Das neue Wirtschaftswunder

Daniel Dettling23.01.2015Wirtschaft

Der britische Ökonom Gerard Lyons kündigt eine neue Weltordnung an und erklärt auch gleich, wie Gesellschaften von ihr profitieren.

Während Präsident Barack Obama jüngst die Krise in den USA für beendet erklärte und mehr Geld für Umverteilung forderte, hielt die deutsche Bundeskanzlerin in Davos vor wenigen Tagen dagegen: Die Euro-Krise sei nicht überwunden, Europa müsse wettbewerbsfähiger werden und dürfe sich nicht vom Rest der Welt abschotten, mahnte Angela Merkel.

Doch Merkels Warnung dringt kaum durch. Wo die Mehrheit der krisengeplagten europäischen Regierungschefs nichts mehr vom Sparen wissen und den Geldhahn aufdrehen will, sind die Deutschen in den Augenblick verliebt. „Verweile doch, Du bist so schön“, ist der neue Sound im Land. Globale Veränderungen und Trends werden in der deutschen Öffentlichkeit überwiegend negativ und als Bedrohung wahrgenommen. Dabei ist die Epoche geschlossener Nationalstaaten und Volkswirtschaften zwischen 1914 und 1989 eine historische Ausnahme und nicht die politische Regel.

Eine globale Schockgemeinschaft

Das 21. Jahrhundert ist vielmehr das Zeitalter einer neuen Globalisierung und eines neuen Gleichgewichts. Europa und der Westen müssen dabei nicht zwangsläufig schwächer werden. Der anschwellende Gesang vom „Untergang des Abendlands“ ist kein Naturgesetz. Der britische Ökonom und Chefberater des Londoner Bürgermeisters Boris Johnson entwirft ein anderes, ein bedingt optimistisches Szenario von der Zukunft. Wer am Ende profitiert, ist ungewiss und hängt von vielen Faktoren ab. Sicher scheint nur, dass der globale Kuchen am Ende dieses Jahrhunderts größer sein wird, der Westen aber nicht die gesamte Rendite einfahren dürfte.

Das Jahr 2008, als die globale Finanzkrise begann, beschreibt Gerard Lyons als gemeinsamen Schock und als Wendepunkt für die Weltwirtschaft. Seitdem ist vieles unternommen worden, um das Finanzsystem sicherer zu machen. Geblieben ist jedoch das Gefühl der Unsicherheit. Die Unsicherheit ist nicht nur ökonomischer (wie lässt sich Wachstum erzeugen, wie Ungleichheit bekämpfen?), sondern auch kultureller und politischer Natur. Wer füllt das Machtvakuum, das die USA hinterlassen? Auf welche Werte und Regeln kann sich die Weltgemeinschaft, können sich Asien, Russland, Afrika, USA und Europa einigen?

Lyons ist Ökonom und setzt auf ein Zusammenspiel von Basisdaten, Politik und Zuversicht. Die globalen Basisdaten erholen sich und die Zuversicht wächst. Wir stehen vor einer „der aufregendsten Wachstumsperioden aller Zeiten“ und vor einer fünften industriellen Revolution. Als die beiden zentralen Wachstumsmotoren nennt Lyons „Transpiration und Inspiration“. Transpirierend wirkt der Anstieg der Weltbevölkerung, inspirierend wirken Investitionen und Innovationen, die auch die Produktivität steigern. Die Mittelschicht wird weltweit auf mehr als fünf Milliarden wachsen und die zunehmende Urbanisierung einen Infrastrukturboom auslösen.

Power und Politik

Der Wandel wird aber nur dann zum Win-Win für alle, wenn die Politik drei Schlüssel richtig einsetzt: Soft Power (Überzeugungskraft), Hard Power (militärische und politische Stärke) und funktionierende politische Institutionen. Bei der Soft Power hat sich Deutschland in den letzten Jahren auf den ersten Platz geschoben, vor Großbritannien und die USA. Für die wachsende Zahl an Migranten ist Deutschland heute nach den USA das attraktivste Land. Im Bereich der Hard Power sieht Lyons China und die USA vorn. Beide besitzen zunehmend gemeinsame Interessen. Die größte Herausforderung sieht Lyons für Europa im demografischen Wandel. Niemand kann die hohen Wachstumsraten, die zur Finanzierung der Rentensysteme nötig sind, garantieren. Europa brauche einen neuen Gesellschaftsvertrag, den es sich auch leisten kann. Der Rest der Welt braucht einen, der funktioniert. Und alle Regionen brauchen Reformen.

Welche Länder und Regionen machen am Ende das Rennen? Es sind laut Lyons diejenigen, die über mindestens eines der drei „Cs“ verfügen: _Cash_, _Commodities_ oder _Creativity_. Auf finanzielle, natürliche oder menschliche Ressourcen und Einfallsreichtum komme es an. Gerard Lyons entwirft auf den letzten Seiten seines anregenden Buchs einen Aktionsplan für ein starkes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, verbunden mit einem höheren Lebensstandard und zufriedenen und glücklichen Bürgern. Damit reiht er sich ein in die Schar derjenigen, die eine neue Balance aus Staat, Markt und Bürgergesellschaft anstreben.

_Gerard Lyons: Das neue Wirtschaftswunder. Wie wir von der kommenden Weltordnung profitieren werden. Ullstein, Berlin 2014. 336 Seiten. 19,99 €._

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