit der Türkei

Die Regierung Netanjahu zeigt sich zielsicher beim Auslösen von Bündniskrisen. Die Zahl der Fehler steht dabei aber in keinem Verhältnis zur Verschlechterung ihrer Popularität im Ausland. Bislang hat Netanjahu zwar noch jedes PR-Desaster überlebt. Aber die Israelis machen sich dennoch Sorgen um die Allianz mit der Türkei. Manche Kommentatoren legen den derzeitigen Ärger dem türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan zur Last. Nachdem dieser Israel als “Lügenapparat” beschimpft hatte, hieß es, Erdogan zeige nun sein wahres Gesicht: Die Treue zu Israel sei nur ein Alibi gewesen, um sich bei der EU Liebkind zu machen. Weil die Türken sich nun keine Chancen mehr auf eine Mitgliedschaft ausrechneten, wendeten sie sich nun Israels Feinden zu. Dieses Urteil ist reflexhaft und verkennt den Wandel in der politischen Kultur der Türken. Erdogans Worte sind nicht allein das Ergebnis aufrichtiger Verärgerung noch eine Abkehr von der alten Staatsräson, sondern vermutlich ein Gemisch aus beidem. Der Ministerpräsident hat die Parlamentswahlen im nächsten Jahr und ein Referendum zur Verfassungsreform im Blick – und schaut auf die Volksmeinung, die sich, was Gaza anbelangt, wohl kaum von der der meisten Europäer unterscheidet. Auch Bündnisstrategien werden in der Türkei heute als politische Themen behandelt, und nicht mehr nur als militärische Notwendigkeiten.

Nicht ganz so lausig wie ihr Ruf

Netanjahu muss derzeit dennoch keinen Bruch befürchten. Mit einem jährlichen Volumen von umgerechnet 1,5 Milliarden Euro zählt Israel zu den größten Rüstungslieferanten für Ankaras Armee. Türkische Offiziere werden derzeit im Negev ausgebildet, und Kabinettsmitglied Benjamin Ben Eliezer flog in dieser Woche zu einem Geheimtreffen mit Außenminister Ahmet Davutoglu nach Ankara. Nur Spionagedaten, so sagen israelische Experten, würden den Türken derzeit vorenthalten. Erdogans Parteifreund Hakan Fidan, seit Mai Chef des türkischen Geheimdiensts MIT, gelte als “einem Flirt mit den Iranern nicht ganz abgeneigt“. So scheint es, als stehe es um die türkisch-israelische Allianz ähnlich wie um die Bilanz der Regierung Netanjahu: lausig, aber nicht ganz so lausig wie ihr Ruf.

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