Länger arbeiten, besser leben?

Daniel Dettling7.07.2014Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Sven Rahner hat Wissenschaftler, Zukunftsforscher, Politiker, Unternehmer und Gewerkschaftsvertreter interviewt und porträtiert. Steigt die Arbeitsbelastung weiter an oder finden wir flexiblere Lösungen?

An Burn-out, der neuen Modekrankheit, leiden nicht Manager und Unternehmer, sondern vor allem Arbeitslose, Studentinnen und Beamte im mittleren Dienst. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der DAK. Offenbar sind hier der Stress, der Arbeitsdruck und die geringe Wertschätzung am meisten verbreitet.

Eine Zweiteilung des Arbeitsmarktes zeichnet sich ab: hier die Bestausgebildeten und Hochqualifizierten, dort die Angestellten und Billiglöhner mit geringen Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten. Dazwischen, quasi als Grenzgänger und Wandler zwischen beiden Welten, die vielen Kreativen, Solo-Selbstständigen und Ich-Unternehmer, zu denen wohl auch der Autor des vorliegenden Gesprächsbandes gehört. Das macht das Buch persönlich und spannend.

Prämissen und Prognosen: Wunschdenken statt Wirklichkeit

Sven Rahner hat 18 Interviews geführt und seine Gesprächspartner porträtiert, Wissenschaftler, Zukunftsforscher, Politiker, Unternehmer und Gewerkschaftsvertreter. Seine eingangs aufgestellten Prämissen („Grenzen des Wachstums“, „Endlichkeit der Ressourcen“, „wachsende soziale Kluft“) werden leider in den Interviews kaum diskutiert oder hinterfragt. Und auch seine Prognose, dass die Arbeit der Zukunft „digitalisiert, diversifiziert und demokratisiert“ ist, entspringt mehr der politischen Präferenz des Autors denn einer empirischen Analyse.

Der Trend geht in eine andere Richtung: Arbeitsprozesse werden eher kleinteiliger und komplexer. Schlechte Zeiten also für Großorganisationen wie Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und Parteien.

Burn-out und Braindrain: Überleben in der Karrierewelt

Die These von der zunehmenden Arbeitsbelastung und des Drucks am Arbeitsplatz steht im Widerspruch von der abnehmenden Selbstmordrate in Deutschland. In der Regel gehen Depressionen mit Suiziden einher. Der Arbeits- und Gesundheitspsychologe Tim Hagemann nennt die zunehmende Individualisierung als Grund für die steigende Überforderung. Gab es früher strikte Vorgaben und Normen, was richtig und gut war, sind wir heute „Schmied unseres eigenen Glücks“.

Heute müssen wir selbst entscheiden und bestimmen. Kurt Biedenkopf fordert in dem Band sogar ein „Recht auf Verantwortung“. Die Berufswahl wird damit zur wichtigsten persönlichen Entscheidung. Und obwohl wir ökonomisch guten Zeiten entgegensehen, haben die Menschen heute das Gefühl, dass sie in Zukunft schlechter leben werden als ihre Eltern.

Vor einer neuen Auswanderungswelle warnt daher der ehemalige Telekom-Personalvorstand und heutige Berater Thomas Sattelberger. Die Arbeits- und Unternehmenswelt muss familien- und frauenfreundlicher werden. Moderne Arbeitszeitregime sehen auch Auszeitoptionen, Teilzeitkarrieren und altersgerechte Förderung vor. Das beginnt bereits mit der Sprache. Begriffe wie „Belegschaft“, „Personal“ und „Beschäftigte“ sind mit einem positiven Menschenbild nicht vereinbar, so Sattelberger. Zeitgemäßer sei der Begriff des „Unternehmensbürgers“. Dieser versteht sich als Teil des Unternehmens und wählt die operativen Führungskräfte direkt. Der Unternehmensbürger soll mehr Souveränität haben, auch Zeitsouveränität.

Flexibler, sicherer und mobiler

Eine stärkere Flexibilisierung und Individualisierung der Arbeit halten fast alle Gesprächspartner für den richtigen Weg. Das betrifft die Abkehr von starren Altersgrenzen, mehr Zeit für Familien und Weiterbildung wie mehr Beteiligung der Arbeitnehmer. So hat beispielsweise Schweden mit einer weitgehenden Flexibilisierung des Renteneintritts die höchste Beschäftigung Älterer in ganz Europa erreicht.

Die große Aufgabe wird daher sein, die jetzigen Modelle der Flexibilität, von denen überwiegend Besserverdienende und Hochqualifizierte profitieren, auf größere Teile der Bevölkerung zu übertragen. Es wird darum gehen, die zunehmende Abkopplung des Niedriglohnsektors zu beenden und Arbeitsmobilität auch innerhalb der Gesellschaft zu organisieren. Niemand kann und soll mehr ein Leben lang Krankenschwester oder Dachdecker sein müssen. In einer inklusiven Arbeitsgesellschaft muss jeder durch Bildung und Weiterbildung die Möglichkeit bekommen, mehr aus sich zu machen und aufzusteigen. Jeder? Jeder!

_Sven Rahner: Architekten der Arbeit. Entwürfe, Positionen, Kontroversen. 312 Seiten. Edition Körber Stiftung 2014. Euro 16._

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