Zeit ist nur knapp im Verhältnis zu den Vorhaben. Rüdiger Safranski

Beyond Multikulti und Pegida

„Wie viel Zuwanderung ist am besten?“, fragt der britische Ökonom und Bestseller-Autor Paul Collier in seinem neuen Buch. Er kommt zu überraschenden Erkenntnissen.

Ein Gespenst geht um in Deutschland: Es ist die Angst vor Überfremdung, sozialem Abstieg, wachsender Distanz zwischen Eliten und Bürgern. Während Erstere angesichts der drohenden Überalterung Deutschlands mehr Zuwanderung fordern, wächst die Sorge in der Bevölkerung vor ihren Folgen. Die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) sind Ausdruck dieser diffusen Ängste. „Wer Tausende Euro für die Überfahrt nach Europa zahlen kann, ist nicht wirklich in Not“, ist auf den Demos in Dresden zu hören.

Wie viel Zuwanderung?

Fakt ist: Die Globalisierung rückt näher. Im vorigen Jahr waren so viele auf der Flucht wie seit 1945 nicht mehr. Und Deutschland ist heute nach den USA das attraktivste Einwanderungsland. Profitieren wir von der Einwanderung oder hilft der Massenexodus nur den Migranten selbst? Während wir die Frage der Zuwanderung vor allem humanitär oder rein ökonomisch führen, ist die Frage in klassischen Einwanderungsländern wie den USA, Kanada oder England eine andere und bei uns eher ein Tabu: „Wie viel Zuwanderung ist am besten?“ Der britische Ökonom für Entwicklungspolitik und Bestseller der Bücher „Die unterste Milliarde“ und „Der hungrige Planet“, Paul Collier, geht dieser Leitfrage in seinem neuen Buch sine ira et studio nach und kommt zu überraschenden Erkenntnissen und Schlussfolgerungen.

Den entscheidenden Unterschied zwischen wohlhabenden und armen Staaten und Regionen sieht Collier in einem funktionierenden Sozialmodell. Nicht funktionierende Sozialstaaten sind der Grund für die aktuelle Massenmigration. Wenn jedoch mehr Migranten in den wohlhabenden Westen einwandern, verändert dies die kulturelle und soziale Diversität eines Landes und verringert die Bereitschaft der Bevölkerung zur Einkommensumverteilung. Die Bereitschaft zur Umverteilung ist in Europa deshalb größer als beispielsweise in den USA, weil die kulturelle und soziale Homogenität weniger unterschiedlich ist.

Eine zu große und zu schnelle Diversität kann das europäische Sozialmodell gefährden, folgert Collier, wenn sie mit einem kulturellen Separatismus der Einwanderer einhergeht. So ist die zweite Generation moslemischer Einwanderer in Frankreich weniger als die erste bereit, ihre Kinder in Schulkantinen essen zu lassen. In England tragen immer mehr bangladeschische Frauen einen Schleier, obwohl dieser in Bangladesch nicht üblich ist. Diese Einwanderer wollen nicht an den Traditionen ihrer Herkunftsländer festhalten, sondern sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen. Das Tragen eines Schleiers verhindert die gegenseitige Rücksichtnahme und wurde in Frankreich mit Unterstützung von linken und rechten Parteien verboten.

Zuwanderung ist keine Allzweckwaffe

Eine Politik des Multikulturalismus und zu großzügiger Sozialleistungen verlangsamen die Integration. Ein sinnvolles Kriterium für die politische Integration ist für Collier, dass ihre politische Orientierung möglichst derjenigen der Einheimischen entsprechen sollte. Eine stark abweichende politische Orientierung der Einwanderer hätte zur Folge, dass sich die Parteien als einwanderungsfreundlich oder -feindlich positionieren und das Land kulturell weiter spalten würden. Die Parteien sollten daher das Thema Einwanderungspolitik nicht zu ihrer Profilierung nutzen – sie sollten es aber auch nicht ignorieren und sich den Fakten stellen. So führt Einwanderung ökonomisch grundsätzlich weder zu einem Lohndumping noch zu einem Verlust an Wohlstand. Sie als demografische und ökonomische Allzweckwaffe einzusetzen, wäre aber gefährlich und wenig nachhaltig. Migranten bekommen ebenfalls weniger Kinder und werden älter. Und die Unternehmen? „Wenn sie Facharbeiter brauchen, warum bilden sie sie dann nicht aus?“

Wie sehen neue und gerechte Einwanderungsregeln aus, von denen möglichst viele Menschen profitieren? Collier plädiert für eine neue Einwanderungspolitik und schlägt ein Bündel aus vier Maßnahmen vor: Obergrenzen (verbinden humanitäres Mitgefühl und aufgeklärtes Eigeninteresse), Auswahlkriterien (Qualifikation, Arbeitsmarktfähigkeit, kulturelle Herkunft und Schutzbedürftigkeit), Integration (Erhöhung der Absorptionsrate) und Legalisierung illegaler Einwanderung (verbunden mit einer Strafe für die Umgehung der Einwanderungsregeln). In Deutschland hat die Debatte darüber jetzt endlich begonnen.

Paul Collier: Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen. Siedler Verlag München 2014. 320 Seiten. 22,99 €.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Daniel Dettling: Mythen und Fakten zu Ehe

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