Marcel Fratzscher ist der neue Shooting-Star der deutschen Ökonomen. Der 43-Jährige, seit einem Jahr Leiter des DIW, drängt an die Spitze der Politikberater. Seinen ersten Fan in der Politik hat er in Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel gefunden. Der Vizekanzler war bei der Vorstellung des neuen Buchs voll des Lobes: „Eine große Bereicherung der politischen und ökonomischen Diskussion“.
Fratzschers Befund dürfte der SPD-Vorsitzende teilen. Deutschlands Wirtschaft ist zweigeteilt, so Fratzscher. Auf der einen Seite das Land, das so gut wie kein anderes Land in Europa durch die globale Finanz- und die europäische Schuldenkrise gekommen ist. Auf der anderen Seite das gleiche Land, in dem die Armut und die Vermögensungleichheit gestiegen und die Chancengleichheit gesunken ist. Was den Ökonomen vor allem umtreibt: Deutschland investiert zu wenig und lebt von seiner Substanz. Droht der Abstieg eines Superstars?
Drei deutsche Illusionen
Fratzscher betätigt sich mit drei zentralen Thesen als Kassandra 4.0. Nein – erstens – die wirtschaftliche Zukunft ist auch in Deutschland nicht gesichert. Doch – zweitens – Deutschland braucht Europa. Und nein – drittens – Europa wolle nicht nur deutsches Geld. Ein Warnruf gegen die gefährliche Euphorie, ein Aufruf zu einem rationalen Dialog über Europa.
Den Hauptgrund für die vergleichsweise geringe Vermögensbildung der Deutschen sieht Fratzscher in der niedrigen Immobilienbesitzquote. Spanier oder Engländer besitzen fast doppelt so viel Wohneigentum. Das deutsche Durchschnittsvermögen ist nicht nur niedrig, es ist auch ungleich verteilt. Deutschland hat die höchste Vermögensungleichheit im Euro-Raum. Also mehr Umverteilung? Nein, der Schlüssel zu mehr Wohlstand und Teilhabe führt über Bildung und Weiterbildung, so der Ökonom. Kurzfristig wirkende Umverteilung wie die Mütterrente und die Rente mit 63 werden kritisiert, stattdessen „langfristig nachhaltiges Wachstum“ angemahnt. Wer würde hier widersprechen?
Für die Große Koalition und Europa
Der DIW-Chef sieht sein Buch als Blaupause sowohl für die Große Koalition wie die Europäische Union. Der Weg: Eine Politik der Haushaltskonsolidierung stellt das Vertrauen der Finanzmärkte wieder her und sorgt gleichzeitig für mehr öffentliche Investitionen. Das Zeitfenster schließt sich, da der demografische Wandel zu weniger Steuereinnahmen und steigenden Sozialausgaben führen wird. Die Rechnung liefert Fratzscher gleich mit: 80 Milliarden Euro beträgt die jährliche Investitionslücke allein in Deutschland. Doch woher das Geld nehmen, wenn mehr Schulden ausgeschlossen sind?
Fratzschers Antwort: Der Weg für mehr Investitionen führt über das Geld der privaten Akteure. Die private Investitionstätigkeit muss die Investitionslücke schließen. Wie das konkret gelingen kann, bleibt der Autor schuldig. Als Berater leitet Fratzscher nun eine Kommission im Auftrag von Wirtschaftsminister Gabriel. Am Ende soll eine Art Investitions-Masterplan stehen. Das Geld, so die frohe Botschaft, ist da. Aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsphase suchen Anleger nach sicheren und lukrativen, das heißt Rendite bringenden Anlagen. Hier schlägt sich Fratzscher auch auf die Seite des christdemokratischen Finanzministers. Die Sozialdemokraten wie die öffentliche Meinung sind skeptisch, was mehr private Beteiligung bei öffentlichen Aufgaben betrifft.
Marcel Fratzscher hat ein kluges Buch geschrieben, für den Leser wie für sich selbst. Es passt ideal zur Großen Koalition, die weniger Schulden und mehr Investitionen will und noch nicht weiß, wie sie dem Bürger mehr Europa erklären soll. Zahlen werden wir am Ende alle, gewinnen aber auch.
_Marcel Fratzscher: Die Deutschland-Illusion. Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen. 250 Seiten. Hanser Verlag. 19,90 €._

