Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. Immanuel Kant

Bella Figura!

Dass Israel die größte Herausforderung für Außenpolitiker sei, ist ein verbreiteter Irrtum. Er wird dadurch nicht wahrer, dass man ihn fortwährend wiederholt.

Nun soll Westerwelle seinen “Härtetest” mit Bravour bestanden haben. Unter den Journalisten, die den Besuch des Außenministers in Israel kommentierten, herrschte einhellig Konsens. Von der “schwersten Aufgabe” für einen Außenminister war allenthalben noch die Rede. Hinter der Begeisterung der Feuilletons trat die Überwindung einer Befürchtung zutage: nämlich, dass der neue Chef des Außenamts den Hanswurst abgeben und das Ansehen der Republik mit einer unbeholfenen Geste reduzieren könnte.

Die uniformen Reaktionen offenbaren jedoch noch einen anderen Irrtum, der dadurch nicht wahrer wird, dass man ihn neu auflegt: nämlich, dass Israel für die deutsche Politik eine besonders große oder gar die größte Herausforderung sei.

Ein Paradigmenwechsel muss her

Unsere vordringlichsten Probleme liegen nicht in Jerusalem, und die Köpfe unserer Diplomaten haben ob ganz anderer Brennpunkte zu rauchen: Afghanistan, der Atomkonflikt mit Iran, die Haltung der USA und der Pazifikstaaten zur Klimapolitik. Subtiler betrachtet betrifft uns der Finanzzustand des Emirats Dubai akuter als der Nahostkonflikt. In Bezug gesetzt zu diesen Fragen, kann uns die Meinung der Regierung Netanjahu zur deutschen Israelpolitik gestohlen bleiben.

Wenn Kanzlerin Merkel sagt, dass Israels Sicherheit Teil unserer “Staatsräson” geworden sei, so kann man sie gern dazu beglückwünschen. Sofern für die Sicherheit der Kongolesen und Tamilen – warum nicht die der Malediver, die demnächst in Hausboote umsiedeln werden? – auch etwas abfällt von dieser Staatsräson, hat die deutsche Außenpolitik ihren “Härtetest” bestanden.

Ein artverwandter Unfug ging um im Blätterwald, als von der “schwierigsten Mission” des deutschen Papstes die Rede war: Damals reiste Benedikt nach der Affäre um den Piusbruder Williamson nach Israel. Die meisten Israelis interessiert das Oberhaupt der Katholiken so brennend wie ein zweitklassiger Filmschauspieler oder der Präsident einer Antilleninsel. Bei allen Verstimmungen, die Israel und der Vatikan durchstanden – allein für den wenige Monate zuvor von Berlin nach Rom entsandten Diplomaten Motti Levy war dies ein Härtetest –, können nur Feuilletonisten behaupten, dass Israel das größte Problem des Papstes sei: und zwar solche, die von der Kirche ebenso wenig verstehen wie vom Nahen Osten.

Benedikts größte Herausforderung ist der Zusammenhalt eines Vereins, der derzeit in alle Richtungen mäandert, seine schwierigste Mission war seine Reise ins AIDS-verfluchte Afrika, und er hat sie – dies am Rande – nicht besonders gut gemeistert.

Herausforderung Israel

Der Rumor um die besondere Herausforderung Israel hat viele Gründe: Unser Verhältnis zu Israel ist ein romantisches – im guten wie im schlechten Sinne. Der Fall Israel macht Außenpolitikern in Wahrheit viel mehr Spaß als die wahren Probleme in der Welt, bei denen man Mehrheiten finden, internationale Regime und Resolutionen verhandeln muss, bis man den schlimmsten Kompromiss unterzeichnet, bevor man unverrichteter Dinge das Verhandlungszimmer räumt. Israel bietet Gelegenheit zu Gesten, Bekenntnissen und Gefühlsbekundungen.

Dieses Begehren ist nicht zu verurteilen, denn auch für solche Momente macht man schließlich Politik. Bedenklicher ist allerdings, wie es hernach beurteilt wird, und es steht zu vermuten, dass dabei niemand einen “Härtetest” durchmacht: Es braucht weder Sachkenntnis noch viel Verstand, um zum Thema Israel eine Meinung zu verfassen. Vorausgesetzt, sie ist romantisch und von den richtigen Leuten abgeschrieben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: David Rubinger, Gil Yaron, Judith Hart.

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