Anne Wizoreks „Weil ein Aufschrei nicht reicht“ | The European

Feminismus von heute mit Inhalten von gestern

Daniel Dettling8.03.2015Gesellschaft & Kultur

Anne Wizoreks Manifest für einen neuen Feminismus ist gut geschrieben, dennoch wirkt es auf eine merkwürdige Weise unpersönlich, abstrakt und ängstlich.

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HerrSpecht / photocase.de

Vor wenigen Tagen hat der Bundestag “die Frauenquote beschlossen”:http://www.theeuropean.de/hugo-mueller-vogg/9768-bevorzugung-der-frauen-durch-die-geschlechterquote. Ein Meilenstein der Gleichberechtigung. Ist jetzt alles gut? Nein! Echte Gleichberechtigung ist erst dann erreicht, wenn der Sexismus besiegt ist und sich die Machtverhältnisse ändern, schreibt Deutschlands neuer Feminismus-Star Anne Wizorek. Solange Männer Privilegien haben und als Norm gelten, ist das Ziel nicht erreicht. Mit dem Twitter-Hashtag “#aufschrei”:https://twitter.com/hashtag/aufschrei hat sie den Stab von der bisherigen Sprecherin der Frauenbewegung, Alice Schwarzer, übernommen.

Wizorek, Jahrgang 1981, wirbt für einen „Feminismus von heute“ und bietet weitgehend den von gestern: Abtreibung, Werbung, Prostitution, Pille danach, Verzicht auf Kinder. In puncto Geschlechtergerechtigkeit sieht sie Deutschland „zwischen Babyschritten vorwärts und Backlash“ rückwärts. Ihre Einteilung in Gut und Böse ist einfach: Böse sind vor allem Konservative in CDU und CSU. Waren es nicht Frauen, die bei der letzten Bundestagswahl überwiegend Union gewählt haben? Stereotype haben immer die anderen …

Wer wechselt mehr Windeln?

Auf die Frage eines verunsicherten Journalisten, wer sich nachts dem Einbrecher entgegenstellen soll, der Mann oder die Frau, antwortet die Netzfeministin allen Ernstes: „Die Antwort ist doch klar: Sie sollten – ganz partnerschaftlich – mit Ihrer Frau zusammen da runter gehen und die Sache gemeinsam klären.“ Eine frühere Bekannte von uns, glühende Feministin und Propagandistin echter Partnerschaftlichkeit, schwor sich vor dem ersten Kind, keine Windel mehr zu wechseln als ihr Mann. Sie hat das Zählen spätestens mit dem zweiten Kind eingestellt.

Dass Frauen vor allem den „ganzen Familienladen“ schmeißen, passt Wizorek auch nicht. Dass hausarbeitende Männer „sexier“ sind, scheint in deutschen Haushalten noch nicht angekommen zu sein. Also weg mit Ehegattensplitting, Minijobs und nicht bezahlter Care-Arbeit. An ihre Stelle treten radikale Erwerbsarbeitszeitverkürzung und ein bedingungsloses Grundeinkommen. Ein Programm, das sich noch nicht einmal die Linke auf die Fahnen schreibt, geschweige denn die Gewerkschaften. Was vielleicht auch daran liegt, dass sich ihre männlichen Anführer nicht politisch umerziehen lassen wollen. Das Männer-Kapitel ist ein einziges Umerziehungsprogramm („Erkenne Sexismus als Problem an. Hör zu. Setz dich mit deiner eigenen Schuld auseinander“).

Dürfen Feministinnen Minirock tragen und weniger Geld verdienen?

Das Manifest für einen neuen Feminismus ist gut und flott geschrieben. Und dennoch wirkt es auf eine merkwürdige Weise unpersönlich, abstrakt und ängstlich. Wem es um das „große Ganze“ geht, kann sich mit Kleinkram nicht befassen. Politische Korrektheit scheint Anne Wizorek wichtiger zu sein als politische Umsetzbarkeit. Während der eigene Freund im Bett schläft, kämpft Anne im Netz für die gerechte Sache. So wird der neue und moderne Feminismus in Deutschland bis auf Weiteres auf ein begeisterndes Programm und eine ebensolche Anführerin warten müssen.

Amerika, du hast es auch hier besser. Lena Dunham ist fünf Jahre jünger als Wizorek, erfolgreiche Schauspielerin, Filmproduzentin und Autorin („Not That Kind of Girl“). Ihr 7- Punkte-Programm fehlt bei Wizorek. Absichtlich? Dunham plädiert für einen selbstbewussten, marktkonformen Feminismus, der sich nicht an Männern, Sprache und Macht abarbeitet, sondern offensiv mit Widersprüchen und Inkonsequenzen umgeht („Man kann Feministin sein und trotzdem Dinge tun, die der allgemeinen Erwartung anderer Feministen nicht entsprechen: Miniröcke tragen, weniger Geld als der Mann verdienen.“). Und Kinder kriegen. Während die neue Frauenquote die eine „K-Frage“ (Karriere) auf die Agenda setzt, ist es um die andere „K-Frage“ (Kinder) recht still geworden. Ein Feminismus ohne Kinder verliert aber Anhänger und wird eines Tages zwangsläufig aussterben. Ihr Buch hat Anne Wizorek zwei Menschen gewidmet: „Papa & Mama“.

Anne Wizorek: “Weil ein Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute.”:http://www.fischerverlage.de/buch/weil_ein_aufschrei_nicht_reicht/9783596030668 Fischer Verlag. 2014. 14,99 €.

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