Aufstand zwecklos

Daniel Dettling16.12.2014Gesellschaft & Kultur

Klaus Hurrelmann und Erik Albrecht haben die Generation Y porträtiert. Die Youngster wollen sich nicht gegen die eigenen Eltern auflehnen, sondern mit ihnen ein Bündnis bilden.

Mit ihm gehe der letzte Rock’n’Roller seiner Generation, verabschiedete sich Joschka Fischer vor neun Jahren von der politischen Bühne. Nach ihm komme nur noch die „Generation Heiapopeia“. Bislang scheint der grüne Gottvater recht zu behalten. Der Aufstand der Jungen bleibt hierzulande aus. Während die Jugendarbeitslosigkeit im Rest Europas grassiert und die Rede von einer „verlorenen Generation“ die Runde macht, ist die deutsche Jugend erstaunlich ruhig und still. Genau diese Eigenschaft sei aber für die heute 15- bis 30-Jährigen charakteristisch, schreiben Klaus Hurrelmann (70) und Erik Albrecht (35) in ihrem Porträtbuch über die Generation Y.

Ihre Stille und Heimlichkeit sei Ausdruck einer besonders „wirkungsvollen und nachhaltigen Strategie“, die Deutschland in den nächsten Jahrzehnten grundlegend verändern werde. Nur wie, das bleiben die Autoren ebenso schuldig wie sie die prägenden Erfahrungen dieser Alterskohorte herbeikonstruieren. Als auffällige Merkmale nennen sie die große Unsicherheit, Terror, Umweltkatastrophen und eine anhaltende Finanz- und Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit. Diese haben frühere Generationen wie die Flakhelfer- und Babyboomer-Generation jedoch ähnlich erlebt.

Aufstand zwecklos

Die Autoren legen die Messlatte sehr hoch. Zu hoch. Aus ihrer Analyse definieren sie einen Anspruch, der kaum in Erfüllung gehen dürfte. Bislang haben sich Generationen immer gegen die Eltern und Vorfahren gewandt; die Generation Y (englisch: Why) aber will sich gar nicht gegen die eigenen Eltern auflehnen, sondern mit ihr ein Bündnis bilden. Die Youngster wissen: Ein Aufstand sei aufgrund der demografischen und ökonomischen Übermacht der Eltern und Großeltern von vornherein aussichtslos und zum Scheitern verurteilt. So wird der Nicht-Aufstand zur schlauen Strategie. Da sie nicht wissen, ob sie überhaupt gebraucht werden, bleiben die Jungen lieber zu Hause im „Hotel Mama“.

Statusinkonsistenz ist ihr Lebensgefühl. Die geordneten und planbaren Lebensentwürfe der Eltern sind für die künftigen Entscheider passé. Alles, was über einen Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren reicht, wird verworfen oder verschoben: die Gründung einer Familie, der Kauf eines Autos und der Abschluss einer Riester-Rente. So zeichnen die Autoren ein wenig schmeichelhaftes Porträt einer Generation von „Egotaktikern“, die sich möglichst viele Optionen offen halten will und Entscheidungen auf die lange Bank schiebt. Das Einzige, was ihnen Halt und Sicherheit verspricht, sind Bildung und Karriere. Das galt aber bereits für die Generation X, die heute in den 40ern sind. Aufstiegsorientiert, angepasst und ehrgeizig – der Befund steht im Widerspruch zur Hoffnung, dass die demografisch überschaubare Kohorte der Y-er in der Lage ist, eine Revolution zu bewerkstelligen.

Welche Revolution?

Worin soll diese Revolution überhaupt bestehen? Hier fallen die bekannten Stichpunkte „Lebensunternehmer“ und „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Bis auf einige wenige will sich aber niemand selbstständig machen und ein Unternehmen gründen. Der Staat und die großen Konzerne stehen bei den U30ern ganz oben. Und für eine Familiengründung fehlt es ihnen an Zeit und Entschlussfreude. So wird das familiäre Glück auf später verschoben und die Eizellen lieber eingefroren – bis der „richtige Zeitpunkt“ kommt.

Auch die real existierende Politik muss sich vor den Ypsilonern nicht fürchten. Sie erben von den „reichsten Eltern aller Zeiten“ Billionen Schulden, Klimawandel und Flüchtlingsströme und nehmen es hin. Sie gönnen ihren zu Hause gebliebenen Müttern die „Mütterrente“ ebenso wie den Industriefacharbeitern der 50er-Jahrgänge die „Rente mit 63“. Politik und Partizipation sind nur dann ok, wenn sie persönlich etwas bringen. Was, verraten die Autoren nicht. Einen Job, ein Praktikum, Geld? Aus dieser Einstellung kann kein Wir-Gefühl, geschweige denn Solidarität entstehen. Vielleicht war die Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes doch ein Fehler?

Hurrelmann und Albrecht begeistern mit ihrer Analyse und Beschreibung und (müssen?) versagen in ihren Schlussfolgerungen. Auf eine geradezu komische Weise geben sie Joschka Fischer recht, wenn sie schreiben: „Im Alltag ist die Generation Y auch nicht rechts oder links, nicht für oder gegen den Kapitalismus. Sie will einfach gut leben und Probleme in ihrem Sinne möglichst ohne großen Aufwand lösen.“ Das ist kein Rock’n’Roll, sondern Einschlafmusik.

_Klaus Hurrelmann/Erik Albrecht: Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y unsere Welt verändert. 255 Seiten. Weinheim, 2014. € 18,95._

Gerade erschienen: Daniel Dettlings Buch „Wie wollen wir in Zukunft leben?“

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