Optimistische Netzskeptiker

von Daniel Dettling14.10.2014Gesellschaft & Kultur

Der Kampf um unsere Daten ist der Kampf um unsere Freiheit. Ob Big Data Erlösung oder Unheil ist, liegt letztlich an uns.

Trotz NSA, Cyberspionage und Datenklau ist die Gemütslage der Bürger hierzulande unverändert: Datenschutz ist für sie kein großes Thema. Die von vielen Liberalen und Linken konstatierte „digitale Entmündigung“ hat bislang keine neue soziale Bewegung ausgelöst. Für die große Mehrheit der Deutschen überwiegen die empfundenen Vorteile ihrer Datenpreisgabe bei Facebook, Google und Co. Darunter leiden vor allem die Grünen.

Sie haben als erste Partei in Deutschland das Thema Datenschutz in Folge der Snowden-Enthüllungen für sich entdeckt und zum Top-Thema erkoren. Der EU-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht und Malte Spitz gehören zu den profiliertesten Kennern und Kritikern des Big-Data-Kapitalismus. Sie wehren sich gegen die totale Transparenz und die technoide Ideologie des digitalen Kapitalismus, der Erlösung, Utopie und Revolution verspricht. Der Kampf um den Datenschutz ist für sie die „letzte Schlacht um unsere Freiheit“.

Die Ideologie der totalen Transparenz

Auch wenn der Vergleich mit der Waffenindustrie hinkt und das Bild einer „Überwachungsindustrie“ überzogen ist: Die Debatte um die Zukunft des Datenschutzes in Zeiten von Big Data nimmt an Fahrt auf. Das ist gut. Technologie ist immer politisch und nicht neutral. Die Mengen an Daten, mit denen wir umgehen, werden sich weiter rasant vermehren. Ein Traum (oder Albtraum?) der Menschheit scheint wahr zu werden, wie Eike Wenzel und Oliver Dziemba schreiben: „Maschinen werden sich selbst steuern, ganze Fabriken sind vorstellbar, die sich autonom organisieren. Wir werden uns in vielen Branchen an den Roboter als Kumpel gewöhnen, die physisch-virtuelle Revolution der Produktion (Industrie 4.0.) wird dezentralisiertes und ungleich flexibleres Produzieren ermöglichen …“

„Die letzte Schlacht“ ist in Wahrheit der Kampf um die Deutungshoheit und den Primat der Politik. Nicht die Parteien sind es heute, die die Visionen vom guten Leben produzieren. Es sind die Technologiefirmen. Ihre Ideologie: Menschen sind Datenträger, Privatsphäre ist von gestern.

Big Data ist kein Automatismus

Man muss nicht gleich die Haltung von Netzpessimisten wie Schirrmacher und Morozov einnehmen und alles verteufeln, was aus dem Silicon Valley kommt. Den Kulturkampf der digitalen Kapitalisten gegen die Modernisierungsgegner hat bereits Peter Glotz vor mehr als 15 Jahren vorausgesagt. Bleiben wir optimistische Netzskeptiker!

Die Vorteile von Big Data sind immens, gerade im Gesundheitswesen. In der personalisierten Medizin stehen wir vor einem Quantensprung. Big Data kann dabei unterstützen, die Menschen gesünder und eigenverantwortlicher zu machen. Bücher wie die von Albrecht, Spitz, Dziemba und Wenzel können dazu beitragen, Gesetze und eine Politik zu entwickeln, die uns wieder zum Souverän der Datenrevolution macht. Die kommende europäische Datenschutzverordnung ist ein erster Schritt.

Noch ist Big Data kein Automatismus. Auch der digitale Wandel ist auf Werte angewiesen und nicht nur auf neue Technologien. Am Ende geht es auch um Sprache und Überzeugungskraft. Nötig sind auch neue Begriffe und Botschaften. „Digitale Mündigkeit“ trifft es besser als „Datenschutz“. Es ist nötig, aber nicht ausreichend, zum Kampf gegen Google und Co. zu blasen. Wenn die einen nur über die Gefahren und Risiken und die anderen nur über die Chancen und Vorteile reden, wird die Debatte nicht vorankommen.

_Oliver Dziemba, Eike Wenzel: #Wir. Wie die Digitalisierung unseren Alltag verändert. Redline Verlag, München 2014. 208 Seiten. 19,99 €._

_Jan Philipp Albrecht: Finger weg von unseren Daten. Wie wir entmündigt und ausgenommen werden. Knaur, München 2014. 191 Seiten, 7 €._

_Malte Spitz: Was macht ihr mit meinen Daten? Hoffmann und Campe, Hamburg 2014. 240 Seiten. 17,99 €._

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